18
Mai
2013

www.Falko-Hennig.de

Dienstag, 21. Mai 2013, Kaffee Burger (Torstr. 60, Berlin), 20.30 Uhr:
Radio Hochsee Themenabend
The History of Yodeling 
Experten: Falko Hennig & Doc Schoko
Euro 5,-


Mittwoch, 20. VI. 12, regnerisch:
Sofa: Ein geheimnisvoller Fremder hat, erfahre ich in der Sponholzstraße, hat die Mannschaftskasse bereits abgeholt. In der Internetrecherche erkennt Steffi Klaus Cäsar. Spreche mit Jorg von Gablenz, vielleicht können wir den Johnny Cash Abend in der Kalkscheune bei der Schönen Party geben.
Freudenhaus: Sendung mit bemerkenswert vielen kleinen Fehlleistungen, einmal vergesse ich vor dem Song zu sagen, was man erraten muss und einmal verrate ich die Auflösung gleich ganz. Aber gute Sendung, nette Damen, etwas reserviert, aber zumindest lachen sie auch mal.
Sofa: Nachdem ich gestern schon "Komm, süßer Tod" (A 2000) genießen durfte, ist es heute wieder ein Hader-Film, an dem ich mich ergötze: "Silentium" (A 2004).
Schreibtisch: Immer noch Hemmungen mir die entsprechenden Mails durchzulesen, sowohl beim Abidjan-Buch wie auch beim Schreiben von Ulrich Seidler.

Donnerstag, 21. VI. 12, regnerisch:
Schreibtisch: Halb 12 bin ich am Arbeitsplatz.
Eigentlich muss man wirklich feststellen, dass die Weitbrecht in keiner Weise einen kompetenten Eindruck hinterlässt, trotz Hinweisen auf den Unfall im Alter von 8 Jahren wurden viele Jahre versäumt und Jessikas Oberkiefer hat sich so zurückgebildet, dass nun ein Implantat erst nach mühsamen Wiederaufbau eingesetzt werden kann. Das ist alles keine schwarze Magie, das hätte sie sehen müssen, erst recht nach Hinweisen auf den Unfall und dass "da was ist". Ich selber habe auch keine guten Erfahrungen mit ihr gemacht, wieso laufe ich da andauernd zur Vorsorge hin, wenn sie dann noch urplötzlich den halben Zahn wegen Karies wegbohren muss?
Datenpflege nach 12, ab 13 Uhr arbeite ich am Arschlecken. Halb 4 damit fertig. Telefonate mit Papa, Heidi, Manuela, vergeblich bei Oberarzt Dr. Ruttloff.
Insgesamt vermag Walters Erscheinung es nicht, wirklich beruhigende Signale auszusenden. Einen neuen Pass hat er, auf dessen Foto er aussieht wie ein Zombie. Seine etwas missglückt wirkende Frisur, seine Tätowierung, jetzt unter dem Gips des gebrochenen Armes liegend, die Verletzung hat er sich bei einem betrunkenen Fahrradsturz zugezogen.
(Schreibtisch, 22. VI. 12:) Wäsche setze ich auf und trage sie wieder hoch, die gesamte Küche bringe ich in Ordnung, putze Herd und räume Geschirr weg.


Samstag, 22. VI. 12, sonnig:
Schreibtisch: Hänge Wäsche auf und mache mich halb 11 an mein Vorhaben, den runden Tisch leer zu räumen. Komme einigermaßen damit voran, aber klebe bald Fotos in Poesiealbum No. 4 und No. 2.
Recherchiere zum Polterjochen, inzwischen eine Bezeichnung für Schlagzeuger, erfahre ich: "Von ihren Musikerkollegen werden sie wegen ihrem penetranten Hang zur Lautstärke oft liebevoll als „Polterjochen“ bezeichnet." (Der Tagesspiegel/Potsdamer Neueste Nachrichten 22.10.2009)
"Sara Reinert: eine Geschichte in Briefen dem schönen Geschlechte in Deutschland gewidmet vom Verfasser des Siegfried von Lindenberg" (Berlin und Stettin 1796), Band 4
von Johann Gottwerth Müller genannt von Itzehoe
Abraham Blankard an die Witwe Willis,
"Hundert sechs und vierzigster Brief.
"Was sind das für klotzige, lumpige Pfalrammen von Kerlen, die einen Mann auslachen können, wenn sich von seinem Herzen eine Thräne loswindet! Ich bin ein Mann, darf ich sagen, der von Kindesbeinen an durch Dickicht und Krüppelbusch gehetzt ist; ich habe in manchen saueren Apfel beißen müssen ehe ich solch ein Mann wurde als ich jezt durch Gottes Segen bin, so daß ich wohl sagen mag, ich bin kein Zwiebelkathrinchen, kein Piepgänschen, und habe etwas tragen gelernt. Wenn ich gleichwohl so einen Bramarbas von Lieutenant vor mir, und sein Söhnchen welches er in Jahr und Tag nicht sah, ihm in die Arme fliegen sehe ohne daß ihn dieses im mindesten rührt, dann denke ich in meinem Sinne: Hört Ihr großer Sinjeur, brüllt Ihr gleich wie ein Stier und blaset wie ein Wallfisch, von meinetwegen seyd Ihr mit aller der Windmicheley nichts weiter als eine feige Memme, die wohl geschwind genug in ihre Hangmatte kriechen mag! Ey, was Hagel, wenn Ihr Euer Leben für das Land lassen sollt, müßt Ihr dann keine Liebe für das Land haben? Wird so ein Polterjochen sich die Beine unter dem Leibe wegschießen lassen, als ob das nun weiter nichts zu bedeuten hätte? Wird das einer thun, sage ich, dem alle väterlichen Gefühle in der Seele erfroren sind? Hm! bey mir ist das eine ausgemachte Wahrheit: Wer kein gefühlvolles Herz hat, kann kein tapferer Mann seyn."
Außerdem wird es nach wie vor, wenn auch selten, in der Bedeutung von grober, lauter, rücksichtsloser, unsensibler, taktloser Mensch gebraucht. Auch für tobende Kinder, ...
Kein richtig schöner Anlass, jetzt den Polterjochen zu verlassen, um zur Trauerfeier von Frau König zu radeln.
(Bar Gutshof Stolzenhagen, 23. VI. 12:) Unser Spiel, trotz eines genialen Tors von mir, bekomme einen Eckball und versenke ihn in der langen Ecke, unterirdisch, Tiefpunkt Schreien zwischen Jan und mir, bei dem ans Tageslicht kommt, dass ich keinen Schimmer von der Vorteilsregel habe. Dankenswerterweise klärt mich Klaus Cäsar anschließend auf.
(Schreibtisch, 28. VI. 12:) Im 1. ein Krimi um den Stasi-Mörder Skorpion, jetzt hat er zugestochen, Talium. Das Ambiente stimmt vorn und hinten nicht. Aber trotzdem spannend. Der beste Freund wars, ob die Freundschaft hält? Nun kuckt er nach Ende der DDR in die Horrorakten, 3 Mordaufträge gabs, und Ehefrau war IM Linda. Als er sie ausschimpfen will, hat sie sich entleibt. Nun sucht er die Peiniger auf, der erste ist voller Metastasen.
Die gusseiserne Kanzlerin ist in Europa nicht gerade beliebt. Breiviks Schlussplädoyer kommt bei den Angehörigen der Opfer nicht an. Nationalsozialistischer Untergrund, glaubt eigentlich jemand den Selbstmord?


Samstag, 23. VI. 12,
(Schreibtisch, 28. VI. 12:) "Hab mein Wage vollgelade voll mit jungen Mädchen", angekommen in Rangsdorf, Wassermelone, gezuckerte Erdbeeren.
Bar Gutshof Stolzenhagen: Chupita, die Leckerin, heißt die Hündin von der Tirolerin.
"Da ist etwas John Russel drin."
"Ist das nicht ein Schauspieler?"
"Nein, das ist Russel Crow." Was ich als Kind gemacht habe, eine Petze sei ich gewesen, weil sie lieber mit Ines spielte bin ich immer zu Mutti gelaufen: "Die lassen mich nicht mitspielen." Als sie ins Internat gekommen ist, bekam ich eine Fünf in Ordnung, weil sie mir immer die Tasche gepackt hatte.
Peter erzählt vom Schlachten, wie man die Schweine nass spritzt und dann mit der Betäubungszange, nur die Säue, die laufen immer mit den Köpfen in eine Ecke.
Karl Heinrich Schaible hat sich in seiner Broschüre "Deutsche Stich- und Hiebworte" (Strassburg & London 1885) mit der Herkunft von "Schimpf"
Im Mittelhochdeutschen wurde "Schimpf" in der Bedeutung von "Spott", aber noch häufiger als "Scherz" oder "Spiel" verwendet und ist also das Gegenteil von "Ernst". Etwas "in schimpf ûf nemen" war also nicht eine beleidigte Reaktion sondern bedeutete etwas als Spaß aufnehmen. Bei Ritterturnieren
... macht es deutlich, dass es sich um ein Spiel und kein wirkliches Gefecht handelt. Entsprechend hieß "schimpflich" so viel wie "scherzhaft" oder "spöttisch".
Gefallene Wörter
Abstieg ehrenwerter Wörter: Kerl, Dirne, Gesindel
Noch Luther gebrauchte "Dirne" für Jungfrau, aber die ursprüngliche Bedeutung war, abgeleitet von diu und diwe "Dienerin". Die "Dirne Gottes" war im Mittelhochdeutschen also nicht die "Jungfrau Gottes", sondern die "Dienerin Gottes".
Gesindel Verkleinerungsform von Gesinde, also Dienerschaft...


Sonntag, 24. VI. 12, Stolzenhagen sonnig, Berlin bedeckt:
Schreibtisch: Nur eine Viertelstunde für meinen Text über gefallene Wörter, verschiebe es auf später, wichtiger ist, vor der angedrohten Vollstreckung, 36 Euro ans gottverfluchte Finanzamt zu bezahlen.
Halb 6 wieder am Platze, Gefallene Wörter: Aschenbrödel, Aschenputtel (S. 23) Tölpel ...
(Schreibtisch, 28. VI. 12:) Werde in der Reformbühne heute über Gefallene Wörter von Schimpf bis Elpentrötsch referieren.
Kaffee Burger: Was bleibt von der EM? Dass der Afrikaner von den Italienern einen gebleichten Iro trug? Wie Löw dem Balljungen den Ball aus dem Arm schlug? Jewtschenkos Kopfballtore?
Schwabe, Sachse, Neger, Fotze, Schwuler.
Sofa: Seit wann genau Neger ein Schimpfwort ist?
Ich erinnere mich an meine Kindergärtnerin von circa 1975, die uns Kindern in Bezug auf die Bezeichnung Neger erklärte, dass man das nicht sage, weil das ja so ähnliche Nigger eine Beschimpfung der Sklavenhalter gegenüber ihren Opfern (?) sei. Natürlich war weder damals noch später jeder ein Rassist, der Neger sagte. Seit ungefähr 1995 allerdings sind es nur noch Rechtsextreme oder Menschen mit ausgeprägter Provokationslust, die Mitmenschen afrikanischer Herkunft so bezeichnen.
Auch Neger ist ein gefallenes Wort, bis in 1970er Jahre war es in West- wie in Ostdeutschland die auch politisch korrekte Bezeichnung .... Wende war ... WAS? Veröff.!
Rudi Dutschke...
http://www.infopartisan.net/archive/1967/2667107.html
Herkunft ... http://de.m.wikipedia.org/wiki/Neger


Montag, 25. VI. 12, wechselnd:
Schreibtisch: Halb 12 am Arbeitsplatz, Korrigieren der gefallenen Wörter und des Arschleckens.
Dann schreibe ich für Jürgen den Eintrag zu Salbader ab (S. 20), aus "Deutsche Stich- und Hiebworte. Eine Abhandlung über deutsche Schelt-, Spott- und Schimpfwörter, altdeutsche Verfluchungen und Flüche." (Strassburg & London 1885):
"Die Spottnamen Salbader und salbadern sollen ebenfalls localen Ursprung haben. Doch gibt es dafür zwei verschiedene Erklärungen. Nach der einen ist das Wort in Jena entstanden. (S. Eiselein's Sprichwörter und Sinnreden, S.536.) Es lebte daselbst vor dem Saalthore in einem Badehause Hans Kranich, Barbier und Chirurg, der durch seine kopflose Geschwätzigkeit so bekannt war, dass die Redensart aufkam: "Er spricht wie der Saalbader". Die andere Erklärung ist, (S. Büchmann, Geflügelte Worte.) dass ein gewisser Jakob Vogel, Bader aus Stössen an der Saale, in alter Zeit zum kaiserlichen Dichter gekrönt wurde zur Belohnung für seine unsinnigen Gedichte. Eine dritte Erklärung anderer Art ist die, dass "salbadern" eine Entstellung sei aus "salvatern", den Namen des Erlösers oft im Munde führen. (S. Andresen, Ueber deutsche Volksetymologie, S. 209)."
Halb 1 an die Hausarbeiten: Wäsche einsortieren und neu aufsetzen, runden Tisch freiräumen, das habe ich mir für heute vorgenommen. Ach, wie leicht mir plötzlich das Arbeiten fällt. Erst nach 1 entspreche ich wirklich meinem Vorhaben.
(Schreibtisch, 29. VI. 12:) Bruno hat betrunken seine Frau nach einem Streit auf dem Balkon ausgesperrt, beim Versuch hinunterzuklettern ist sie zu Tode gestürzt.
(Schreibtisch, 28. VI. 12:) Ein DDR-Serienmörder fährt auf 3sat sein neuestes Opfer mit einem Lada zu Tode, aber die K ist ihm auf den Versen.
heute nacht im ZDF, 100 Tage ist Gauck im Amt, launige Enthüllungen im Kanzleramt, unkonventionell sei er, viel Gefühl in Israel.


Dienstag, 26. VI. 12, bedeckt:
Schreibtisch: Der von mir schon vermisste CouchSurfer Krisjanis Bebers ist beruhigenderweise wieder aufgetaucht, hatte schon überlegt, ob ich die Polizei verständigen müsste, wenn er verschwunden bliebe. Morgen wird er nach Hamburg weiterreisen.
Ratenzahlungsvereinbarung mit hgv abgeschlossen, Bezahlung von 5 weiteren Rechnungen schiebe ich auf.
Papa ist gegen seinen Willen ins Krankenhaus Ludwigsfelde entlassen, will nach Hause und wird sich mutmaßlich nicht hindern lassen.
Telefonat mit der Betreuungsfrau für morgen.
(Schreibtisch, 28. VI. 12:) Zeitungslektüre, FAZ, in der Kapelle, das tödliche Wurstgift Botulinumtoxin "Botox" wird als Vistabel vertrieben, von Bakterien produziert und kostet pro Gramm Milliarden Euro. Es hilft gegen Schielen und Muskelkrämpfe und lähmt, in der richtigen Verdünnung gespritzt, die faltenbildenden Muskeln.
Mein Psychotherapeut rät mir, meine Minderwertigkeitskomplexe "Elpentrötsche" zu taufen.
Björn Kuligk schreibt, dass Kerstin Hensel mal geschrieben hat: Literarisches Krematorium. Sitze im Literaturbetrieb am Wannsee und höre Michal Hvorecký "Tod auf der Donau" vorlesen.
(Schreibtisch, 29. VI. 12:) Ich bin trockener Alkoholiker, insofern erfreuen mich Flaschen mit Schnaps als Gastgeschenke nicht übermäßig.
I'm dry alcoholic, so my enthusiasm on bottles of booze as present is curbed.
Am Sandwerder, LCB: Zu Kleists Grab, gut, dass man davon abgekommen ist, Selbstmörder am Ort ihres Verbrechens zu begraben.
Bekenntnisse: Wenn solche Elpentrötsche, ... usw. Quacksalber... in der Charité arbeiteten, ...
Unter Einfluss verstehe ich die Menschen, sehr schnell nicht mehr, die Worte und Buchstaben ziehen sich falsch zusammen: "S Öinekroni Kdersch Ariteh..." schon war ich ausgestiegen und versuchte nicht mehr den "plursch"s und "Krobbs" einen Sinn abzugewinnen sondern ein freundliches Gesicht zu machen und eine Antwort zu finden, die passen würde. Ich entschied mich für "Irgendwas ist immer." Der Klassiker ...
Fürs Poesiealbum: Michael Stavaric, ...
Robert-Bosch-Stiftung
Maja Pflüger und Frau von ???? Beide aus Stuttgart,
http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/1535.asp
Oktober Abgabe Unbedingt!!!!
http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/1100.asp
November Abgabe Unbedingt!!!!
http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/38866.asp
Auch mal fragen!
http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/18410.asp
Erstes, 22.45 Uhr: "Die Spitzel von Scientology"
Für Mi: -Termin mit Settgast machen und sicherstellen, dass er hingeht.
-Essen auf Rädern
-Tag fürs Einkaufen
Wiebke Porombka stellt Olga Grjasnowa vor, für positives Aufsehen habe ihr Roman über eine junge Frau aus Berg Karabach gesorgt. Wenn sie nicht so viel über die knappe Zeit klagen würde, hätte sie mehr für die Literatur zur Verfügung.
Den Eindruck eines ziemlichen Arschlochs macht ein rumänischer Panflötist, abgesehen von seiner Geldgier ist er fies zu seinen Schülerinnen und nationalistisch verblendet, glaubt, dass sein unerträgliches Gepfeife die Grundlage der zukünftigen Weltmusik sei. Mit Grausen wendet man sich ab.
Unfassbar, auf der Leinwand Kombinat und das höchste Gebäude Rumäniens, in dem ich gerade mit Jochen war. Das Volksmusik-Quartett allerdings steigt nicht über den Stacheldraht-Zaun wie wir.


Mittwoch, 27. VI. 12,
Bei Papa, Wohnzimmer: 3 Bierflaschen hat er stehen, aus einer trinkt er, es ist gerade mal 10. Zu Dr. Settgast solle er? Was ich mir denn davon verspreche? Dass er schwerkrank dem Hospital entsprungen vor der nächsten OP, mutmaßlich Herzschrittmacher, steht, dass er ...
Er versucht, Essen auf Rädern zu bestellen, bin dabei erfolgreicher, als ich mit dem Seniorenheim des ASB telefoniere.
Arschloch-Scheißer und Dussel-Sau waren Eckis größte Schimpfwörter, erzählt er, als ich von der Schimpfwörter-Kolumne erzähle.
Bei Ralle: Es geht ihm relativ gut, zweimal muss er sich auf dem Weg zum Optiker setzen, viele male rasten, aber verglichen mit Weihnachten ist es Gold.
(Schreibtisch, 28. VI. 12:) Warten im Ludwigsfelder Wohnzimmer auf die Dame von der zuständigen Pflegestelle Luckenwalde. Diagnostiziert wurde u.a. symptomatischer trifazikulärer Block mit rez. Synkopen (Empfehlung Herzschrittmacher), 2-Gefäß-KHK mit Z.n. PTCA und Stenting der ostealen RCA 09/2011, Z.n. PTCa und Drug-Eluting-Ballon einer Instent-Restenose.
Bei Papa, Wohnzimmer: Zwischen 12 und ½1 bei Settgast anrufen!
Langsam aber sicher füllen sich meine Auftragsbücher, kann für den Tagesspiegel über einen Baudenkmale geschützt habenden Tibet-Fan schreiben.
Bei Ralle: Regen, einer dieser Wegwerfschirme kackt mir aus dem Bahnhof ab. Bei mir Stullen und absolviere meinen Nachmittagsschlaf wegen des Lärms vom Dielenabschleifen gegenüber in der Küche.
Verlieren gegen Cornelsen und kucken Portugal gegen Spanien, als die Memmen die wir sind, entfliehen wir nach 20 Minuten ins etwas heimiligere Innere.
http://m.welt.de/article.do?id=%252Fnewsticker%252Fnews3%252Farticle106746136%252FAnklage-gegen-Ex-Buergermeister-Scholl-erhoben.html

Donnerstag, 28. VI. 12, bedeckt:
Schreibtisch: 20 nach 10 am Schreibtisch, Formulieren und Verschicken meiner Rundmail.
Rundmail verschickt, zu einem Nachruif für den Tagesspiegel telefoniert und recherchiert, Vortrag in Leipzig klar gemacht.
Kopiere die gestrigen Twitter-Einträge ins Hauptjournal.
Lade für Voland + Quist die Bilder des Monats von Reform- und unserer ivorischen Partnerbühne hoch. https://picasaweb.google.com/107798941061096407821/PartnerbilderReformbuhneFreieFeder?gsessionid=Imc0bTBsz1xUoCrsIcqxxA
Schreibtisch: In die Kapelle zur Zeitungslektüre, FAZ. Zu welchen Schlagzeilen es die Vorhaut in der Saure-Gurken-Zeit bringen kann! Beschneidungsverbot für Jüdische Gemeinde nicht hinnehmbar, denn der Bund mit Gott komme erst durch die Entfernung der Vorhaut zustande, nur ohne sie sei man Jude. Seit 2000 gibts Rebellengruppe Kahal in Israel, 1998 wollte die "Organisation gegen Genitalverstümmelung" diese dort verbieten lassen.
Bushidos Praktikum beim CDU-Abgeordneten von Stetten ist grotesk fehlgeschlagen: der Rapper will mit eigener Partei Bürgermeister werden.
Lonesome Georges Herz ist gebrochen, teilt der Galápagos-Naturpark mit. Die letzte "Chelonoides abingdoni" wird mitleidig ausgestopft.
Viel Spaß mit Euerm Bubble Tea: Die Perlen bestehen aus erdnussgroßen Stärkekügelchen, die Strohhalme verstopfen. Durchs starke Saugen schießen die Perlen durch Halm in die Luftröhre, Todesröcheln, Lungenentzündungen, Lungenkollaps, Agonie! Wer den Angriff der tödlichen Geschosse doch überlebt wird durch Kalorienbombe mit Fruchtsirup und Kaugummikügelchen aufdunsen.
Einkäufe, Bananen, Butter, Toilettenpapier, aber ich kaufe das alles nicht nur, sondern schreibe es noch für die Ewigkeit auf.
Kann nach getanem Interview noch für Kulturzeit posieren und mit meinen Schreibmaschinenkenntnissen glänzen. Einer der Kameramänner hat "Trabanten" gelesen, so hat sich diese Arbeit also auch noch gelohnt.
Biergarten Flugfeld Tempelhof: Madonna kommt in einem Beitrag in Kulturzeit nicht so gut weg, eine Leni Riefenstahl sei sie und könne nicht in Würde altern. Man nimmt ihr übel, dass sie sich von 3000 Sklaven auf einem Thron ins Stadion ziehen lässt. Ich finde sie auch zum Kotzen.
Biergarten Flugfeld Tempelhof: Die Azubis wechseln Balotelli aus, wars der, der von der Polizei mit 10.000 € in bar angehalten und gefragt, warum er so viel Bargeld bei habe, antwortete: "Weil ich reich bin."?
Sofa: Bis nach 2 schreibe ich am "Retter von Lhasa".


Freitag, 29. VI. 12, sonnig:
Schreibtisch: VG Bild Meldung eingeben, es klappt online, aber ich habe 2011 nur ein Foto mit Honorar, dann suche ich vergeblich nach Logbuch No. 12, wo kann es nur sein? Aus Bulgarien habe ich es leicht verbogen mit zurück gebracht.
Ab halb 1 am "Retter von Lhasa", halb 3 mache ich Mittagspause, Erdbeeren!
Schreibtisch: Versuche, einiges an Daten zu sichern und zu löschen und drucke mir Material für den morgigen Stadtspaziergang aus.
(Schreibtisch, 30. VI. 12:) Bekomme beim Fußball Nils Ellenbogen volle Kanne gegen die rechte Maxilla meines Schädels, so dass die Zähne das Wangenfleisch aufreißen und ich Blut spucke. Da merkt man, dass man lebt.


Samstag, 30. VI. 12, sonnig:
Sofa: Exzellent vorbereitet warte ich am Mühlendamm auf Rigoletti, da ist sie schon! Ein schönes Kopfballtor gelingt mir, gerade als Jost ruft: "Was rennst Du denn da vorne rum? Das bringt doch nichts!" Aber verlieren trotzdem.
Er erzählt stundenlang von seinen Erfindungen ohne eine einzige Frage zu stellen.
Sofa: Ein sonniger Tag auf den Cöllner Spuren von Jahn, Nicolai, Gotzkowski und Raabe neigt sich.
Inspiriert durch meine Spaziergang etwas zu Nicolai:
Friedrich Nicolai, was kann man Freundliches zu ihm sagen? 1733 ist er geboren worden. Er war hässlich wie die Nacht und überlebte alle seine acht Kinder. Er war Freimaurer und Mitglied der Illuminaten, bei denen er Diocletian hießt und es zum Regenten und Präfekten von Berlin brachte. Goethes "Werther" fand er larmoyant und schrieb lieber die "Freuden des jungen Werther", worauf Goethe ein Gedicht über ihn schrieb, "Nicolai auf Werthers Grabe":
"Ein junger Mensch ich weiß nicht wie,
Starb einst an der Hypochondrie
Und ward dann auch begraben.
Da kam ein schöner Geist herbei
Der hatte seinen Stuhlgang frei,
Wie ihn so Leute haben.
Der setzt sich nieder auf das Grab,
Und legt ein reinlich Häuflein ab,
Schaut mit Behagen seinen Dreck,
Geht wohl erathmend wieder weg,
Und spricht zu sich bedächtiglich:
„Der arme Mensch, er dauert mich
Wie hat er sich verdorben!
Hätt' er geschissen so wie ich,
Er wäre nicht gestorben!''"
Am beeindruckendsten war Nicolais Tätigkeit als Mediziner. Er litt unter Phantasmen, also Halluzinationen.
Lese Friedrich Nicolais "Beispiel einer Erscheinung mehrerer Phantasmen nebste einigen erläuternden Anmerkungen" (Berlin, 28. Hornung 1799).
1778 hatte er ein Gallenfieber, bei der ihm kolorierte Bilder in halber Lebensgröße erschienen, hauptsächlich gerahmte Landschaften mit Bäumen und Felsen.
Zweimal pro Jahr ließ er sich zur Ader lassen. 1783 hatte ihn ein heftiger Schwindel erfasst, Ursache ganz klar: Verstopfungen in den Gefäßen des Unterleibs durch sitzendes Leben und jahrelange Geistesanstrengung. Was half dagegen? Natürlich Blutegel am Arsch. Das war ja noch besser, als dieses ewige zur-Ader-Lassen. Pro Jahr dreimal, immer wenn Nicolai Kongestionen am Kopf verspürte, ließ er sich Blutegel an den Arsch setzen.
1791 sah er zehn Schritte vor sich einen Verstorbenen stehen, aber seine Frau sah ihn nicht. Offensichtlich waren seinen Nerven in widernatürliche Lage geraten. Zu der einen Gestalt gesellten sich schnell wandelnde Figuren. Die Einnahme von Arzneien vermehrten und veränderten die erscheinenden Gestalten. Sein Schluss: "Wenn einmal das Nervensystem so sehr angespannt, so sehr schwach, kurz so verstimmt ist, daß dergleichen Gestalten erscheinen können, als würden sie gesehen und gehört, so folgten bei mir diese Blendwerke keinem bekannten Gesetze der Vernunft."
Die Phantasmen bevölkerten Nicolais Zimmer, Bekannte, viele Unbekannte, Lebende und Verstorbene, Phantome. Manchmal kamen sie mit Pferden, Hunden und Vögeln. Es wurden mehr und mehr.
Also war am 20. April Zeit, mal wieder Egel ans After zu setzen. Nicolai war mit seinem Wundarzt allein, das Zimmer wimmelte aber von Phantomen, Dryaden und sogar Hamadryaden. 11 Uhr begann es, halb fünf begannen die Phantasmen zu verblassen und zerflossen schließlich in der Luft. Nie wieder tauchten sie auf. Die Phantasmen waren von sechs Blutegeln weggesaugt worden.
Leider hat die Bildschirmdarstellung des Fernsehers wieder die Sanduhrform angenommen, wie hieß die Diode? Ost-West. Dazu ein Geruch nach verbranntem Kabel, ob das nun von meinen externen Festplatten kommt? Schalte halb 1 alles aus, kucke eine völlig unkomische Jim-Carrey-Komödie "Ich liebe Dich Phlipp Morris" (F/USA 2009), warum? Keine Ahnung. (Schreibtisch, 1. VII. 12:) Dass er zusammen mit Ewan McGregor nicht mal überzeugend einen Schwulen darstellen kann! Hätte ihm mehr zugetraut. In der Hauptsache fehlt dem Film einfach irgend eine Art von Handlung, und dass er zwischenzeitlich an Aids stirbt, macht ihn nicht interessanter.

17
Mai
2013

www.Falko-Hennig.de

17. Mai 2013, Potsdam, Nil (Am Neuen Palais 10, 14471 Potsdam), 21 Uhr:
Kultur: Texte im Untergrund
3 Euro

Dienstag, 21. Mai 2013, Kaffee Burger (Torstr. 60, Berlin), 20.30 Uhr:
Radio Hochsee Themenabend
The History of Yodeling 
Experten: Falko Hennig & Doc Schoko
Euro 5,-


Mittwoch, 6. V. 12, sonnig:
Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str., Bett: Eine halbe Stunde nehme ich mir gegen 9 für eine neue Chronik.
Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str., Pult: Am Anfang denke ich, dass ich es nicht aushalten kann, aber dann ist es ganz entspannend, wie mir die singapurischen Fische die tote Haut von den Füßen knabbern. Warum sich die Arbeit machen, wenn es die Welse doch viel besser können?
Kitzelt im ersten Moment sehr, dann ist es eine recht entspannende Symbiose.
Aus Wikipedia:
Die Rote Saugbarbe (Garra rufa), engl. doctor fish[1], ist ein bis zu 14 cm großer Fisch aus der Familie der Karpfenfische (Cyprinidae). Sie kommt in Jordan-, im Orontes- und in Euphrat-Tigris-System, sowie in einigen Küstenflüssen Nordsyriens und der südlichen Türkei vor. Bekannt (s.u.) wurde vor allem eine Population aus der Region Kangal in der Türkei, weshalb sie auch Kangalfische genannt werden. Charakteristisch ist eine rötliche Färbung der Schwanzflosse. Erstmals erwähnt wurde die Tierart 1843 vom Biologen Johann Jakob Heckel. Die nachfolgenden Informationen beziehen sich vor allem auf die Population aus Kangal. Eine Population der Roten Saugbarbe lebt in warmen Quellen mit einer Wassertemperatur bis zu 36 °C.
Saugbarben sind als Psoriasisfische[3] bekannt geworden, und sie leben in warmen, sehr nährstoffarmen Gewässern, in denen es einen evolutionären Vorteil darstellt, ohne Scheu zum Beispiel auf Menschen zuzuschwimmen und dort die aufgeweichten oberen Hautschichten abzuknabbern. Mitunter wird von Versuchspersonen dieser Vorgang auch als „Anstubsen“ der betroffenen Hautstellen beschrieben. Hierbei lösen sich Hautpartikel und werden von den Fischen gefressen.[4][5] Dies geschieht besonders leicht bei Verhornungsstörungen, wie zum Beispiel der Psoriasis. Es wird auch von Neurodermitis-, Akne- oder Ekzem-Patienten berichtet, denen die Fische auf diese Weise Linderung und Hilfe verschaffen.
Garra rufa ist nach Deutschem Tierschutzgesetz uneingeschränkt geschützt. Eine gewerbsmäßige Haltung zu kosmetischen und Wellness-Zwecken ist nach Auffassung des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen nicht erlaubnisfähig, weil durch die Haltung den Fischen unvermeidbare Schmerzen, Leiden und Schäden zugefügt werden, die mit einem vernünftigen Grund nicht in Einklang zu bringen sind. Rechtlich sind Kangalfische beim Einsatz am Menschen, ähnlich den medizinischen Blutegeln oder Fliegenmaden zur Behandlung von Wunden, als Arzneimittel zu sehen. Werden sie zur Linderung oder Heilung von Krankheiten eingesetzt, ist eine Heilpraktikererlaubnis erforderlich.
Die Arena in der Altstadt, das Amphietheater oberhalb, das Haus des Schriftstellerverbandes.
Viertel nach 2 im Quartier und an die Arbeit. Massiere den Henker von Lippold in den ersten Akt der Bekenntnisse ein.
Mittagsschlaf, gegen halb 6 weiter mit Lippold ben Judel Chluchim von Prag.
Vielleicht der größte Erfolg des Tages, habe Fredrik Sjöbergs "Kunst zu fliehen" über Gunnar Widforss ausgelesen, ein großes Lesevergnügen. Jetzt bleibt mir als Lektüre noch "Das Buch der verbotenen Bücher" von Werner Fuld, das sollte reichen.
Erledigt:
-Sebastian und Diecket fragen, wie der Stand ist und ob ich ihm Fotos schon geschickt habe und obs Übersetzung von "Ivorer" gibt
Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str., Bett: Kucke bis um 3 Laurel und Hardy bei der Fremdenlegion und wundere mich dabei, dass ich so müde bin.


Donnerstag, 7. VI. 12, sonnig:
Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str., rotes Zimmer, Bett: Eine Dreiviertelstunde Dauerlauf, über die Maritza, am Messegelände vorbei, durch ein Gewerbe- und ein Neubaugebiet.
Schreibtisch: Was Ailek war, erfuhr ich von dem Ska-Punk-Musiker aus Russland: Völlige Entspannung, aber ohne den ganzen Stress.
So machte ich einen Dauerlauf, ich war in Plowdiw, der zweitgrößten und vielleicht schönsten Stadt Bulgariens, eigentlich wollte ich arbeiten, aber was heißt schon "eigentlich" und was "wollte". Niemand will arbeiten.
Ich entschied mich für einen Dauerlauf, körpereigenes Morphin ausschütten, und los gings. Ich wohnte in einem Gästehaus der Art Today Association...
Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str., rotes Zimmer, Bett: Sehr eigenartig verläuft die Korrespondenz zum Fußball mit Kurt Wärber, weil er die Mails, die ich ihm schreibe, nicht liest und entsprechend zuerst wirr dann empört antwortet. Bei der Mannschaft muss man Schwarmblödheit diagnostizieren.
Pult: Erfreuliches entnehme ich meinem Kontostand, außer der Bundesagentur für Arbeit hat auch "Der Spiegel" bezahlt, 400 Öcken, kann Heidi ihre 300 überweisen.
Um 1 ist es, ehe ich endlich Email abschalte und mich dem Eigentlichen zuwende: den Bekenntnissen.
Lese ab 5 in Kirstens pdf-Fahnen Korrektur:
Liebe Kirsten,
bin etwas unsicher, ob Dir das Korrekturlesen überhaupt recht ist, bis dahin breche ichs ab. Meine Ergebnisse bis S. 41 folgen unten.
Für meinen Eintrag bitte ich um Ergänzung:
Falko Hennig, Schriftsteller, Journalist, Radio Hochsee, Berlin, www.falko-hennig.de
Gruß aus Plowdiw
Falko
S. 2:
Falsch: Fotos : Kirsten Klöckner
Richtig: Fotos: Kirsten Klöckner
S. 6: Es ist dies:
würde ich weglassen, wenn es denn drin bleiben muss, ist
Es sind dies:
richtiger
S. 10
Falsch: doch.Was
Richtig: doch. Was
S. 16
Falsch: Die Arbeiter waren ja die herrschende Klasse,
Richtig: Die Arbeiter waren die herrschende Klasse,
S. 26
Das erwähnte Bild befindet sich auf S. 17, hat das einen Sinn und wäre es nicht näher an der Erwähnung besser, vielleicht statt der Kraftwerkerin?
S. 31
Falsch: Das liegt daran, weil es dort kein Sushi gibt.
Richtig: Das liegt daran, dass es dort kein Sushi gibt.
oder noch besser:
Weil es dort kein Sushi gibt.
S. 34
Wie S. 26, Kisten und Gerüststapel werden erwähnt und man muss wieder durchs halbe Buch blättern, gehts nicht näher ran?
S. 38
dasselbe, da heißt es sogar
wie man
hier unschwer erkennen kann. (Bild 1)
Und statt hier ist es dann ganz am Anfang.
S. 39
Falsch: Stimmchen. „Rot jetzt, aber nur
winziges Tröpfchen!.“
Richtig: Stimmchen: „Rot jetzt, aber nur
winziges Tröpfchen!“
S. 41
Falsch: Mit dem Bau des des Stahlkombinats Eisenhüttenstadt
Richtig: Mit dem Bau des Stahlkombinats Eisenhüttenstadt
Falsch: Einwohner. Ab
Richtig: Einwohner. Ab
Mache bis gegen halb 8 noch den Schweinepriester für die Berliner fertig, nun habe ich mir einige alkoholfreie Biere verdient.


Freitag, 8. VI. 12, sonnig:
Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str., Pult: T: Lasse meine Hände maniküren, die Fingernägel sähen ja schlimm aus, sagt mir der Mann, er stempelt etwas auf sie, wohl um zu sehen, welche er schon behandelt hat.

Auf in die Stadt, Spaziergang zum Bahnhof, Ticket kaufen, und zum Terrarium stehen auf dem Plan.
(Sofia, Zar Simeon, Wohnzimmer, 10. VI. 12:) Was für schöne Gesichter manche Schlangen haben. Nicht nur, dass ich trotz Umbau in die einzige Terraristik-Ausstellung Bulgariens gelassen wurde, danach konnte ich diesen bildschönen W50 ablichten. Falls es irgendjemand nicht weiß: Der W50 wurde in den Industriewerken Ludwigsfelde von 1965 bis 1990 gebaut.
Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str., Pult: Ein prall-sonniger Tag.
16.05 im Quartier, das ich morgen verlassen werde.
Habe Seidler die falsche Version des Schweinepriesters geschickt, also nochmal die richtige.
Weiter Korrekturlesen bei Kirstens Buch, erst nach halb 2 bin ich fertig.
Liebe Kirsten,
insgesamt sehr unterhaltsames Buch, wird ein Knaller!
Ich persönlich fände statt Lahmann Dich in der Ich-Form reizvoller, ich wills vor Drucklegung nur geschrieben haben und mir ist klar, dass Du Dir was bei gedacht hast und es sehr aufwändig wäre, das alles noch zu ändern. Ist ja vielleicht nur, weil ich Dich kenne.
Gute Nacht aus Plowdiw
Falko
S. 44 ein Hurenkind, also einfach Absatz hinter "aufgebaut." wegnehmen und gut ist.
S. 48
In
Zitate, die sie sich zu verändern und zu etwas ganz anderem zu verwandeln zutraut.
sind für meinen Geschmackt etwas viele "zu"s.
S. 53
ND erklärungsbedürftig, auch wenn Neues Deutschland davor erwähnt ist
S. 53/54
Warum ist die Erklärung zur Fußnote von S. 53 auf S. 54?
S. 54
Der Satz
Aus
diesem Grund scheint eine Beschäftigung mit dieser Kunst
eben auch überflüssig, denn dort hatte sie angeblich keine Ins-
piration, war nur Auftrag und ist deshalb irrelevant.
ergibt keinen Sinn. (Es behauptet doch niemand, dass es in der DDR keine Inspiration gab, sondern nur, dass es keine Inspiration von außen gab.)
Besser:
Aus
diesem Grund scheint eine Beschäftigung mit dieser Kunst
auch überflüssig, sie war nur Auftrag und ist deshalb irrelevant.
oder:
Aus
diesem Grund scheint eine Beschäftigung mit dieser Kunst
eben auch überflüssig, denn dort hatte sie angeblich keine Ins-
piration von außen, war nur Auftrag und ist deshalb irrelevant.
S. 55
Falsch: der schwer an einen bombastischen
Strauß
Richtig: der schwer an einem bombastischen
Strauß
S. 58
Falsch: Nun planst du dieses Gemälde – sagt man Gemälde?
Richtig: Nun planst du dieses Gemälde... Sagt man Gemälde?
S. 59
Falsch: K. K.): Tja.
Richtig: K. K.: Tja.
S. 58 bis 61 finde ich es sehr schade, dass nicht die Bilder zu sehen sind, um die es geht. Klaus ist da sehr verwirrend, man wird sich wundern, wieso Helene so aussieht.
S. 63
Falsch: weil mich
dieses Bild an eine wirklich sehr schöne Zeit erinnert, die kürz-
lich in meinem Leben stattfand, was ich wohl in der Art nicht so
schnell wieder erleben werde.
Richtig: weil mich
dieses Bild an eine wirklich sehr schöne Zeit kürzlich in meinem Leben erinnert, wie ich sie wohl in der Art nicht so
schnell wieder erleben werde.
(Ist etwas Ansichtssache wegen gesprochener Sprache und so, aber eine Zeit kann nicht stattfinden, finde ich.)
Außerdem ist (aus welchen Gründen auch immer) der Schnitt der Zeile
H. H.: Das Kirschblütenfest „Hanami“ in Japan ist ein hoher Feiertag...
schmaler als der der anderen.
Falsch: (F. H.):
Richtig: F. H.:
S. 65
Hurenkind
S. 66
okay
Woanders stand mal O. K., vereinheitlichen!
S. 71
Falsch:Kirsten ist ja auch eine durchaus politisch engagierte
Frau, was ich sehr schätze.
Richtig: Kirsten ist ja eine durchaus politisch engagierte
Frau, was ich sehr schätze.
Ist zwar "nur" ein Ausdrucksfehler, trotzdem,
S. 73
Falsch: Exemplar des Multiples HonigBlau , signiert und nummeriert.
Richtig: Exemplar des Multiples HonigBlau, signiert und nummeriert.
S. 76
Falsch: Hast du Dich selber mal an einem Lenin-Bild versucht?
Richtig: Hast Du Dich selber mal an einem Lenin-Bild versucht?
S. 78
Falsch: Wie schätzt du die Kunst ein,
Richtig: Wie schätzt Du die Kunst ein,
Sicher sinnvoll, nochmal alle "Du"s und "Dich"s nach einheitlicher Schreibweise durchzugehen.
Falsch: Er war es ja auch, der Arno Breker gleich
nach Moskau einlud, um dort weiter zu arbeiten.
Richtig: Er war es ja auch, der Arno Breker gleich
nach Moskau einlud, um ihn dort weiter arbeiten zu lassen.
Falsch: Wie sollte man deiner Meinung nach
Richtig: Wie sollte man Deiner Meinung nach
S. 79
Falsch: „Menschheitsschritt“ geschaffen, Heisig Helmut Schmidt port-
rätiert,
Richtig: „Jahrhundertschritt“ geschaffen, Heisig Helmut Schmidt por-
trätiert,
Klaus wg. Jahrhundertschritt nochmal fragen! Trennung ist so vom Duden empfohlen.
S. 82
In folgendem Absatz stimmt der Zeilenabstand nicht:
Ich hatte übrigens eine Großmutter, die gern dichtete. Die örtli-
che SED-Bezirkszeitung „Freiheit“ schrieb regelmäßig Wettbe-
werbe aus, die auch von meiner Oma beschickt wurden. Eines
ihrer Gedichte begann so: „Dort wo der Dreck vom Himmel
fällt, da ist Bitterfeld.“
S. 84
Falsch: (Bild 16,18, 19, 20)
Richtig: (Bild 16, 18, 19, 20)
S. 86
Falsch: im Bitterfelder CKB
Richtig: im CKB
wg. Chemie Kombinat Bitterfeld
S. 88
Falsch: Aber die Tischdecken
Richtig: Die Tischdecken
S. 91
Für die Vereinheitlichung, also entweder okay oder wie dort:
Wir sind o. k.!
S. 102
Falsch: Malweise.Be-
trachten
Richtig: Malweise. Be-
trachten
S. 104
Falsch: kast-
rierten
Vom Duden empfohlene Trennung:
kas-
trierten
S. 105
Deinem oder deinem?
Mit deinem Wunsch-
auftrag
S. 107
Zwischen
Kannst du dir darunter irgendetwas vorstellen?
und
K. K.: Oh Gott! Aura! Das wollte ich nicht. Ich wollte mich sicher
fehlt die Leerzeile.
S. 108
Zwischen
wohl doch um Selbstdarstellung. Vielleicht. Ein bisschen.
und
B. S.: Ich habe noch eine wichtige Frage: Ist das Bild verkäuflich?
fehlt die Leerzeile.
S. 111
Hurenkind
S. 112
Bei
Porträt der Beziehungsbereitschaft, eine Einladung.
B. S.: Wie wird es weitergehen?
sowohl Hurenkind als auch fehlende Leerzeile.
S. 115
Danke Siegfried Sander für seine Insiderinfor-
mationen über Beuys.
Nicht dein oder Ihre?
S. 116
Falsch: 1 Frau Jansen vor „Arbeitspause“ vonBarbara Müller
Richtig: 1 Frau Jansen vor „Arbeitspause“ von Barbara Müller
S. 118
EKO würde ich erklären.

Schöner Spruch, auch wenn ich keinen Adressaten dafür habe:
Ich würde Dich Fotze nennen, aber dazu hast Du nicht die nötige Tiefe oder Wärme.


Samstag, 9. VI. 12, sonnig:
(Sofia, Flughafen, World News Café, 10. VI. 12:) Von Stefan, dem Dunkelhaarigen mit den schönen Augen, angeregt ein Toilettenpapierspiel, bei dem jeder eine Geschichte erzählen muss, die ihn vorstellt. Alex hat sich mit 10 mit seinem Cousin geküsst, Stefan hatte eine Ente als Haustier.
Auf die Frage, ob wir noch in eine Disko wollen, erzähle ich von den Geschichten, wonach Deutsche in bulgarischen Diskos Gift in den Drink geschüttet bekamen und am nächsten Tag mit einer Niere weniger erwachten.
Nach dieser Disko, in der man umsonst Drogen bekommt, suchen sie seit Jahren vergeblich.
Bruuummm! Erst das Dröhnen, dann der Lichtstrahl der Scheinwerfer, dann die Flugmaschinen selber, wir sind auf der Dachterrasse direkt unterm Einflugkorridor.
Betäubungsmittel.
Eine Sofioter Mücke surrt kurz an meinem Ohr vobei, lässt mich aber alsbald in Ruhe oder wartet zumindest mit dem Blutsaugen, bis ich schlafe.


Sonntag, 10. VI. 12, sonnig:
Sofia, Flughafen, World News Café: Als erstes weckt mich am Morgen Alex, der die Treppe hinunterfällt, aber scheinbar ohne sich ernsthaft zu verletzen. Dann die Sonne, dann das mehrfache Klingeln, dann die Diskussion vor der Tür, scheinbar eine aufgebrachte Frau und ein beruhigend ihr antwortender Mann, dann schlafe ich wieder.
Sofia, Zar Simeon, Wohnzimmer: Bis 1 verratze ich glatt die Verabredung mit Ivaylo Grozdev, aber kann mit ihm unkompliziert eine neue ausmachen.
Chat mit Manfred Sommerlad, dem man seine Parkinsonsche Krankheit, je nach Medikamenteneinstellung, auch beim Emailen anmerken kann:
Bist du schon wieder in Berlin...?
Melden · 13:09
Noch nicht, komme in der Nacht an. Bist Du gut eingestellt worden und wieder raus aus dem Hospital?
Melden · 13:11
NEIN, ich befnde mich noch ganz am Anfang..
Melden · 13:11
Das heißt Du musst noch wie lange drin bleiben?
Melden · 13:12
Es kann zwei bis drei Wochen dauern.
Melden · 13:12
Wo genau?
Melden · 13:13
In BEElITZ..
Melden · 13:14
Kann noch nichts versprechen, aber hoffentlich kann ich mal auf Besuch kommen.
Melden · 13:18
Es gib eigentlich nichts zu meckern hier. Ich lege mihc jetzt wieder raus auf die Veranda...
...ich würde mich sehr freuen Dich hier zu sehen
Melden · 13:21
Gute Einstellung und Besserung!
Sofia, Flughafen, World News Café: Wieder einmal ist mein Kameraspeicher voll, ob das der Grund dafür ist, dass die zwischen Simeon und Patriarch abgelichteten Hakenkreuze, auch die Gedenktafel für einen 2009 verstorbenen Karikaturisten, alle verschwunden sind?
Violeta ist Ärztin auf einer großen Intensivstation, aber Serienmörderinnen hatten sie nie in der Belegschaft und in Bulgarien ist das nicht üblich. Die Gesamtsituation in Bulgarien empfinden sie im Großen und im Kleinen zur kommunistischen Zeit nicht als besser.
Erzwinge noch von Filip einen Poesiealbumseintrag und den Brief an Susi (oder Suzie) Gebert. Saft, eine gräuliche Teig-Geschichte, in die Salami eingebacken ist und Wasser als Wegzehrung.
Speichere meine Fotos auf die externe Platte bei einem unverschämt teuren Cappuccino, aber das Geld habe ich ja beim Bus- statt Taxifahren zum Flugplatz gespart.


Montag, 11. VI. 12, eintrübend:
Pult: Treffe vorm "Lasst uns Freunde bleiben" Danja, eine weitere Praktikumsbewerberin, die ich jedenfalls auch versuchen werde, zum gegenseitigen Nutzen einzusetzen.
Gegen 2 bei mir an die nötigste Elektropost.
Mittagsschlaf.
Pult: In der Stettiner Straße ist unerfreulicherweise Papas Auto verschwunden, vermute, dass es von der Polizei umgesetzt wurde.
(Schreibtisch, 13. VI. 12:) Ist ein bedeutender Gerichtsmediziner mit einer Autotür ermordet worden? Ein Artikel von Jakob lässt es mich vermuten.
Halbfinale gegen Kiew, das wird haarig! Entscheidung beim Rückspiel in Donezk, es geht für letztere weiter ins Finale nach Istanbul gegen Werder. Donezk gewinnt in der Verlängerung.


Dienstag, 12. VI. 12, sonnig:
Pult: Halb 11 auf, beginne, meinen Workshop-Plan für Addis Abeba ins Englische zu übersetzen, um ihn dann an Armine zu schicken. Kaum begonnen, verlässt mich die Lust, aber bin optimistisch, dass ich es noch am heutigen Tag schaffen werde.
(Schreibtisch, 13. VI. 12:) Postamt, Plakate nach Magdeburg schicken. Relativ sinnlos aber trotzdem bringe ich welche im Brechthaus vorbei. Zur Polizei Brunnenstraße, Papas Auto steht in der Bellermannstraße.
Informiere mich über die wichtigsten Vorgänge in der Hauptstadt: In Pankow kommen die Heldbock-Käfer aus den Eichen, in die sie sich in den letzten fünf Jahren hineingefressen haben.
Stehe mit meinem Poesiealbum in der Schlange im Groben Unfugvor Rags Morales (Superman) und Guillem March (Catwoman). Beim Besuch bei den Zeichnern von Super-, Bat- und Catwoman "paying for it" von Chester Brown gekauft.
Zonen-Pfaffe Gauck dumm wie Brot, wirbt für Auslandseinsätze der Bundeswehr und Heldentod. Heimathafen Neukölln: Mein Vorschlag, den elenden Kriegstreiber in Afghanistan in einer Taliban-Hochburg aussetzen und das Terroristen-Gesindel durch seine Bräsigkeit zu Tode langweilen. Das ist zwar grausam, aber wir wären den öden Prediger einige Tage los und mit Glück fällt er im Felde.
(Schreibtisch, 13. VI. 12:) Abendkasse Heimathafen gleich offen, werde nachher Charles Burns sehen, den Autor von. "Black Hole", "X" und "Die Kolonie".
http://de.wikisource.org/wiki/G%C3%B6ttliche_Kom%C3%B6die_(Streckfu%C3%9F_1876)
(Zug Hauptbahnhof - Ludwigsfelde, 13. VI. 12:) Sofa: "Glaubst Du, ich würde eher eine Freundin finden, wenn ich weniger Fußball spielen würde?"
Was für ein gewaltiger Abschluss für Poesiealbum No. 4: Drei bedeutende US-amerikanische Comic-Zeichner, u. a. von mindestens vier Superhelden und dann noch Dantes Komödie im Original.
Und herrliche Lektüre vor mir: Chester Brown!
(Schreibtisch, 13. VI. 12:) Tagesschau: EM, Gewalt am Rande des Spiels Polen - Russland, 1:1, Tschechen gewinnen 1:3, in Moskau Demonstration gegen Putin. Mutbürger in Uniform Gauck ab ins Feld! SPD will beim Fiskalpakt ernstgenommen werden. Margarete Mitscherlich mit 94 gestorben, fühle starke Unfähigkeit zu trauern.


Mittwoch, 13. VI. 12, bedeckt:
Schreibtisch: Quäle mich halb 9 arg aus dem Bett,
Morgens zu Papa, Workshop-Plan ausgedruckt mit zum Übersetzen, anrufen wegen Optiker.
14 Uhr Fußball.
Banana in der Kantine.
(Schreibtisch, 14. VI. 12:) Beim Fußball erziele ich drei Tore, zuerst ins lange Eck von direkt davor, dann köpfe ich hinein wie Schewtschenko und schließlich allein durch, statt zu Martin abzuspielen direkt ins lange Eck. Sehr schön.
17 bis 18 Uhr Küche fertig saugen und wischen, ja, ich will es wirklich.
Schreibtisch: Sortiere Fotos für Poesiealbum No. 2, ein wenig Selbstbetrug ist bei, weil ich eigentlich noch eine Viertelstunde wischen müsste. Aber ich bevorzuge es, in Bildern und Erinnerungen zu kramen.
Spargel ist aufgesetzt, jetzt kanns losgehen, Deutschland gegen Holland.
Sofa: Der sensible Torjäger, der so viel Zuspruch braucht, hat seit 7 oder 8 Minuten ein Lächeln auf den Lippen. Weils nämlich durch Gomez 1:0 steht, mein Wanst mit Spargel mit Butter und Honig gefüllt. Am spannendsten, wie immer, die Leute aus dem Publikum, wie sie plötzlich sehen, dass sie im Fernsehen sind und ausflippen. Muss prompt wegen Gomez' zweitem Tor Einen Online-Redakteur ‏@Scherzinfarkt retweeten:
Schönes Tor! Diese durchgehend weißen Pfosten und dann dieses wunderbar beflochtene Netz...
"Sieg! Sieg! Sieg!", brüllen die deutschen Fans, aber die Holländer antworten nicht mit "Heil!"
Es ist den Ereignissen nur angemessen, jetzt die Fußballer-Bilder von Poesiealbum No. 4 zu sortieren. Ich werde dafür ein FB-Album anlegen.
Oh Scheiße, ich habe versehentlich Facebook zerstört! Mache auf Picasa weiter, ist sowieso besser.
Es ist vollbracht!
https://picasaweb.google.com/107798941061096407821/PoesiealbumNo4?gsessionid=B3_Kj4YlKAmLpvL3Y6-d5g
Direktübertragung von Olli Kahns 1tem Tweet, er hat keinen Schimmer, was er da tut.


Donnerstag, 14. VI. 12, bedeckt:
Schreibtisch: Unfassbar fleißig war ich, VG-Bild, Heimathafen Neukölln, Buchhandlung am Bayerischen Platz und Literarisches Zentrum Freiburg abgearbeitet.
Sofa: Meinen Plan allerdings erfülle ich nicht, jedenfalls gebe ich doch sehr schnell auf, als ich ins Online-Meldesystem der VG Bild nicht hineinkomme. Zu Rossmann, knapp 60 Poesiealbumsbilder in Auftrag geben, zum Berolina-Platz, nach meiner Armbanduhr fragen, die ich seit dem gestrigen Fußball nicht mehr finde, aber es ist keine abgegeben worden.
Kontoauszüge, 150 € Fahrkostenzuschuss aus der Mannschaftskasse sind zu verzeichnen. Lese in der Kapelle FAZ, Andreas vom NBI, mit dem geplanten Club in Kreuzberg haben sie argen Schiffbruch erlitten, jetzt im Keller des Roberta in der Zionskirchstraße.
Während die Iren in Bausch und Bogen gegen die Spanier verlieren, 4:0 stehts inzwischen, übersetze ich den Workshopplan von Addis Abeba für Jerewan ins Englische.
(Schreibtisch, 15. VI. 12:) Kaufe noch einen Sixpack Erdinger alkoholfrei und trinke eins im Freudenhaus.
Bei mir das Ende einer Dokumentation über Väter, die ihre Kinder nicht sehen dürfen und das übliche skandinavische Grauen in Krimiform.
Erfahre aus dem Aufklärungsbuch Erstaunliches, nämlich dass die Ejakulation auch in die Harnblase abgehen kann. Endlich, das hatte mich schon seit Ewigkeiten interessiert, und jetzt, im Alter von 42 Jahren, erfahre ich, was es mit meinen Geschlechtsorganen auf sich hat.


Freitag, 15. VI. 12, sonnig:
Schreibtisch: Habe den Wecker um eine Stunde falsch gestellt, wie ein geölter Blitz rennt Lisa aus dem Haus, so dass ich ihr kaum Stullenbüchse und Trinken hinterherwerfen kann.
Bereite das nächste Klingende Rätsel vor, das letzte vor der Sommerpause, sowie Staub-Lesung im Heimathafen Neukölln im September.
Nach 10 wieder ins Bett.
Höre mir die ersten Schlager der "Liebeslaube" Box an, enttäuschend, sie stammen nicht aus der angegebenen Zeit, aber Angaben findet man keine.
Bei mir dann Vorbereitung für den Stadtspaziergang.
Ach wie schön, die Fruchtfliegen sind wieder da! Willkommen, Berliner Sommer!
Gestiefelt und gespornt zum Fußball.
(Potsdam, Einsteinforum, 19. VI. 12:) Ob ich denn sehr todessehnsüchtig sei? Ich solle, wenn ich wegen der Bekenntnisse wieder von der Charité verklagt werde, nicht wieder um Spenden betteln. Und das natürlich von jemandem, der mir nichts hat zukommen ließ.


Samstag, 16. VI. 12, Regen:
Schreibtisch: Fußball, ein Kopfballtor.
Über FB kommen freundliche Zeilen:
Guten Tach Falko, wegen akuter Geldknappheit hab ich mir Dein Liebesbriefbuch "nur" aus der Bibliothek geliehen, aber ich spare schon drauf: je, ist das schön! Respekt für Euren Fleiß, ich lese es ganz hin und weg. Danke! Sommergruß: Ein Fan
Diesmal nicht so aufgeregt, finde noch den Gedenkstein in der Mollstraße 11 an die verbrannten Juden von 1510.
Führe zwei nette Frauen, eine dritte verschwindet lieber wieder wegen Krankheit, durchs Berliner Mittelalter, meine Stimme leidet nicht ganz so. Vergesse mal wieder, ein Erinnerungsfoto zu machen. Nächstes mal.
Döner, bei mir mit Ella Simpsons, beginne, Fotos ins Poesiealbum No. 4 zu kleben.


Sonntag, 17. VI. 12, sonnig:
Schreibtisch: Mit leichtem Kopfdruck auf. Sichte für Ulla meine Bibliothek zur Berliner Kriminalität:
Hans Pollak: "TATORT Mulackritze, Berliner Unterwelt in den zwanziger Jahren" (Berlin 1993)
Artur Landsberger: "Die Unterwelt von Berlin" (Berlin 1929)
Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz: "Die Metropole des Verbrechens, Räuber und Gauner in Berlin und Brandenburg" (Frankfurt/Main 1997)
Franz von Schmidt: "Sexualfälle, Aus der Praxis der Sittenpolizei" (Köppern 1961)
Das letztere ist es, in dem ein Fall verzeichnet ist, bei dem ich überzeugt bin, dass darin Details aus dem Sexleben von Tilla Durieux und Paul Cassirer beschrieben sind. Aber Ulla entscheidet sich für Landsberger, das Buch habe ich als eher etwas schwach in Erinnerung.
Auf zum Fußball, Turnier auf dem Berolinaplatz, wer also zur Abwechslung alte Herren auf grünem Rasen sehen will, komme in die Kleine Hamburger Straße von der Linienstraße.
Verlieren alle Spiele 0:1, aber wohl wegen des Wetters schlägt es mir nicht auf die Laune.
Letzte Vorbereitungen für die jetzt gleich stattfindende Reformbühne.
(S-Bahn Hackescher Markt - Potsdam Hauptbahnhof, 19. VI. 12:) Ob es meine Schwierigkeit ist, Kritik anzunehmen, oder ab die anderen sie nur so blöde anbringen? Vermute eher das Letztere. Bin ja bei Samuel schon einigermaßen froh, dass er nicht wieder auf meinen Gesang zurückkommt. Für diesbezügliche Kritik, die darauf hinauslief, ich solle es doch lieber lassen, bin ich denjenigen nicht dankbar, die sie mir gegenüber geäußert haben. Das waren eigentlich auch nur der unsägliche Steffen Schmidt und eben Karsten. Bei Karsten war es besonders grotesk: Er sei ja unmusikalisch, aber trotzdem... Er wollte es nur mal sagen, warum verrät er nicht. Da sind mir die Musiker und Bühnenkollegen, die meine Singerei loben, deutlich lieber. Ich mache mir keine Illusionen über meine Stimme, aber so ganz ohne ist meine Laufbahn nun auch nicht: Chor, Singegruppe, Bühnen- und Radio-Auftritte, Gesangsunterricht, CD-Veröffentlichungen. Für Volkslieder reicht das völlig.
Ähnlich diffus wie an meiner Singerei ist Karstens Kritik an meiner viel zu langen Stadtführung, kein Zug sei darin gewesen und das Stehen und nichts Verstehen an vielbefahrenen Verkehrsadern nicht so der Hit.


Montag, 17. VI. 12, sonnig:
Schreibtisch: Seit Wochen empfängt mich Facebook mit der Information: Lucas Vogelsang gefällt salesfactory42. Muss ich etwas tun?
Bestelle mir einige Schimpfwörterbücher, unter anderem von Heinrich Schaible "Deutsche Stich- und Hiebworte. Eine Abhandlung über deutsche Schelt-, Spott- und Schimpfwörter, altdeutsche Verfluchungen und Flüche." (Strassburg und London 1885), darin Spottnamen von Stand, Berufsgeschäft oder Lebensweise abstammend -- Spottnamen von Gewohnheiten , Fehlern oder Lastern und Folgen derselben herstammend -- Spottnamen durch besondere Umstände oder Vorfälle entstanden -- Spott- und Schimpfnamen heidnischen Ursprungs. Verfluchungen und Flüche -- Rache- und Fluchgebete der Psalmdichter und Propheten -- Die grosse römische Excommunication -- Profane Flüche -- Das Schwören und Fluchen in England in alten Zeiten -- Altdeutsche Flüche -- Flüche des 15. und 16. Jahrhunderts -- Flüche die auf die deutsche Mythologie zurückgeführt werden können -- Der Teufel in thierischer Gestalt -- Anhang. Profane Sanskrit-Flüche und Bengali-Flüche. - - .
1. Schnitzler, Sonja und Werner Hirte (Hg.): - Verflucht und zugenäht, Schimpfwörter aus unserer lieben Muttersprache nebst einem Anhange, Mit Illustrationen von Wolfgang Würfel, - Berlin, Eulenspiegel, 1984. - 302 S. Kl.-8°, Ledereinband - Schuber mit kleinen Gebrauchsspuren, bestoßen, Buch mit minimalen Gebrauchsspuren, innen sauber und ordentlich, Ausgabe 1984 Q63 - Sprachen & Mundarten - Miniaturbücher.
Kapeller, Ludwig: - Schimpflexikon : Von Armleuchter bis Zimtziege. Mit einem juristischen Ratgeber für allzu eifrige Benutzer. Das Heyne-Sachbuch. , Nr. 104 - München : Heyne, 1968. - Ungekürzte Taschenbuchausg. 189 Seiten Kl.-8°, Taschenbuch sehr gutes Exemplar, leicht fleckig K1090 - - Nachschlagewerke - Schimpfen; Schimpfwörter; Nachschlagewerk; Lexikon; Wörterbuch; Handbuch; Glossar; Bibliographie; Almanach; Enzyklopädie.
Constantin, Theodor (zusammengestellt) : - Das neue Berliner Schimpfwörter Buch.. -- - Cartoons v. Erik Rauschenbach - Edition Jule Hammer ---. - Haude & Spenersche Buchhandlung, Berlin, 1995 - 95 Seiten, Original-Paperbackeinband, Größe 8°, ISBN 3775903178, -Weiß-Sprache 11. Auflage, - gutes, sauberes Expl. - Sprache - .
Zacker, Christina, Jörg Müller und Gerald Drews: - Von Aas bis Zimtzicke. 2000 Schimpfwörter für das Jahr 2000 - Weltbild, Augsburg, 1994. - 183 Seiten - ,Hardcover - Gebunden ( Pappe, Glänzend ) - sehr gutes Exemplar - ------Preis inklusive MwSt.-------, ISBN: 3893507507 - ISBN: 9783893507504 - Varia - Schimpfwörterverzeichnis.
Verschwendungssucht? Leben über die Verhältnisse? Ja.
Siesta.
Dann zum Arsch, nach 17 Uhr breche ich die heitere Arbeit ab, um, meinem Gelübde gehorchend, mich dem Aufräumen meines Schreibtisches zu widmen.
(Schreibtisch, 19. VI. 12:) Blumenkohl, Fußball, schieße im großen Strafraum auf kleine Tore eine erstaunliche Anzahl, Dokumentarfilm über Pornofilme in der DDR.


Dienstag, 19. VI. 12, sonnig:
Schreibtisch: So richtig leicht komme ich nicht aus dem Bett. Verschicke meine Rundmail zur morgigen Radiosendung.
S-Bahn Hackescher Markt - Potsdam Hauptbahnhof: Trainer Pöhtsch diagnostiziert bei mir große Synapsenverbände. Genau die treiben mich in den Eisberg, einen Eiskaffee zu mir nehmen, ehe weitere Enttäuschungen meiner harren: Batterie der Titan-Uhr von Heidi ausgelaufen und hat das Werk zerstört. Seit letztem Mittwoch bin ich nun ohne Uhr.
Bekenntnisse: ... mit glühenden Augen sitzen sie in der Dunkelheit und kiffen. Schwarze Magie, Verkörperungen des Bösen, den Keim des Weltendes in sich, ob sie nun mit Lippold zu tun haben oder nicht. Sie kiffen und kiffen und aus den Dielenritzen und Fallrohren steigt ihre üble Laune hoch.
Potsdam, Einsteinforum: Cord Riechelmann stellt Sibylle Peters im Einstein-Forum Potsdam vor. Über Heinrich von Kleist und die Zeit hat sie promoviert. Ein Buch von ihr heißt "Der Vortrag als Performance"
Und trägt jetzt über die Geschichte des wissenschaftlichen Vortrages vor.
Zuerst lässt sie einen Lautsprecher lautsprechen. Einen Anker mit Sternen hat sie auf den Unterarm tätowiert.
Das Personenregister will sie frei nachliefern, da sie es fürs Buch nicht geschafft hat. Bill Gates, Foucault, von Phylidor stammt der Vorschlag, eine Laterna Magica zur Illustration von Vorträgen einzusetzen. Wegen Betruges wurde er aus Berlin geworfen, in Wien machte er seine Taschenspielertricks öffentlich.
Derrida und seine lecture performances, "Titel noch zu bestimmen" hieß eine Vorlesung. LeRoy hat lecture performance revolutioniert, erst Arzt, biochemische Brustkrebsforschung, dann Tänzer. Hat beide Formen der Präsentation miteinander verbunden. In der Performance-Szene hat das eine Welle ausgelöst.
Jakob Burckhardt, seine Skripte und Hörermitschnitte, Geschichte in Form von Visionen. Wölfflin, der große Meister der Lichtbildprojektion mit seiner Tapetentür, durch die er einfach erscheinen konnte. Zeigen und Schweigen war sein Motto, das Bild sollte durch ihn hindurch scheinen. Diaprojektion zeigt nur Bilder von Bildern.
John Cage und sein "Vortrag über nichts"; aber in Wirklichkeit gings um strukturale Kompositionen.
Goffman und sein "Vortrag über den Vortrag", Animator hält Feedback in Gang.
Mit Helmholtz endete der Experimentalvortrag und mit "Von den Tatsachen der Wahrnehmung" begann der populärwissenschaftliche Vortrag. (Der Mann hinter mir bedankt sich für diesen Tiefpunkt ihrer Ausführungen, das erste mal habe sie etwas Persönliches gesagt.)
Graham und sein Spiegel, Hegel und seine wirren Vorträge, als wäre er allein und vom Publikum immer wieder aus seinem Gedankenstrom gerissen.
Um Gottes Willen, der Irre hinter mir monologisiert, an den Universitäten seien nur noch Pausenclowns, alles andere bleibt wirr, eine Frage hat er nicht, sondern will ihr etwas vorwerfen, nur was, bleibt unklar.
Sie nimmts gefasst und erzählt einfach was über Schlappi, der unter Napoleon auf selbst erfundenen Instrumenten musizierte und so als lecture performer durch Europa zog.
Es sei doch auffällig, merkt ein nicht ganz so geistesgestörter Mann an, dass die Kanzeln in den Kirchen seitlich stehen, damit der Blick aufs Altarbild gerichtet sei. Martin Luther habe doch die freie Rede eingeführt.
S-Bahn Potsdam - Hackescher Markt: Bekomme bei der Käsestangen-Ausgabe mit, dass der wahnsinnige Querulant (Schreibtisch, 20. VI. 12:) Frührentner ist.

31
Mrz
2013

www.Falko-Hennig.de

Dienstag, 09.04.2013, 20 Uhr, Sommersaal Schloß Stetten:
Engel des Todes – Die Ärzte der NS-Euthanasie
Vortrag des Schriftstellers Falko Hennig (Berlin).
Eintritt: 5 Euro.


Dienstag, 5. VI. 12, sonnig, Regen ab 13 Uhr:
Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str.: T: Besuchen mit der Mannschaft Bill Gates, der vorübergehend in einem Haus in der Ahornstraße wohnt. Erst später fällt mir ein, dass ich mir etwas ins Poesiealbum hätte schreiben lassen können. Gehe noch einmal hin, ein Mann spielt Klavier, der Gates etwas ähnelt. Ich kann das Buch dort lassen.

Ratze bis halb 12, sehr schön.
Bin doch noch erfolgreich im Auffinden von НеЩо ЦвЕтНо, der Punk-Ska-Band und schaffe es, mir einen Song downzuloaden. Schöne bulgarische Punkmusik, habe Neschto Zwetno gestern Abend kennengelernt. http://soundcloud.com/neshto_cvetno
Absurderweise findet mich der Tag beim Aufräumen des Laptopschreibtisches und Sortieren der Bilder, gegen halb 2 also Zeit für eine Pause.
Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str., Pult: Schlafe dann irrsinnig lange um dann durch die Fußgängerzone zu schlendern, einen Packen Poesiealbums-Fotos lasse ich entwickeln.
Morgen habe ich eine Verabredung bei Dr. Fish, um mir von Welsen aus Singapore die tote Haut von den Füßen knabbern zu lassen.
Nutze die Ankunft der Armenierin, die praktischerweise Armine heißt, um mir in meinem Zimmer ein Pult zu basteln, sogar mit Ausblick aufs Städtchen. Was kann mich jetzt noch am Arbeiten hindern? Nach 7 ist es, erst mal ein Käffchen trinken.
Halb 8 gehts dann wirklich los: Bekenntnisse
Emil holte mich ab, er war berühmt für seinen goldenen Penis. Er hatte einmal seinen Penis vergoldet ausgestellt und das fand ich eine durchaus charmante Sublimierung des Exhibitionismus. Vielleicht war das sowieso das Geheimnis, Sublimierung, wieso musste ich jemandem die Nase abbeißen, wenn ich auf andere Art jemandem sehr viel eleganter wehtun konnte?
***
Ich saß da in Plowdiw vorm Artnewscafe, das Bier schmeckte ausgezeichnet, ich lud mich bei einer Gruppe Tätowierter zu einem Joint ein, die Katzen strichen um uns herum. Es war eine herrliche Stadt, die Katzen, die Häuser, die Hinterhöfe und die Jugendstilfassaden. Ich geriet mit einer hübschen Künstlerin ins Gespräch und einem netten Zahnarztstudenten und einem Anwalt und einem Fußballer.
Wen interessierte denn eigentlich, ob das Krankenhaus am Rande der Stadt vor 200 oder vor 2000 Jahren entstanden war und wen sie alles versehentlich oder absichtlich umgebracht hatten?
Der Punkmusiker erklärte mir Aйлeк, was genau es war, wurde mir nicht klar, eine Philosophie oder ein Scherz, jedenfalls bedeutete es: Relax, but without all the stress.
Das wars! Warum sollte ich mich wahnsinnig machen?
Morgen hatte ich eine Verabredung bei Dr. Fisch, kleine Welse aus Singapur würden mir hier, in der ältesten Stadt Europas die tote Haut abknabbern.
***
Erwachen: Katerstimmung ... Während ich ein Brötchen mit Käse aß, konnte ich nicht anders, als an den Hirsch zu denken, der dafür geschlachtet worden war, an den Hirsch und seine schönen Augen. Obwohl weit und breit kein Hirschfleisch war und egal wie oft ich mir sagte, dass diese Hirschsache völlig irrational war. Ich sah es als Wink, nun zu Hirschen in der Charité zu recherchieren.
Suche als Couchsurfer eine Schlafgelegenheit in Sofia vom 9. zum 10. Juni. Wer was weiß, bitte melden! Nach 10 habe ich mir meinen Salat im Kino Klub verdient.
Und was mundet er! Dazu gebackene Dillkartoffeln! Armine leistet mir Gesellschaft, Vater war Künstler und Alkoholiker, Mutter ist noch Ärztin, eine ältere und eine jüngere Schwester, einen großen Hund hat sie, der ihr das Telefon oder die Zigaretten bringt.
Eine halbwegs positive Rückmeldung hat mir die Couchsurferei gebracht, insofern doch nicht meine Zeit völlig verschwendet.

23
Mrz
2013

www.Falko-Hennig.de

Dienstag, 26. März 2013, Kaffee Burger (Torstr. 60, Berlin), 20.30 Uhr:
Radio Hochsee Themenabend
Jean Paul und das Bier 
Zum 250. Geburtstag
Gast-Experte: Wolfgang Hörner (Galiani)
Euro 5,-


Samstag, 2. VI. 12, sonnig:
Bulgarien, Sofia, Do Operata, 8 Paris Str., Zimmer 1: Entnehme den Euronews, dass ein kanadischer Popstar einen chinesischen Studenten ermordet und Teile des Körpers an Menschenrechtsorganisationen geschickt hat. Er soll als Frau verkleidet auf der Flucht sein.
Internetrecherche ergibt: Pornstar, nicht Popstar. Ist ja eigentlich auch noch besser. Luka Rocca Magnotta heißt er und Kannibale war er auch. Typische Beziehungstat: Er hat immer auf ihm rumgehackt.
Als er vor einem halben Jahr in Großbritannien war, wurde ein Internetvideo von ihm kritisiert, in dem er ein Katzenbaby an eine Schlange verfütterte. In einer Email an die Presse schrieb er: "Ihr werdet wieder von mir hören. Aber dann werden die Opfer jedenfalls keine kleinen Tiere sein."
Bulgarien, Sofia, Wiener Konditorei, Lewski Ecke Dongukow: Herrlicher Dauerlauf eine Dreiviertelstunde die Dongukow Richtung Osten, über die Bahngleise, links ab und wieder rechts, Liprandi und Wassil Petleschkow, Treppe hoch und wieder zurück, parallel zur Dongukow die Tschataldscha bis zur Lewski.
Wann bin ich das letzte mal gejoggt? Verdammt lang her.
In den Nachrichten sehe ich in Echtzeit die Tumulte im Gerichtssaal in Kairo nach der Verkündung des lebenslänglichen Urteils gegen Mubarak, die Zuschauer schreien in Sprechchören, schlagen sich die Nasen blutig und rauchen.
Duschen, packen, auschecken, ziehe mich zum Arbeiten in ein unweites Café zurück.
Esse einen in Öl schwimmenden Griechischen Salat (schreibe "Arzt", was tief blicken lässt) zum Cappuccino, während ziemlich unerträgliche Popmusik läuft. Justin Bieber "If I was your boyfriend, never let you go, never let you go".
Strukturiere die "Bekenntnisse", die mir erfreulicherweise recht lesenswert und unterhaltsam erscheinen, nach meinem Plan und tippe meine Exzerpte aus der "Pathologia Sexualis" von Krafft-Ebing ab.
(Plovdiv, Fußgänerzone, Ul. Sofr. Vranzanski, 3. VI. 12:) Sowohl das Rollkoffern durch Solunskaja und Witoscha zur Patriarch und dem Platz des Kulturpalastes als auch das Abholen am Eingang durch eine Frau von Ciela klappt wie am Schnürchen, 15.30 Uhr habe ich knapp 30 Bücher signiert und mit Kröte versehen, auf den Verkauf hat das keine sichtbaren Auswirkungen, es sei denn, es sind vorher welche veräußert worden, in dem Fall schreckte meine Anwesenheit wohl ab. Trotzdem bei guter Laune am Stand, ob das alles am Dauerlauf liegt?
Lausche dann über eine Stunde einem bulgarischen Autoren-Trio mit 40 Zuschauerinnen und einem Zuschauer, alles nur für drei Einträge in mein Poesiealbum. Toma Marius (?), Kalin Tersiski und Emil Iotowski. Am nettesten ist Kalin Tersiski, dem ich dafür "100% Berlin" verehre. Er weiß sogar von einem Fußball spielenden Kollegen, "Charly" Radoslaw Paruschew ist es, den ich auf Facebook finden kann.
"Sdrast!", sagen sie hier viel zur Begrüßung.
Panoramabilder auf dem Dach.
Sitze glücklich oben und vorn im Doppeldeckerbus nach Plowdiw und fahre neuen Abenteuern entgegen. Sofia verabschiedet mich mit einem Regenbogen über Mladost.
Nach 8, Sekunden nachdem ich einen ins Schleudern geratenen Lada Niva fotografiert habe, leider wieder ein Anruf von Papa, ein Tag ohne wäre auch zu schön gewesen.
In Plowdiw holt mich der freundliche Emil Mirastschiew ab, dass ich kurze Hosen anhabe, findet er sympathisch. Er hat mich im Fernsehen gesehen, sein Enkeltochter hat neulich ein Buch aus der Buchhandlung geklaut, da hat er ein ziemliches Fass aufgemacht und ist mit ihr hin, "Bitte nicht die Polizei rufen!"
Typologie der deutschen Schimpfwörter:
Schweinepriester, Polterjochen, Bulettenfriedhof (bei Remarque Szene gegenseitiger Beschimpfungen, glaube in "Der schwarze Obelisk"), Schlingel,
Sexuell: Nutte, Hure, Hurensohn, Dirne, Fotze, Schlappschwanz, Arschficker, Schwanzlutscher, Schwuli, Ficker, Flegel,
Rassistisch/religiös: Jude, Kümmeltürke, Neger
Tiere: Ratte, Kakerlage, Ungeziefer, Übelkrähe ("Lerne Schimpfen mit Herbert Wehner"), Schwein, Sau, Ferkel, Kamel, Schaf, Ziege, Rindvieh, Kuh, Hund, Giaur, Ratte, Krokodil.
Politisch: Bonze, Reaktionär, Kommunist, Ollenhauer,
Feigling, Weichei, Warmduscher, Schattenparker (gabs doch mal eine Sammlung im Radio)
Aus Medizin: Syphilytiker, Blödmann, Idiot, Kretin, Schwachkopf, Hirni, Spast, "Bei Dir ham se wohl das Embryo weggeworfen und die Nachgeburt aufgezogen!" Krüppel
Schimpfwörter: Scheiße, Mist, Kacke, Ficken, Fuck, Shit, Scheibenkleister, Verdammt! Verflucht! Fucking hell. Hölle! Teufel! Jesus fucking Christ!
to do:
-Scholl Anklage googeln
-Mail wegen Workshop an Bartsch und Reckenbeil
-taz wegen Bania Mare anfragen und nachhaken wegen Fotokolumne!
-Sebastian fragen, wie der Stand ist und ob ich ihm Fotos schon geschickt habe und obs Übersetzung von "Ivorer" gibt
-Berliner wegen Sjöberg antworten und "Typologie der deutschen Schimpfwörter anbieten
Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str., rotes Zimmer, : Glücklich im nach Marihuana duftenenden Plowdiw angekommen, auch genannt Пловдив, Filibe, Φιλιππούπολις, Evmolpia, Pulpudeva, Eumolpias, Trimontium, Pulden.
Zu früh über meine Idee gefreut, es gibt Schimpfwörterbücher wie Sand am Meer.
Schweinepriester, der: Als die Gebrüder Grimm ihr Wörterbuch schrieben, war S. noch ein Schimpfwort für einen unreinlichen oder unflätigen Menschen. Er ist ein Schweinepriester. "So heisst man einen, der stark in unflätigen Reden ist, wol mit Bezug auf den Satz: Solch Volk muss solche Pfaffen haben."
Seit dem 19. Jahrhundert wird S. als Beschimpfung benutzt, während es davor Schweinehirten im Klosterdienst bezeichnete, zu deren Aufgaben auch die Kastration der Ferkel gehörte.
1915 erschien in Berlin "Der Schweinepriester", ein Lustspiel in vier Aufzügen von Hermann Essig (1878 bis 1918), in dem neben dem Pfarrer von Miesbach auch der gottlose Michel, der Büttel, der Schweineschlächter Seidenspinner, der Elefantenschmied, der Schnabelfatzer und Mischa, das Schwein mitspielen. Der harte Umgang des Gottesmannes mit dem Paarhufer reißt seine Schäfchen zu dem Schimpfwort gegen ihn hin. Aber mit Mischas Schlachtung gibt es ein Happy End: "Die Betglocke läutet. Die Leute entblößen die Häupter zu einem stillen Gebet. In der Dunkelheit phosphoreszieren die zwei Sauhälften wie um ein Kreuz." Essig musste seinen Schweinepriester im Selbstverlag veröffentlichen, obwohl der renommierte "Sturm" 1911 über ihn geurteilt hatte: "Man würde den Hermann Essig einen grausamen Psychologen nennen, [...] er kann noch da lächelnd geniessen, wo ein Strindberg tobt und anklagt."
Mit der Zensur geriet Essig wegen sexuell anstößiger und den Pfarrstand verhöhnender Stellen des öfteren in Konflikt. Immerhin wurde er zweimal mit je einem halben Kleist-Preis geehrt.
Unter demselben Titel erschien ein 1987 ein Comicalbum des französischen Zeichners Jean-Marc Reiser (1941 bis 1983). Der Schweinepriester ist lediglich mit Zigarette und zu weiter Unterhose, im Schritt uringelb, bekleidet, durch deren Beinöffnung man die Eier sieht. Seine Vorlieben sind Furzen im Fahrstuhl, Popel essen, Blondinen an den Hintern und Blinden an den Sack greifen, vom Dreimeterbrett pinkeln, auf Erdbeeren niesen und schon endet dies erfüllte Leben.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Schweinepriester eine moderate Beschimpfung, fast eine freundliche Bezeichnung für Personen, denen man nicht wirklich böse sein kann. So gebrauchte unser Trainer Hans Meyer bei der Fußball-WM der Schriftsteller 2005 in Italien das Wort zur Benennung der Schweden, die im Endspiel prompt 5:0 gegen Deutschland gewannen.
Bis halb 2 im Arbeitsrausch.


Sonntag, 3. VI. 12, sonnig:
Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str., rotes Zimmer, : T: In der Charité, jemandem soll ein Bein amputiert werden, plötzlich bekommen alle Ausschlag und Pilze sprießen, die Antiseptik ist nicht eingehalten worden. Ein alter Arzt in kurzer Hose. Im Foyer treffe ich Atak, Heiko, auch Mareike kommt dazu. Soll dringend jemanden anrufen und erfahre, dass heute Kantinenlesen in Görlitz mit mir sei. Rufe Dan an, um ihm Ersatz zu versprechen.

Recherchiere etwas zum Fall Scholl, noch ist keine Anklage erhoben. Viertel nach 12 verlasse ich mein Quartier erstmalig bei Tageslicht.
Fußgängerzone Ul. Sofr. Vranzanski: In ein historisches Haus, ziemliche Pracht, in der Sonne ist es unangenehm heiß, ein Eis, Schoko und Créme Brulé auf die Hand und dann einen Cappuccino.
Halb 2 mal wieder ein Versuch mit dem Laptop und seinem schwachbrüstigen Akkumulator, ist ja meine eigene Selberschuld, dass ich mir vor der Reise nicht noch Ersatz gekauft habe. Immerhin, bis um 2, ja gar halb und dreiviertel 3 hält der Saft durch und das trotz größter Helligkeit.
Etwas ist es natürlich Prokrastination, dass ich die Zeit dafür nicht zur Arbeit an den Bekenntnissen, sondern zum Abtippen der Notizen aus Polen benutze. Werden es mir meine Leser danken?
Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str.: Ihren Alkoholismus behandeln die verschorften Obdachlosen mit Zweieinhalb-Liter-Flaschen Bier, da hätte mir, als ich noch zu ihrem Klub gehörte, eine Flasche am Tag gereicht.
Ziemlich geplättet von der Bullenhitze, leichter Kopfschmerz, das alkoholfrei Bier haut einigermaßen rein.
Erledigt: -Scholl Anklage googeln
-Mail wegen Workshop an Bartsch und Reckenbeil
-Berliner wegen Sjöberg antworten und "Typologie der deutschen Schimpfwörter" anbieten
Halb 8 quäle ich mich etwas an die "Bekenntnisse", ohne viel zu erreichen. Skype eine Viertelstunde mit meinen lieben Töchtern und muss jetzt dringend meinen Heißhunger bekämpfen.
Stopfe das Loch im Bauch mit einem "Pizza"-Stück, einem Mars-Riegel und einer Tafel Schokolade zu.
Am Amphietheater, dessen Sitzreihen erst kürzlich freigelegt wurden, denke ich darüber nach, ob denn wirklich mein Lebensweg in ständiger Infragestellung und Zerstörung meines künstlerischen Ichs bestehen muss. Könntes denn nicht etwas stetiger gehen als dieses unentwegte Verbrennen und Phönix-aus-der-Asche-Steigen?
Einige Anregungen für die Bekenntnisse hat mir der Ausflug in die Hochkultur gebracht, gerade im Artnewscafe von Φιλιππούπολις "Penthesilea" von Evy Schubert gesehen. Der Film ist komplett rückwärts. Die Autorin wirkt angenehm unsicher, überhaupt sympathische Erscheinung, schöne blonde Haare, vielleicht sollte sie mit der Schilddrüse aufpassen. Ein aufgeschrammtes Knie hat sie, ob sie Fußball spielt oder Skatebord fährt? Leider verlässt sie schnell den Ort des Geschehens, aber morgen werde ich sie bei einer Besichtigung des türkischen Bades wiedersehen.
Zu Bekenntnissen: Frei machen von der Idee, dass es lang werden muss, warum nicht ein dünnes Heftchen?
Interessanterweise entdeckte ich, dass alle Historiker voneinander abgeschreiben hatten. Weshalb sollte ich jetzt eigentlich als erster diese akademische Tradition unterbrechen?
Ablenken von weiterer Arbeit tut mich ein etwas unlogischer Film, in dem Angelina Jolie mit einem jungen Mann wilden Sex hat, den sie kurz darauf beim Abschneiden eines älteren Damenkopfes im Fahrstuhl überrascht. Allerdings ist sie 8 Monate später hochschwanger von ihm und über seinen Besuch nicht erfreut, besonders als er sie dann misshandelt. Gehässigerweise rammt er ihr eine Schere in den Wanst, sie aber nicht dumm, rammt zurück und zwar ins böse, schwarze Herz. Und außerdem ist der Schwangerenbauch nur aus Gummi. Man muss ja nicht alles verstehen.
Parallel dazu Heinrich Dubels Örnithölögie-Sendung, die ich genauso wenig verstehe, wie diese gesamte Wissenschaft. Vogelgeräusch mit nur dünnem Kommentar, Langeweile überwiegt.


Montag, 4. VI. 12, sonnig:
(Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str., 5. VI. 12:) T: Mit Stein und Robert am Tisch im umgebauten Schokoladen, sei trinken Wodka aus Wassergläsern. Erinnere Robert, dass er doch abstinent werden wollte. Das wisse er, aber bei Rückfällen sei er noch am selben Tag zurück in seinem alten Trinkverhalten. Wir wollen zu einer Besprechung ins Village Voice, aber das macht gerade endgültig zu. Mit Ulrike Steglich etwas unerquickliches Gespräch wegen Mitarbeit bei ihrer Weddinger Zeitung.

Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str.: Halb 11 auf und ins Abenteuer des Espresso-Bereitens.
Arbeite am 2. Akt der Bekenntnisse, die Sache, dass die Erde früher eine Scheibe war. Diese meine kranke Philosophie passt erstaunlich gut in die Äußerungen des Geisteskranken.
Halb 1 Essen fassen, zum Frühstück verspeise ich einen дъиер oder дюиър. Ach nein, beide Schreibweisen falsch, richtig: "2 дюиeрa 2.00 лв", und ausgezeichnet gemundet haben sie. Erbitte mir von Knaus noch Kempowskis Tagebücher aus den 1950er Jahren bis 1970. Es folgt ein kleines дрямка.
Nach 3 weiter an den Bekenntnissen.
Gegen mit Emil und Evy Besuch ...
(Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str., 5. VI. 12:) ... des alten türkischen Bades, jetzt Videoinstallationen beherbergend. Deutschland als Hakenkreuz aus Autobahnen, Bulgarien als türkisches Klo und der schwarze Vorhang.
Plovdiv, 36 Konstantin Stoilov Str.:
Antworte Denica:
-Auf welcher Weiße möchtest du die Leser beeinflussen ?
Schön wäre es, wenn ich die Sichtweise auf Jugendkriminalität ändern könnte. Eine solche Laufbahn führt nicht zwangsläufig zum Verbrechen. Vermutlich sogar recht selten. Auch ohne Erziehungsmaßnahmen oder Strafen der Polizei werden meiner Meinung nach die meisten Jugendkriminellen zu "normalen" nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft.
-Was ist die Grundidee des Buches ?
Ich wollte in diesem Roman anhand meines Lebens alles schildern, was ich Verbotenes oder Illegales getan habe.
-Warum enthaltet das Buch nur die schlechten Taten von dir ?
Weil ich fast alle anderen Teile meiner Biografie weggelassen habe.
-Warum erhebst du gegen das Regierungssystem ?
Eher aus Trotz und jugendlicher Rebellion als aus fundierter Opposition. Ich glaube, auch im Westen ist eine solche Laufbahn nicht selten, nur dass das politische System nicht ganz so grotesk ist, wie im Sozialismus. Die allgegenwärtige Ganuer-Mentalität in der DDR und im gesamten Ostblock relativiert die im Roman beschriebene Laufbahn sehr.
So, das sind meine Antworten, hoffe, Du kannst etwas damit anfangen.
Plowdiw ist sehr schön, aber vermutlich ist Sofia dagegen doch eine Großstadt.
Gruß
Falko
Früher hätte es mir Sorgen gemacht, jetzt bin ich über die Nachricht, dass mein Vater wieder im Krankenhaus ist, eher sehr beruhigt. Mein Vater ernährt sich, wenn er zu Hause ist, nur von Bier, im Krankenhaus bekommt er gesündere und für einen schwerkranken Mann angemessenere Nahrung. Zu seinen Krankheiten gesellen sich auch noch eine Demenz, Herz- und Zuckerkrankheit (mit erfolgter und bevorstehender Amputation) und Altersstarrsinn. Die Frage der Betreuung und Pflege stellt sich natürlich dringlicher als je zuvor.
Nehme nun also wieder einen Anruf von ihm entgegen, er hofft, nach einem Herzeingriff in Neuruppin wieder gehen zu können. Leider ist der weitere Verlauf zwangsläufig: Wenn er wieder gehen kann, wird er aus dem Krankenhaus abhauen und so leben, dass er binnen Kurzem wieder hineinkommt. N bisschen langweilig.
Werde jetzt zur Maritsa spazieren und danach zur Bar.
Recherchiere im Rauschgift-Milieu.
Eine spannende musikalische Bekanntschaft, aber sein Link funktioniert nicht.
Aйлeк: Full Relax, but without all the stress.
Ganz Plowdiw in die Bekenntnisse und das Gaga-Werden des Vaters.
Dann verhandeln mit dem gegnerischen Anwalt:
"Sie sind in Bulgarien und wollen vielleicht nicht mehr nach Deutschland zurückkommen?"
"Ja, und überlegen Sie, was das für Presse gibt, Charité lässt Sohn nicht zum sterbenden Vater, verstehen Sie, das wäre nichts als die Wahrheit. Wollen Sie mir wirklich meine mickrige Rente nehmen?"
usw.
Wahnsinn, gegen 2 den vergammelten Tag noch am Rechner aufholen zu wollen: Wahnsinn, da kann keinerlei Grammatik oder wie das heißt helfen.

17
Mrz
2013

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Dienstag, 26. März 2013, Kaffee Burger (Torstr. 60, Berlin), 20.30 Uhr:
Radio Hochsee Themenabend
Jean Paul und das Bier 
Zum 250. Geburtstag
Gast-Experte: Wolfgang Hörner (Galiani)
Euro 5,-


Montag, 21. V. 12, sonnig:
(Bukarest, Flughafen Otopeni, 22. V. 12:) Kurz nach 6 in Bukarest, Frühstück im McDonalds. Zu Fuß ins The Midland Youth Hostel.
(Wien, Flughafen, 22. V. 12:) Für jemandem mit nur knapp überwundenem Schuldkomplex ist Jochen nicht immer ein einfacher Reisebegleiter, es geht mir darum, eine Flugbestätigung zu bekommen, die bisher ausgeblieben ist
(Bukarest, Bushaltestelle, 22. V. 12:) Nach dem Duschen im in einer hübschen Villa gelegenen Hostel in der strada Bisenca Amzei, zum Busfahrkartenschalter am Piata Romania, nach Abfahrtszeiten kucken, die große Straße fotografierend zu einem Antiquariat, auch wenn ein Büchlein von Paul Lindau 50% heruntergesetzt ist, bei 700 Lei, die sie dafür haben wollen, wären das immer noch an die 100 Euro. Zur Universität, fantastischer Bibliothekssaal, in noch ein Antiquariat, wo ich Foto eines Paares mit schöner Prägung "Baraschy BUCURESTI" kaufe, ins runde Haus, diese traumhafte Bauhausarchitektur hier. Luftpolsterzellophan aus einem Antiquitätenladen in der Leipziger Str.
Palast geschlossen, jedenfalls das Museum, das wir besichtigen wollten.
Bukarest, im Taxi vom Palast zum Pressehaus: An dieser Architektur vorbei, die bewirkt, dass man sich schlecht und elend fühlt, bei der man verdurstet und Selbstmordgedanken bekommt.
Vorm Pressehaus: Kann gar nicht sagen, dass ich sie hässlich finde, aber sie schlägt mir direkt aufs Gemüt. Frankfurter Allee geht ja noch, aber das Gleiche 20 mal so groß. Spüre ganzkörperlichen akuten und lebensgefährlichen Vitaminmangel, der durch einen hastig gekauften und verspeisten Apfel nur unwesentlich abgemildert wird.
Die physische Abwehrreaktion zeigt sich auch in einem Müdigkeitsanfall dem ich direkt nachgeben muss. Penne im feuchten Gras und das Rauschen des Verkehrs wird zum Meer der Ruhe, in das ich eintauche.
(Bukarest, Flughafen Otopeni, 22. V. 12:) Haus der Presse, ein Ärgernis sind die hiesigen Wächter, meist Arschlöcher, die uns unsere Besichtigungen vereiteln.
Deutsche Allgemeine Zeitung, Freundliches Gespräch im Flur und in der Redaktion mit Herrn Johann Wolfschwenger.
Kantina, Vermesser des Denkmals Graur, Taxi zu Ceauşeskus Balkon, rundes Konzerthaus, erste Pediküre und Frisör,
"Die haben uns gefickt."
"Das war besser als Sex."
Park und Ausstellungen, Lokal zum Bildertausch, Jochens Schachfreund.
(Wien, Flughafen, 22. V. 12:) Ihre Unterhaltung ist faszinierend, sind sie nun Sprachnerds oder Kommunikationsgenies? Jochens Fähigkeit, in fast jeder Sprache genauso leise und stotternd zu erzählen wie im Deutschen, habe ich schon die gesamte Woche bewundern können. Auch hat er die Gabe, jedem Unbekannten unsere Reisegeschichte erzählen zu können und dabei zu über das zu kichern, was währenddessen in seinem Kopf vorgeht. Hier geht es außerdem um ungarisch-türkische Sprachen und rumänische Literatur. Herta Müller sei unlesbar, nur die Reden seien wenigstens verständlich. Dass sie kein gutes Haar an Rumänien lasse und ganz humorlos daherkomme, dabei aus einem Land stamme, in dem alle so witzig seien.
Rumänien, Bukarest, Légère Live: Fototausch.
Johnny Cashs "Solitary Man", wehmütig.
(Bukarest, Bushaltestelle, 22. V. 12:) Durch die betäubend vor Sommer strotzende Nacht ins Hostel, die cala Victoriei zu der Freundin von Jochen, die mir nicht so attraktiv erscheint, wie erwartet, irgendwas mit NGO und Videoaufnahmen mit Kindern. Verdünnisier mich gegen 11, zum Abendbrot eine Tüte Chips und eine Tafel Milka Haselnuss Rosine im Gehen auf dem Rückweg. Fotografiere die dicksten Eier von Bukarest.


Dienstag, 22. V. 12, Bukarest Nebel, Wien regnerisch, Berlin Hochsommersonne:
Bukarest, Flughafen Otopeni: T: Papa ist einigermaßen gut beieinander, er kommt mit nach Rangsdorf zum Fußball. Dort sammeln sich die Spieler im Garten. Nach Abreise zum Spiel kommen sie alle nochmal zurück, weil sie etwas vergessen haben.

Hätte mein letztes Geld, 11,80 Lei, in einen Kaffee angelegt, aber der kostet 12 Lei und die verbitterte Ziege, die ihn feilbietet, zeigt keinerlei morgenländische Handelsbereitschaft.
Dieses Geld hier, während einem die stinkenden, labberigen Lappen vor 1989 schier in der Hand zerrieselten, sind die Scheine inzwischen aus strapazierfähigem Plast, angeblich in Australien gefertigt.
Wien, Flugzeug: Wache wiederum mit von meinem eigenen grunzenden Schnarcher auf. Die schlimmsten Beleidigungen meines Narzissmus: Mein Schnarchen, Nasenhaare, Schuppenflechte, Behaarung an den Ohren, der Knick in meinem Schwanz.
Wien, Flughafen: Komplette FAZ durchgelesen, fotografiere neidisch ein schönes Paar, sie ist ausgestattet mit makellos hübschem Gesicht und göttlichen Titten, Amerikaner, wie ich beim Vorübergehen aufschnappe. Vergeblich suche ich nach weiteren Opfern für meine Sexfantasien.
Zu Banja Mare: Allen Reise- und Reportagenredakteuren anbieten!
Hauptstadt der Provinz/des Bezirkes??? Maramureş, die eine spannende Mischung aus mittelalterlicher und sozialistischer Industriegeschichte bietet.
Baja Mare liegt in einem Tal im westlichen Teil der Provinz???
Sweet chestnut tree reserve Haselnussbaum-Park???, dieser Schatz der Natur???? A! wird immer Ende September währen eines dreitägigen Festivals gefeiert, (Fotos suchen& beschreiben, was da abgeht!
Liebe Maren, ist eigentlich Zuschuss zu den Rückreisekosten von Lemberg möglich?
Gruß
Im Bus Tegel - Franz-Neumann-Platz: Der Busfahrer sublimiert nach feinster Berliner Art seine Überforderung mit Unfreundlichkeit, erst verschwindet er, die Türen verschlossen haltend, dann taucht er wieder auf: "I can't give you any information, I have to start now! Sorry!" Immerhin kann er englisch.
Lottumstraße, Bank vorm Haus: In Tasse und Topf begrüßen ...
Sofa: ... mich grün-blau-graue Schimmelkulturen.
Für morgen: -Auflösung zusammenschneiden
-entscheiden, ob Fußball oder Woody Guthry!
-1 h Küche!
-Rechnung von Robert zahlen!
-Cielek zahlen!
-Staub zahlen
-mit Peter/Antje/Mutti wg. Papa telefonieren
-RÄtsel vorbereiten!
Pult: Gudix schreibt mir, dass sie letztens von mir geträumt habe und ich ihr erzählen würde, Hämorrhoiden kämen von Spinnen in der Wohnung. Klingt für mich, als wäre ichs wirklich gewesen.


Mittwoch, 23. V. 12, sonnig:
Pult: T: Auf dem Schloss von Loriot, einer aus der Familie von Bülow kommt, um zu überprüfen, ob bei der konzipierten Ausstellung alles stimmt. Loriot selber gibt in einem Interview Auskunft, als ich danach einen Spiegel erwähne, will er, dass die Kamera noch einmal angeschaltet wird, damit er seine Spiegelbrille mit holografischen Augen aufsetzen kann.

Mache mich halb 8 an die Konzeption für heute Abend und archiviere gleichzeitig meine Fotos, da eine der externen Festplatten inzwischen voll ist.
Nach 9 ans Schneiden der Klingenden Auflösung,
Potsdam, Einsteinforum: Kämpfe gegeb die Müdigkeit vor dem Woody-Guthrie-Film in mörderischer Hitze.


Donnerstag, 24. V. 12, sonnig:
Schreibtisch: Schwer komme ich zum Frühstück heraus, habe mich in der Nacht noch zu lange in der Berliner Geschichte vergraben. Schon die ersten Berliner murrten und mordeten viel.
Überweise, was ich kann, an meine Gläubiger, aktualisiere den Google-Kalender und bereite meine Rundmail vor. Fleißig war ich wie ein Rudel silbernher Bienen, jetzt ab ins Bett.


Freitag, 25. V. 12, sonnig:
Schreibtisch: Unfassbar, Ludwig der Römer ist in der Klosterkirche beerdigt worden! 1348 hatte er sich an den Kämpfen gegen den falschen Waldemar beteiligt, der die Mark Brandenburg unsicher machte, 1351 überließ er Otto dem Faulen die Regentschaft in der Mark.
Gegen 11 verlässt mich etwas die Arbeitslust, aber ich habe keine Aufputsch- sondern nur Betäubungsmittel, und ich kann nicht widerstehen, sie anzuwenden.


Samstag, 26. V. 12, sonnig:
Schreibtisch: Seit 10 weiter an der Vorbereitung meines Stadtspaziergangs.
Nach 7 meinen diesbezügliche Premiere hinter mir, alles sehr nette Leute, sogar der Historiker Benedikt Goebel hat den ausgiebigen Vortrag schwer verständlicher Originalquellen gelobt.
(Schreibtisch, 27. V. 12:) Yorg eigenartig, erst regt er Kaffeetrinken mit den Maurenbrechers an, dann fällt ihm ein, dass er noch Regal anbringen will, dann geht das doch nicht, aber er müsse einkaufen. Was immer seine Gründe sein mögen, die angeführten können nicht überzeugen, denn wäre ihm das mit dem Einkaufen nicht eingefallen, dann halt irgendwas anderes.
Ans Korrigieren der Schweine-Rede fürs Kantinenlesen.
Vai Mó, Danziger Str. 18: Was ich auf dem Hof der Kulturbrauerei auf Großleinwand sehen musste, kam mir wie das Begrüßungsvideo von Al Kaida nach dem Endsieg vor. Esse Mezze Lune gefüllt mit Schwarzwurzeln in Buttersalbei geschwenkt und serviert mit Entenschinken, ach nee, gibts nicht, also Basilico-Gnochi, Gnocki oder wie man die schreibt.
Sofa: Im ZDF gehts um Kokain und eine Wasserleiche.
Für Plagiator: Mit Vorliebe naschte ich meine Popel, dieser würzige Geschmack, da kamen keine Schweinekrusten-Chips mit. Nach schlechten Erfahrungen im Kindergarten hatte ich aufgegeben, sie öffentlich zu verspeisen, es war mir zu einem lieben, intimen Vergnügen geworden, dass ich mir für mein weiteres Leben bewahren wollte.
Ich legte mir Vorräte an...
In Syrien gerät die Situation außer Kontrolle. Am Alexanderplatz hat am Mttwoch ein U-Bahn-Killer zugetreten und ABBA in schwarz hat die EM gewonnen.


Sonntag, 27. V. 12, sonnig:
Schreibtisch: Gezuckerte Erdbeeren aus dem Kühlschrank zum Frühstück, werde für die heutige Reformbühne den Turm von Rumänien vorbereiten.
Klingendes Sonntagsrätsel,
1. 2tes Wort, Anfangsbuchstabe, "Ein Männchen steht im Walde" M
2. Königliches Opernhaus in London, 2 zweisilbige Wörter, im 2. 2. Buchstabe. ?
3. Stadt, 5. Buchstabe, Dublin???, I
4. Hans Albers, B
5. *1940 in New Yersey geboren, Sinatra A
6.
7.
Der Kammerdiener des Papstes im Verlies, man wird ihn verbrennen müssen.
Bereite einen Lichtbildervortrag über Besuch im höchsten Gebäude Rumäniens für die Reformbühne vor, 20.15 Kaffee Burger.
Gegen 3 zu einem Mittagsschläfchen ins Bett.
(Schreibtisch, 28. V. 12:) Mona erklärt mir über Facebook, das Wort "Einheimischer" sei ein Begriff aus der Kolonialzeit. In Rangsdorf waren wir im Sommer, wenn die Urlauber da waren, immer die Einheimischen, die beim Bäcker vorne vor durften. Bäcker Hennig, um die Verwirrung noch zu steigern. Der ist inzwischen ein Café, vielleicht kucke ich es mir morgen mal wieder an.
Burger: Plagiator: Säugestürme... und wie er sich rausredet, dann Porno-Nonne!
Mit Bismarcks schwarzem Teufel schneiden!
(Sofia, Do Operata, 31. V 12:) Bei der Reformbühne ist unter anderem Sarah Hakenberg zu Gast, mit der Resonanz auf meine Lichtbilder bin ich wieder unzufrieden, das häuft sich in letzter Zeit und ich muss dringend etwas ändern.
Erfreuliches Wiedersehen mit Manuela.
Schreibtisch: "Bei Dir ist lange keine Katastrophe passiert."
"Wenn ist so, ich mache Probleme. Immer wenn keine Probleme sind, mache ich welche. Sonst wird langweilig."
"Du könntest doch mal ein Buch lesen."
Sofa: Es ist gut, dass ich heute morgen Erdbeeren gegessen habe. Weniger schön die Situation mit dem Renitentner. Der kurzzeitige, dem absurden Samenstau geschuldete Liebeswahn zum Glück abgeflaut. Sehr nett ist sie zweifellos, aber altersmäßig bin ich da längst Großvätergeneration, und sie hat sich in meinem Kopf auf angenehme Weise entzaubert.
"12 Monkeys"


Pfingstmontag, 28. V. 12, sonnig:
Schreibtisch: 9 auf, meine Kartoffelsuppe mit Nudeln leeren, Israel absagen, es wäre auf über 200 Euro gekommen, die Tickets für die, die abgesagt haben, verfallen, offensichtlich falsch gebucht.
Zug Hauptbahnhof - Rangsdorf: Plagiator: Es half ja alles nicht, man musste bei Thurneysser beginnen, nein, noch viel früher. Ich musste ja nur nachweisen, dass die Charité Berlin war und Berlin gabs seit 1200. Dass die ersten Generationen Ärzte in Berlin allesamt Henker, Folterer und Mordbrenner waren, who cares? Den Beginn der Berliner Medizin machte Hans Brackow, der das Zwicken mit glühenden Zangen besorgte. Theater, Musik und Fernsehen waren verboten, so hatte man nur die Hinrichtungen zur Unterhaltung und peppte sie mit Rädern und besagtem Zwicken mit glühenden Zangen auf.
Diese Tradition haben die Berliner Ärzte beibehalten: Ihre Klienten sterben zügig unter größten Qualen.
Aber ich will nicht ungerecht sein, es gab auch Leute wie den genialen Thurneisser... (aus Stadtrundgang nachtragen!)
Dieses eine nächste Eigenschaft, die von der Berliner Ärzteschaft beibehalten wurde: Geldgier. Ziel der Medizin und oberste Prämisse blieb seitdem: Patient darf nicht gesund werden. Heilung gleich Ende des Geldsegens. Diesem Ziel ordnete sich alles unter mit dem Erfolg, dass nun im 21. Jahrhundert NIEMAND mehr gesund ist.
Wars am Anfang Kopf- oder Fußkrankheit, gibts inzwischen keinerlei Bereich von Physis und Psyche, der nicht ausschließlich aus Krankheiten bestünde.
Kempo S. 167 über Thomas Mann: "Der große Autodidakt, der sich sein Material von überall her zusammenklaubte, einfügte und die Ränder verwischte." So würde ich es auch machen, und mochten sich die Gelehrten der Zukunft darüber streiten, ob mein Werk nun ledigleich das lesbarste oder das wahrhaftigste wäre.
Noch rein: Holtzendorff, Gynäkologie,
Der Gründer der Charité selber, dieser irre Soldatenkönig, eigentlich war alles vorgezeichnet ...
Geschichten aus Eisbär überarbeitet rein.
Rangsdorf, Garten: Es war eigentlich auch egal, wo etwas in der deutschen Medizin stattgefunden hatte, das war auch alles Charité, denn jeder Mediziner hatte irgendwann fürs Militärkrankenhaus gearbeitet oder sein Hospital war dem großen Berliner Monopolisten zugeschlagen worden.
Was ich an ihr geliebt habe: Ihr Lachen, wenn sie kochte, wenn sie mich wild küsste, wenn sie sagte: Herr Hennig... und die deutsche Bürokratensprache persiflierte, wenn sie von Sardinien sprach, ihrer Schwester, ihrer Insel, ihrer Mutter. Dass wir so viel zusammen lachten, das und der Sex, die waren am schönsten.
Was schwierig war: Wenn sie sagte: Du hast mir überhaupt nichts zu sagen. Nichts von dem, was Du sagst, interessiert mich.
Dass sie keine Fragen nach ihrer Mutter beantwortete. Dass sie überhaupt keine Fragen mehr beantwortete: "Darüber möchte ich nicht sprechen." Dass sie über alles, was ich tat oder nicht tat, wütend war. Dass sie störte, dass ich fotografierte und mir Sachen aufschrieb. Dass jeder Kontaktversuch meinerseits erst noch Aggressionen auslöste, bald ohne jede Reaktion blieb. Ich hätte sie gern kennengelernt, stattdessen waren wir nur fünf Monate ein Paar.
Zug Rangsdorf - Hauptbahnhof: Flaubert starb mit 58 Jahren nach einem heißen Bad, in dem er noch pfeiferauchend die Post durchgesehen hatte.
Meine letzte Amtshandlung vor Bulgarien ist ein Fußballspiel gegen den Bundestag, Zuschauer im Poststadion erwünscht, Anpfiff 19.30 Uhr.
Der Nachruf auf meinen Vater könnte lauten: Der Unbequeme. Er war unbequem in seiner Dickköpfigkeit wie in seinem Altersstarrsinn, leicht gemacht hat er es denen, die ihn mögen wollten, nicht. Obwohl, heute hat er noch gar nicht angerufen, vielleicht ist er tot? Das wäre noch ein versöhnliches Ende.
Am 12. August feiert Helga ihren Geburtstag auf einem Floß in Potsdam.
(Bus nach Tegel, 29. V. 12:) Bundestag hat uns versetzt, aber wir können auch ohne ihn glücklich sein oder, wie in unserem Fall, Fußball spielen. Mein 3tes Großfeldtor ins kurze Eck.
(Sofia, Do Operata, 31. V 12:) Mit Barbara zum Kiffen vor die BAIZ, aus "Den Brüdern Karamasow" hat sie was für die Punk-Anthologie abgeschrieben, als sie das dann gegoogelt hat, um zu sehen, dass das Plagiat nicht zu sehr auffällt, da ist er auf Thomas Manns "Buddenbrooks" gestoßen.


Dienstag, 29. V. 12, wechselnd:
Bus nach Tegel: Hybris: Nein, nein, diesmal habe ich nichts vergessen. Wieso eigentlich tirillieren die Vögel so laut? Egal, weiter, diesmal habe ich sogar daran gedacht, die schlecht werdenden Lebensmittel bei Heidi an den Briefkasten zu hängen. Ach, da hinter der Zehdenicker dieser Rollkoffer steht immer noch dort. Apropos Rollkoffer, wo ist eigentlich mein Koffer? Ach je! Also zurück. Man sollte niemals vor 4 Uhr aufstehen müssen.
"Hey, Ihr steht da bekloppt!"
(Sofia, Do Operata, 30. V. 12:) Deniza ist so schön, dass es einigermaßen die Augen blendet. Unklar bleibt mir ihr Verhältnis zu Wassil, vor 3 Jahren hat sie ihn bei Burgas kennen gelernt und sie seien gute Freunde.
Es geht gemeinsam in ein fancy Lokal, alles in weiß. Sie macht sich bei meiner Befragung keine Notizen, wahrscheinlich merkt sie sich alles.
Bulgarien, Sofia, Do Operata, 8 Paris Str., Zimmer 1: Einigermaßen erloschen im Zimmer. Zappe eine Stunde, ehe ich es schaffe, den Computer anzudrehen.


Mittwoch, 30. V. 12, sonnig & kühl:
Bulgarien, Sofia, Do Operata, 8 Paris Str., Zimmer 1: Um fürs Bulgarische Fernsehen bereit zu sein, stehe ich schon um 7 auf, etwas aberwitzig, da ich ja gar nicht weiß, wann sie mich abholen kommen. Angeblich soll ich schon viertel vor 8 auf Sendung sein, glaube aber noch nicht richtig daran.
Nach 8 hinunter und alles klappt wie am Schnürchen, bescheidenes, aber ausreichendes Frühstück, Herr Antonow holt mich ab, in zwei Backstageräume komme ich.
(Sofia Mall, 1. VI. 12:) Im ersten riecht es stark nach Zahnarzt, was heißt, dass entweder die hiesigen Backstageräume so sauber sind wie unser Zahnarztzimmer oder aber, und das wäre eine schlechte Nachricht, dass unsere Zahnarztzimmer so verkommen sind, wie die Backstageräume des Bulgarischen Nationalfernsehens.
Bulgarien, Sofia, Do Operata, 8 Paris Str., Zimmer 1: In der Sendung sind die Feiern und extravaganten Feiern der Abiturientinnen Thema, die Jahr für Jahr für Sorgen bei den Älteren sorgen.
Ein noch aus der kommunistischen Zeit berühmter Moderator ist gestorben, der selbst damals ziemlich frech war. Ein Plakat am Fernsehgebäude erinnert an ihn. Geraucht hat er und er war ein Angehöriger der armenischen Minderheit.
Bulgarien, Sofia, Do Operata, 8 Paris Str., Zimmer 1: Danach noch einen Cappuccino mit der Dolmetscherin und zurück ins Hotel, wo mich der Schlaf übermannt.
Ein Anruf von Papa weckt mich, aber ich gehe nicht mehr ran und schalte das Handy aus.
Lese mir etwas über Plowdiw durch, bulgarisch Пловдив, auch Plovdiv, türkisch Filibe, griechisch Φιλιππούπολις (Philippoupolis) genannt, thrakisch Evmolpia, Pulpudeva oder Eumolpias, lateinisch Trimontium, slawisch Pulden oder Pupulden.
Ein der Elektropost eine gute Nachricht: Äthiopien klappt definitiv! Und eine schlechte: Fotokolumne in der Berliner wird eher nichts.
Gegen halb 2 Aufbruch zum Goethe-Institut.
Im Sofioter Hotel Datenpflege, bin heute Abend kurzfristig bei einem Literarischen Gespräch in der Bibliothek des Goethe-Instituts dabei. Da bin ich mal gespannt, über was wir uns literarisch unterhalten werden.
Bulgarien, Sofia, Do Operata, 8 Paris Str., Zimmer 1: Eine Nervensäge ist dabei, eine entweder wegen oder trotz ihres Alters strohdumme Dame, die nervenaufreibend in der Lage ist, Dummheiten von sich zu geben, ohne irgendjemandem oder irgendwas zuzuhören.
Im Zimmer esse ich Brot mit Butter, Käse und Schinken und korrigiere sodann bis halb 11 an Kirstens Beutekunst-Katalog.
Das Netz spinnt etwas, aber es ist nicht das Falscheste, mal einige Zeit offline zu sein.
Sehe einen im Berlin der frühen 1950er Jahre spielenden, wohl amerikanischen Spielfilm, einige deutsche Schauspieler erkenne ich und den Schauspieler aus "Das Schweigen der Lämmer", er ist da noch Mitte 50. Ein Engländer bringt mit seiner deutschen Geliebten den Ehemann um, anschließend zerstückeln sie ihn und er reist mit den Koffern voller Menschenfleisch durch die Weltgeschichte.
(Sofia, Cafè Wien, Ul. Moskowska 29, 31. V. 12:) Stunden verbringe ich damit, vergeblich nach dem Porno-Kanal zu suchen oder wenigstens die romantischen Pornos für Frauen, mit denen ich mich gestern delektiert habe, wieder aufzufinden.


Donnerstag, 31. V. 12, sonnig:
Bulgarien, Sofia, Do Operata, 8 Paris Str., Zimmer 1: Verschlafe das Frühstück, das es bis 10 gegeben hätte, aber habe noch meine gestrigen Vorräte, an denen ich mich schadlos halte.
Dann, endlich! biete ich Baia Mare an.
Heute stehen das Archäologische Museum von Sofia und mein 2ter Woody-Allen-Film hier "Midnight in Paris" ("Полунощ в Париж") auf dem Programm.
Sofia, Cafè Wien, Ul. Moskowska 29: Schreibe Karten an Petra Haluzová, Jochen, Herrn Rimpel, Anna, Mutti, Ella, Lisa und Heidi. Ein Sturzregen zwingt mich ins Innere.
Auch wenn mir völlig bewusst ist, dass eine Affäre mit einer 20jährigen die Grenzen des guten Geschmacks sehr stapazieren würde, auch wenn ich weiß, dass die junge Studentin bei einem Treffen mit dem greisen Autor durchaus anderes im Sinn haben wird, als schmutzige Altherren-Fantasien, kann ich doch nicht anders als voll Vorfreude darauf hin zu fantasieren. Und ist ein Kuss wirklich völlig ausgeschlossen? Meine Träume und Fantasien gehören mir.
Bemerkenswert beim Verknallen dieser fast ausschließliche Fetischismus, der diesen Wahn auslöst. Aber die Verpackung macht entweder neugierig aufs Innere oder eben nicht.
Datenpflege bis nach halb 3, nun Postamt und der vorgenommene Museumsbesuch.
(Sofia, Do Operata, 1. VI. 12:) Plot erinnert mich an einige Gedichte von Bukowski, zum Beispiel dieses:

The Lost Generation

it was much easier to be a genius in the twenties, there were
only 3 or 4 literary magazines and if you got into them
4 or 5 times you could end up in Gertie’s parlor
you could possibly meet Picasso for a glass of wine, or
maybe only Miró.

and yes, if you sent your stuff postmarked from Paris
chances of publication became much better.
most writers bottomed their manuscripts with the
word “Paris” and the date.

and with a patron there was time to
write, eat, drink and take drives to Italy and sometimes
Greece.
it was good to be photo’d with others of your kind
it was good to look tidy, enigmatic and thin.
photos taken on the beach were great.

and yes, you could write letters to the 15 or 20
others
bitching about this and that.

you might get a letter from Ezra or from Hem; Ezra liked
to give directions and Hem liked to practice his writing
in his letters when he couldn’t do the other

it was a grand romantic game then, full of the fury of discovery.

now
now there are so many of us, hundreds of literary magazines,
hundreds of presses, thousands of titles.
Who is out to survive all this mulch? It’s almost improper to ask.

I go back, I read the books about the lives of the boys and girls in the twenties.
If they were the lost Generation what would you call us?
Sitting here among the warheads with our electric touch typewriters?

The Last Generation?
I’d rather be lost than last but as I read these books about them
I feel a gentleness and a generosity
as I read of the suicide of Harry Crosby in his hotel room with his whore
that seems as real to me as the faucet dripping now
in my bathroom sink.

I like to read about them:
Joyce blind and prowling the bookstores like a tarantula, they said.
Dos passos with his clipped newscasts using a pink typewriter ribbon.
D.H. Honry and pissed off,
H.D. being smart enough to use her initials which seemed more literary than
Hilda Doolittle.

G.B. Shaw, long established, as noble and dumb as royalty, f
lesh and brain turning to marble.
a bore.

Huxley promenading his brain with great glee, arguing with that Lawrence that it wasn’t in the belly and the balls, that the glory was in the skull.

and that hick Sinclair Lewis coming to light.

Meanwhile the revolution being over, the Russians were liberated and dying. Gorky with nothing to fight for, sitting in a room trying to find phrases praising the government. many others now broken in victory

now

now there are so many of us bu we should be greatful, for in a hundred years if the world is not destroyed, think, how much

there will be left of all of this: nobody will be able to fail or to suceed- just relative merit, diminished further bu our numberical superiority. we will all be catlogued and filed.all right…
if you still have doubts of those other golden times there were other curious creatures Richard Aldington, Teddy Dreiser, F. Scott, Hart Crane, Wyndham Lewis, The
Black Sun Press.
But to me the twenties centered mostly on Hemingway coming out of the war and beginning to type.
It was all so simple, all so delciously clear

now
there are so many of us.
Ernie you had no idea how good it had been four decades later when you blew your brains into the orange juice
although I grant you
that was not your best work

Es gab da noch eins, wo er mit der Pariser Klicke an einem Tisch sitzt und seinen Eltern sagt, er möchte nicht sein wie sie, aber einer von ihnen.
Bulgarien, Sofia, Do Operata, 8 Paris Str., Zimmer 1: Verzaubert kommen wir aus dem Film und wünschen uns, es möge regnen.
Zwinge mich an die "Bekenntnisse", das schreibt ja sonst keiner:
Es war ja so unfassbar traurig, die ersten Jahrhunderte Medizin in Berlin. Sie hatten ja nichts, außer zur Ader zu lassen. Kopfschmerzen? Aderlass. Sorgen? Aderlass. Der Vater kann nicht mehr laufen? Aderlass. Er wird immer schwächer? Dann müssen wir ihn zur Ader lassen. Es geht ihm immer noch nicht besser? Schnell einen Aderlass. Er ist ganz schwach? Lassen wir ihn zur Ader. Tot? Da haben wir ihn wohl nicht genug zur Ader gelassen.


JUNI 2012

Freitag, 1. VI. 12, sonnig:
Bulgarien, Sofia, Do Operata, 8 Paris Str., Zimmer 1: Telefonterror vom Ludwigsfelder Renitentner läutet den Tag ein, sieben mal ruft er an. Telefon bleibt bei ihm ungefährlicher als Auto.
Trotzdem einen schönen Traum gehabt, es war einfach so, dass mich Denica anchattete, es war so selbstverständlich und normal.
Papa erhöht Telefonterror auf 9 Anrufe. Ob das jetzt den Rest seiner traurigen Tage so geht? "Wo ist mein Auto? Ich will, dass Du mir mein Auto vor die Tür stellst! Wo ist mein Auto? Wo ist mein Auto? Wo ist mein Auto?"
Bulgarien, Sofia, Tower Mall, Gelati: Spaziere den 11. August Richtung Norden, Rakovski weiter, am Flüsschen links den Slivnitsa Boulevard, noch die Veslets einen Block nach Norden und ein Käffchen am Knyaginya Maria Luiza Boulevard. Mein nächster abenteuerlicher Plan ist es, die Stefan Stambolov in südwestlicher Richtung einzuschlagen und genauso tue ichs.
Zur durch Alkohol induzierten Kontaktfreudigkeit: Weit besser erreicht man das Ziel durch ein Poesiealbum.
Zu "Let's do it": Verliebe Dich!
Die Vögelein im Wald tun es.
Affen jung und alt tun es
Nicht nur im Korb der Hahn tut es,
auch der Papst im Vatikan tut es
Reimwörter unes: Ruhmes Huhn es/Huhnes
tutes/ tut es: Mutes
Apfelkuchen im Nedelja
Hinein in die Plastikwelt der Sofia Mall, im Herzen der Finsternis der Kindertagsfeierlichkeiten.
15 mal hat die senile Nervensäge mich heute schon vom Teltow angerufen, zum Glück wird sie bald zu betrunken sein, um den Terror fortzusetzen.
Gönne mir "Otmestitelite" in 3D, das sind Iron Man, Hulk usw. Den ersten Iron Man sah ich damals in Nairobi, Hulk weiß ich nicht mehr genau. Hier im Kino habe ich seinerzeit am 5. Dezember 2008 „Uзгopu cлeg npoчumaнe“ gesehen, das war „Burn After Reading“ mit Brad Pitt als unterbelichteten Fitness-Lehrer.
Beginne aus Gründen der Prokrastination damit, den Mai für meine Chronik vorzubereiten.
Onda, Stamboulskaja: Im Regen zurück, Schreibpause im Onda. Erinnerung an meine Alkoholiker-Zeit hier in Sofia, immer dieser Laden im Keller, der durchs Fenster verkaufte. Obs den noch gibt? Vielleicht werde ichs morgen sehen.
Jedenfalls bin ich mittlerer Dinge, halb 8 mache ich mich weiter an die Chronik, um 8 soll es aber genug sein. Ziemlich traurig alles, das Absterben des väterlichen Gehirns protokollieren zu müssen.
Tatsächlich bis 20 nach 8 dran gefeilt, Zeit fürs Abendbrot.
Bulgarien, Sofia, Do Operata, 8 Paris Str., Zimmer 1: Leider derzeit auch arge Zweifel an den "Bekenntnissen".
Amüsiere mich dann wie Bolle bei den Slapstick-Sachen in "It's a Mad, Mad, Mad, Mad World" (USA 1963), auf deutsch hieß er "Eine total, total verrückte Welt" und als Kind habe ich ihn mal mit meinem Vater gesehen. Spencer Tracy als kurz vor der Pensionierung stehender Polizist, in Nebenrollen Peter Falk, Buster Keaton, Jerry Lewis und The Three Stooges. Lese dazu Kempowskis "Umgang mit Größen".

7
Nov
2012

www.Falko-Hennig.de

Mittwoch, 7. November 2012, 20.30 Uhr:
Klingendes Radio Hochsee Rätsel No. 33
mit Jennie Rose Halperin auf 88,4 MHz (Berlin) und 90,7 MHz (Südwesten) sowie http://www.piradio.de/


2011

Montag, 31. I. 11, sonnig:
Tschechien, Rokytnice (Rochlitz), Yellow Ski Internet-Café: T: In einer teuren Geschäftsgegend von Berlin, kann jemand einen Teil einer Bürogemeinschaft für internationalen Antiquitätenhandel übernehmen. Es ist aber nur eine Tarnung für Drogenhandel. In der Etage darunter hat ein Maler sein Lager und öffnet es erstmals der Öffentlichkeit. Finde die Bilder sehr faszinierend, manche realistisch, manche karikaturistisch. Die besonders intimen Bilder sind in einer Abseite mit Vorhang verborgen, den ich öffne. Publikum strömt. Kann vielleicht an einem Öffnungstag in der Woche hier als Verkäufer arbeiten. Auch Klaus Staeck hat hier eine Etage und dort werde ich womöglich auch engagiert. Auf einer Toilette, die Pinkelbecken sind voll, die Spülungen spritzen herum. Als ich mir die Hände waschen will, sind die Wasserhähne lose und spritzen ebenfalls herum. Kirsten kommt herein, das wäre uns doch wohl klar, das das alles hier Streiche mit versteckter Kamera seien?

Lisa liest zum Frühstück vor, wie der Kyklop Odysseus' Kameraden auf die Steine schlägt, dass die Gehirne aus den Schalen springen, um ihnen dann Glied um Glied auszureißen und sein Maul zu stopfen. Schließlich besoffen von Odysseus Wein (es war, meiner Meinung nach von Homers Beschreibung her eher Schnaps) erbricht er ....
Tschechien, Rokytnice (Rochlitz), Yellow Ski Internet-Café: Lisa kann nun auch nachmachen, wie ich schnarche. Mir wäre viel lieber, ich schnarchte nicht, aber dem ist nun leider mal nicht so. Was tun? Den weichen Gaumen aushärten lassen.
Mit Lisa hinunter ins Zentrum des Städtchens, Geld tauschen, der Kurs ist 1€= 25 Kč.
Postkarten und Lebensmittel kaufen, nach einem Schiverleih kucken und wieder, vergeblich nach Ines und Remo Riebniger fragend wieder nach oben. Dort nehmen wir zweites Frühstück ein um uns dann die Schneebretter anpassen zu lassen und zum Idiotenhügel am Kahlberg zu fahren.
Zwar erst ab dem Nachmittag gegen 2, aber wir fahren Schi und es macht den Kindern Spaß. Wobei Kinder angesichts der beiden jungen Damen recht ungenau ist.
Bin ich überhaupt in meinem Leben schon mal im Neuschnee gefahren? Ich glaube nicht.
Und endlich meldet sich Ines, also Ende gut, alles gut, im letzten Haus, bei dem wir natürlich als einziges nicht gefragt haben, da sind sie eingemietet.
Können den beiden befreundeten Familien noch im Saval Gesellschaft leisten, Ella und Lisa verspeisen heiße Himbeeren mit Schlagsahne, ich eine Knoblauchsuppe und zwei halbe Liter Prazdroi, ach ja, das gute Tschechenbier, es ist ja in Tschechien immer noch sehr viel leckerer als anderswo.
Verabschieden uns, muss ja noch dringend wegen der Pressearbeit bei Anna fragen. Aber sie haben hier Probleme mit dem Netz, als ich gegen 8 zum zweiten mal nach der gestrigen Verzweiflung im hiesigen www.Stützpunkt einkehre. Kinder währenddessen einkaufen. "Ein Internet-Café ohne Internet" stellen sie treffend fest, als sie zurückkehren und ich rein gar nichts erreicht habe.
Es sei der Server oder der Browser und sie versucht es immer wieder, aber ohne Verbesserung des Offline-Zustandes.
Gegen 9 scheint die Festnetz-Variante wieder zu arbeiten, wenn ich das begeisterte Kreischen einer jungen Dame richtig interpretiere, die zweite im Bunde: "Hauptsache mein Facebook Account funktioniert nicht." Immerhin, die sind im Netz, ich nicht.
(Tschechien, Rokytnice, im Quartier, 1. II. 11:) Mit dem Laptop der Barfrau schließlich klappt es, aber so richtig zufrieden bin ich nicht. Auch dann noch das mit den Schiern.


2012

Sonntag, 13. V. 12, bewölkt:
Polen, Krakau, Cavé Tournet, ul. Miodowa 7:
Bewegungssport in Krakau:
Deutschland - Polen 2:0 (0:0)
1:0 Böttcher (48.)
2:0 Nußbaumeder (57.)
Deutschland - Ukraine 4:0 (3:0)
1:0 Mican (11.)
2:0 Mican (17.)
3:0 Nußbaumeder (EM, 20.)
4:0 Mican (55.)
Polen, Krakau, Cafe Mana Mana, Studencka: Sichere mir einige Poesiealbumseinträge, vielleicht die beste meiner Ideen der letzten Tage, es mit hierher zu nehmen.
Polen, Krakau, Cafe Mana Mana, Studencka: Wandere aber weiter durchs ehemals jüdische Viertel der Stadt, fleißig fotografierend, über den Markt und dann meinen schmerzenden Füßen etwas Rast in einem organischen Café gönnend.
Lese im Netz, was nun eigentlich Galizien ist, wenn ich schon mal da bin. Галичина, Galicja, Галиция, auch Rothreußen, Ruś Czerwona, Grody Czerwieńskie oder Russia rubra genannt.
(Krakau, Hotel pod Wawelem, 14. V. 12:) Es geht um 8 in ein dem braven Soldaten Schwejk gewidmetes Hofbräuhaus "Pod Wawelem Kompania Kuflowa". Dort werden gigantische Portionen an Enten serviert, die Ukrainer singen nach Kräften und eine unerklärliche Begeisterung bringen sie für Martin auf, den sie mit "Scharfe! Scharfe! Scharfe!" Sprechchören feiern.
(Lemberg, Hotel Svjatoslaw, 17. V. 12:) "Niemand hat verloren, denn wir haben neue Freunde gewonnen."
Klaus Cäsar: "So kann man sich seine Niederlagen auch schön reden."
"Die kennen uns halt noch nicht."
Kann die Reise Dank meiner zunehmenden Beschwerden auch als Vorbereitung auf den Hämorrhoiden-Abend werten.
(Krakau, Hotel pod Wawelem, 14. V. 12:) Entlocke einem Großteil der Anwesenden Poesiealbums-Einträge und lichte die Verfasser ab.
Gegen Mitternacht mit Jochen ins Hotel, seine negative Weltsicht wird ihm irgendwann, wenn er eine unheilbare Krankheit hat oder durch einen Unfall querschnittsgelähmt ist, sehr zugute kommen.


Montag, 14. V. 12, wechselnd:
Polen, Krakau, Restaurant im Hotel pod Wawelem, pl. Na Goblach 22: In der Nacht kommt die Revanche, Martin schnarcht neben mir, aber ich bekomme ihn nicht geweckt.
Der Fernsehmann der Polen kommt neben mir zu sitzen, Jahrgang 70 ist er und aus Niederschlesien, hat in Breslau Jura studiert, aber schon als Kind hat er eine Fußballzeitung herausgegeben, sein Vater war Flugzeugmotoren-Ingenieur, er hat eine 6jährige Tochter.
Brief an Papa, verzichte darauf, ihn mit meiner Kröte zu unterzeichnen.
Krakau, Opium: Mit Jochen nach Nova Huta, Spaziergang durch den Stalinismus, Bummeln danach durchs Krakauer Stetl, kaufe mir einen Personalausweis von 1940, fotografiere Eiserne Kreuze auf dem Flohmarkt auf dem runden Platz, über den Friedhof.
Im Opium am kleinen Jüdischen Friedhof von Krakau "Cmentars Remuh" funktioniert das W-Lan beim ersten Versuch.
Pressearbeit Hämorrhoiden, erstmalig aus Polen.
"Der macht Pressearbeit für Hämorrhoiden? Zahlen die denn gut?"


Dienstag, 16. V. 12, Krakau trübe, Lemberg Regen:
(Lemberg, Hotel Svjatoslaw, 17. V. 12:) Bekenntnisse, inspiriert von Krafft-Ebing, Entwicklung der Vita sexualis:
Jesus, ich liebe Dich! Ich ging an der lebensgroßen Figur vorbei, die am Kreuz hing, Nägel durch Hände und Füße geschlagen.
Wann immer ich eine Misshandlung sah, wurde ich sexuell sofort aufs Höchste erregt. Der muskulöse Körper mit den ausdefinierten Muskeln, kein Gramm Fett zu viel, nur das Gesicht war etwas quälerisch, da würde man beim Sex ein Handtuch drüber legen müssen. Jesus, ich liebte ihn, zwar nur körperlich, aber immerhin.
Ich liebte den Weg an der Kirche vorbei, denn sein wunderschöner Körper bescherte mir jedesmal eine Erektion, wenn ich daran vorbeiging. Ich dankte Jesus.
Aber bald waren es nicht nur Misshandlungen körperlicher Art, sondern auch psychischer Natur, die mich anheizten. Und ich sah sie überall, schrie ein Vater sein Kind an oder bekam es eine Ohrfeige von der Mutter, wurde in der Zeitung über Folter berichtet, schon bekam ich einen Steifen. Bereits die Erwähnung oder Vorstellung von Wörtern oder Namen wie Wilhelm Busch, Massentierhaltung oder Sadismus, selbst der Anblick von Fleisch, selbst wenn es in Zellophan abgepackt war, reichte aus um mir lang anhaltende Erektionen zu bescheren.
Ich setzte meinen Ehrgeiz darein, die Wollust für Stunden oder schließlich sogar Tage anhalten zu lassen und die Gier anwachsen zu lassen, sie bis an alle vorstellbaren Grenzen auszudehnen.
Ich entwickelte die Fähigkeit, zu jedem beliebigen Zeitpunkt ausschließlich durch meine Imagination ohne manuelle Hilfe ejakulieren zu können, wann immer ich es mir wünschte und so oft ich wollte, eine Fähigkeit, von der alle Beteiligten bei der Arbeit an der Chronik der Charité noch sehr profitieren sollten.
Insbesondere bei den vielen Besprechungsterminen konnte ich, Dank der vorsorglich in meine Unterhose applizierten Tempos, die große Anspannung auf elegante Weise sublimieren. Nur der jeweils aufsteigende Samengeruch machte mir gelegentlich Sorgen, dass alles auffliegen könnte.
Fund in einem Archiv:
"Ein entsetzlicher Sport soll bei entarteten Chinesen darin bestehen, Gänse zu sodomisieren und ihnen während der Ejakulation den Hals abzusäbeln."
Für Familie: eklamptische Anfälle
Recherche, Durchwühlen alter Chroniken, Gründer o. s. ä., mindestens Chirurg: "Der Leibmedicus des Soldatenkönigs erschien bei Metzen ...
(Lemberg, Café Baseman, 17. V. 12:) ... , ließ von ihnen lebendes Geflügel oder ein Kaninchen kaufen und verlangte, dass die Person das Tier martere. Er hatte es abgesehen auf Köpfen, Ausreissen der Eingeweide. Fand er eine Puella, die sich zu derley herbeiliess und recht grausam vorging, so war er entzückt, zahlte und ging, ohne von der Person etwas weiter zu verlangen oder sie zu berühren, seiner Wege."
Ich stellte mir vor, ich sei ein edles, feuriges Pferd und werde nackt von ???? geritten, ich fühlte sein/ihr Gewicht, den Zügel und die Schenkel, denen ich gehorchen musste, ich hörte die befehlerische Stimme, ich schwitzte, spürte die Sporen in den Flanken und spritzte unter großem Wohlgefühl ab.
Phantastische Exaltierung des perversen Ideals.
Kulturgeschichte: Der Missbrauch der Genitalorgane führe zu Neurasthenie. S. 127: "Linkisches, verlegenes Benehmen, scheuer Blick, schlaffe Haltung deuten auf Masturbation."
Fahrt Krakau - Lemberg: Noch in Polen diese verrosteten Gestelle für Reklamebanner, die in Fetzen von ihnen herunterhängen, als wären es Überbleibsel eines vor vielen Jahrzehnten zusammengebrochen Kapitalismus.
11.30 Uhr der erste Anruf von Papa, ich schalte inzwischen nur noch aus, vielleicht werde ich demnächst die Verwandtschaft bitten, bei ihm auf Unterlassung des senilen Telefonterrors zu dringen.
Intensiv wird auf der weiteren Fahrt diskutiert, ob Krachts "Imperium" nun misslungen sei oder nicht.
Sehr reizvolle Art zu reisen, da wir anstatt auf der drögen Autobahn auf der Landstraße durch alle Dörfer und Städte schippern. Kurz vor der EU-Außengrenze steigen noch zwei polnische Spieler mit riesigen Zähnen zu.
15.15 Uhr an der Grenze, werden die vielen in meinen Reisepass gestempelten Skelette mir Probleme machen? Ein polnischer Beamter jedenfalls sammelt die Pässe ein, nicht ohne jeden Inhaber noch mit Vornamen anzusprechen: "Falko? Hakan?" 30 Minuten später teilt Klaus Cäsar sie wieder aus.
Die ukrainischen Beamten stehen herum, rauchen, fahren ohne Helm mit dem Motorrad durch die Gegend und telefonieren während wir warten müssen. Eine Stunde später sammelt eine Dame mit rasiermesserscharfer Brille die Pässe erneut ein. 20 Minuten später fahren wir zehn Meter vor.
Alle steigen aus, Federball wird gespielt und Klaus Döring legt sich auf den Rasen, das reicht den totalitären Bütteln der Staatsmacht, uns wieder in den Bus zu jagen. Das wäre ja noch schöner, wenn sich jemand vergnüge!
Irgendwann ist es 18 Uhr ukrainischer Zeit, seit zwei Stunden waren wir hier, man hat uns nicht zuviel versprochen.
Hakan darf nicht mit, nur von der Türkei hätte er ohne Visum einreisen dürfen. Reine Schikane. Wieso diese Arschlöcher hier, vor die Wahl gestellt freundlich und hilfsbereit statt unbarmherzig und sadistisch zu sein, sich ohne Not für letzteres entscheiden? Außerdem müssen die miesen Nagetiere mit 100 Euro geschmiert werden, weil es angeblich die idiotische Vorschrift gibt, nach der polnische Fahrer keine Ukrainer und Ukrainer keine Polen fahren dürfen.
Als es auf 7 geht, gleicht sich die Situation im Bus zunehmend von Geruch der Klos und Stimmung der Reisegruppe der in der entführten Landshut 1977 nach Erschießung des Piloten. Die Slawen versuchen, die Situation durch Konsum selbst gebrannten braunen Wodkas zu entspannen. Prompt gehts 19 Uhr weiter, da habe ich in Afrika ja noch ganz andere Sachen erlebt.
Ab jetzt ist der Bus zweigeteilt, hinten lachen sich die Polen und Ukrainer einen Ast, vorn grübeln die Deutschen über die Fehler der Vergangenheit und der Gegenwart.
Einfahrt Lemberg 21.15 Uhr nach 12 Stunden im Bus.
(Lemberg, Hotel Svjatoslaw, 16. V. 12:) Wandern durch die uns neue, alte Stadt, die geheimnisvollen Zahlenschlösser an den Haustüren, die langen Gänge, die Höfe mit den Balkons, denen in Krakau nicht ganz unähnlich
Ukraine, Lemberg, Hotel Svjatoslaw, Zimmer 304:
Schreibe noch Tim Sexton:
Don't know Anzeigenstr., so I can't tell you anything about it. I know pepole who blog, but this is something complete different, I guess. My room mate here in Lwow doesn't knows it too, so maybe it must be something different what works in Germany.
Best
Falko
Nach 2 noch mit annem Computer vor der Glotze, aber nun ist Schluss.


Mittwoch, 16. V. 12, regnerisch:
Ukraine, Lemberg, Hotel Svjatoslaw, Zimmer 304:
Netz im Lemberger Hotel etwas langsam, aber wir haben ja Zeit.
(Lemberg, Hotel Svjatoslaw, 17. V. 12:) Frank ist leider etwas eingeschränkt in seinen Themen, egal auf was er angesprochen wird, er kann nur immer wieder betonen, dass er Omelett zum Frühstück möchte.
Ukraine, Lemberg, Hotel Svjatoslaw, Zimmer 304: Traurig, dass unser Friedens-Fußball-Turnier Berlin Krakau Lemberg heute zu Ende gegangen ist, gewonnen haben wir alle. Platzierung: 1. Platz Deutsche Nationalmannschaft der Autoren
2. Platz Polnische Nationalmannschaft der Autoren
3. Platz Ukrainische Nationalmannschaft der Autoren
Es war für alle ein Fest!
Zwar ist es mir nicht gelungen, in Lemberg ein Bild hochzuladen, aber dafür ist der Kopf mit der herrlichen Stadt gefüllt.
Halb 2 Rechner aus.


Donnerstag, 17. V. 12, Lemberg Regen:
Ukraine, Lemberg, Hotel Svjatoslaw, Zimmer 304: Das Personal des Hotelrestaurants, einer gigantischen Halle voller ausgestopfter Tiere, hat wohl schon zu nachtschlafender Zeit Unmengen von Spiegeleiern gebraten und Würstchen auf pittoreske Art aufplatzen lassen, so dass sie solide eiskalt auf den Verzehr durch die verkaterte Mannschaft warten.
Frank und Jugendfreund Vogelsang haben sich in der Nacht noch die Schuhe abgeleckt. Mich überrascht das angesichts der Lektüre von Krafft-Ebing überhaupt nicht.
Auch am Tag der Abreise aus Lemberg, es geht zur rumänischen Grenze, gelingt es mir immer noch nicht, ein Bild hochzuladen.
Entnehme dem russischen Fernsehen einen genialen Hinweis für die Komplettierung meines Küchenbalkens: Einfach die Deckel von Schraubgläsern drunter annageln, dann kann ich Vorratsgläser nach Belieben einschrauben.
Bin mal gespannt, ob mir heute jemand zum Vatertag gratuliert.
Lemberger Kaffeemanufaktur von 1675, Ploscha Rinok, 10: Ah, endlich ein schnelleres Netz, kann also die wundschöne Lemberger Busstation hochladen und Bilder unseres schönen Turniers.
Die üblichen Terror-Anrufe meines Vaters mit dem Sprung in der Platte, drücke sie inzwischen nur noch weg.
Dann an meine Aufzeichnungen, ein fröhliches Schriftstellerleben. Gegen 4 genug davon, verlange die Rechnung.
Die Museen enttäuschend, aber dümmer wird man trotzdem davon nicht.
Versuche mir nach der Rückkehr ins Kaffeehaus die Straßenbahnverbindung zum Bahnhof herauszusuchen, immer noch in Львів (ukrainisch Lwiw) Львов (russisch und polnisch Lwow) oder aber Lemberg. Wer Lemberg für eine revanchistische Bezeichnung hält, ist besonders schief gewickelt, da es sich um das jiddische Wort לעמבערג handelt.
(Rumänien, Vișeu de Sus, "Moak", 18. V. 12:) Keinerlei Hinweis gibt es in der heimlichen Hauptstadt der Ukraine darauf, dass die Straßenbahnen zum Bahnhof "Woksal" einfach nicht fahren
(Rumänien, Vișeu de Sus, Schlafwagen, 18. V. 12:) Der Pawel, der uns erhalten bleibt, ist wahrscheinlich im Herzen gutmütig, aber ansonsten eine ziemliche Flitzpiepe, Schriftsteller? Das sei für ihn Hobby, da müsse man von der Frau leben. Er könnte ja auch fragen, ob wir damit unser Geld verdienen, aber im Grunde interessieren ihn andere Menschen nur als Opfer seiner Monologe. Unmengen von Fotos zeigt er, nun ja, richtig interessant sind die wenigsten, und ansonsten redet und redet er, da Jochen den Fehler macht, ihm zuzuhören.


Freitag, 18. V. 12, wechselnd:
Rumänien, Vișeu de Sus, Pizzeria und Bar "Moak" an der Hauptstraße: In Jochens Reiseführer "Rumänien" (Dumont "Richtig reisen", Ostfildern 2006) von Ebba Hagenberg-Milin über Hermann Oberth:
"Ab 1916 setzte er in der Schwimmhalle sein Gleichgewichtsgefühl mit Drogen außer Funktion und verbrachte Stunden in simulierter Schwerelosigkeit, um bald zu konstatieren: Der Mensch kann diesen Zustand sowohl physisch als auch psychisch ertragen." Selten ist Jugendalkoholismus eleganter schöngeredet worden. Obwohl, da werde ich zu recherchieren suchen, ob es wirklich Alkohol war.
Zum unerschöpflichen bei den Deutschen so beliebten Thema Stuhlgang: Der Geruch auf der Zugtoilette erinnert mich an den strengen Odeur der Plumsklos in Prerow.
Bei dem Urlaub circa 1987 am Goldstrand in Bulgarien mit Wolfs hieß es immer, wenn einer der vielen Camper Richtung Klo mit seiner Toilettenpapier-Rolle vorbei kam: Der geht zum Abfahrtslauf. Weil die Hockklos diese Körperhaltung verlangten. Und natürlich war es immer "Thema Nummer eins."
"Wir reden wieder über Thema Nummer eins."
Ausstieg in der Grenzstadt Solotwino, Rundgang durchs Örtchen, ein vierschrötiger Ladeninhaber will mich nicht seine Simpsons-Überraschungseier fotografieren lassen.
Rumänien, Vișeu de Sus, Bahnhofsgelände, Schlafwagen, Abteil 4: Vorbei am Café "Grind", das wäre ein schöner Name fürs von der Selbsthilfegruppe der Hautklinik der Charité betriebene Kaffeehaus.
Rumänien, Vișeu de Sus, Pizzeria und Bar "Moak" an der Hauptstraße: Eine Kirche mit aufgemaltem Ziffernblatt, ist natürlich billiger als ein Uhrwerk. Später in Vișeu dasselbe.
Hinunter zur Grenze an der Theiße, die freundliche und gut aussehende ukrainische Beamtin bemängelt lächelnd die in den Pass gestempelten Skelette, meine Tochter, "maja malenki djeduschka" sage ich zuerst, was "mein kleiner Großvater" bedeutet, anstatt "dotsch" für Tochter, meine Tochter habe sie hinein gestempelt. Aber das sei doch ein amtliches Dokument!
Rumänien, Vișeu de Sus, Pizzeria und Bar "Moak" an der Hauptstraße: Die Rumänen fragen uns, ob wir Drogen, Marihuana oder Kokain dabei haben, nein, leider nicht.
Im Städtchen Sighetu Marmației (ț wird z ausgesprochen) nach dem Besuch der Sparkasse zu einem beeindruckenden Gebäude, rege an, hineinzugehen und drin ist es noch gewaltiger, eine Beton-Stützkonstruktion aus den 1920er Jahren, sozialistische Bilder, der unvermeidliche Ikarus, der der Sonne zu nahe gekommen ist. Eine Dame fragt uns nach unserem Begehr und ein Herr, der englisch kann, kommt hinzu. Er ist der Direktor dieser Kunstschule und führt uns herum, das Saxofon- und Akkordeonzimmer, das Geigenzimmer, er ist Gesangslehrer für volkstümliches Liedgut, ein Gitarrenraum, eine Ikonenmalerin, sie heißt Irina Szemkovics, bei der ich einen an der Titte zutschenden Jesus und einen Teufel in Hinterglasmalerei für 130 Lei (30 Euro) erstehe.
Weiter gehts bis in das Direktorenzimmer, wo eine Grünpflanze an einer Leuchtstoffröhre rankt. Wie denn eine solche Kunstschule in einer solchen Kleinstadt entstehen konnte? Ein Sohn der Stadt, in Budapest zu Geld gekommen, hats spendiert. Danke Rumänien, was für ein Empfang!
Zum Busbahnhof, schon in einer Stunde gehts weiter, herrliche Bauernsuppe und Polenta, dazu ein alkoholfreis Bier:
"REGELE BERII IN ROMANIA
FĂRĂ ALCOOL
URSUS
FONDAT 1878
KING OF BEER IN ROMANIA"
und ein Käffchen hinterher. Im Bus nach Vișeu wache ich erschreckt von meinem eigenen Schnarchen auf.
Wanderung hinunter zum Bahnhof, eine prächtig gepflegte niedliche historische Anlage, Quartier nehmen wir in einem Waggon des ....
Rumänien, Vișeu de Sus, Bahnhofsgelände, Schlafwagen, Abteil 4: ... "Vereinigter Schienenfahrzeugbau der DDR VEB Waggonausrüstungen Vetschau, Bauart Görlitz" von 1973.
Beginne noch verschiedene andere Fotoserien, so eine zu Pfostenhüten.
Auch noch eigenartig: Ich zeige Jochen das Foto, das ich von ihm in der Lokomotive gemacht habe: So eines möge er bitte von mir machen. Aber er hat wohl weder zugehört noch gekuckt und macht alles falsch, was man bei einem solchen Bild nur falsch machen kann. Schade.
Rumänien, Vișeu de Sus, Pizzeria und Bar "Moak" an der Hauptstraße: Ein Paradies der gelben Wellpappe aus Plast, fotografiere circa zehn verschiedene Motive damit.
"Buna sihua!" (eigentlich geschrieben "Bună ziua!)
Tiramisu mit Früchten wird in einem Glas serviert.
Eigentlich ist es eher beruhigend, dass es hier kein Netz gibt, so dass ich nicht gleich nach Elektropost und Facebook kucke sowie twittere. Elf Postkarten habe ich geschrieben, gerade einen kleinen Schreck bekommen, als meine Kamera, die ich zum Aufladen an die Dose drinnen gehängt hatte, verschwunden war. Aber die mildtätigen Männer, die ich ungerechterweise gleich verdächtigt hatte, hatten das Gerät an der Theke abgegeben.
Rumänien, Vișeu de Sus, Bahnhofsgelände, Schlafwagen, Abteil 4: Ein sonderbares Kunstverständnis zeigt Jochen in Bezug auf Fotografie, früher, da habe er eine Praktika gehabt und nur schwarzweiß fotografiert, da wollte er noch Kunst machen, habe 20 Minuten überlegt, wie er ein Bild komponiert, da war egal, ob es scharf ist. Jetzt mit der neuen, da habe er keinen künstlerischen Anspruch mehr, deshalb könne es ruhig scharf sein.
Ich sehe gerade meinen künstlerischen Anspruch darin, dass auf den Bildern das scharf ist, was ich möchte. Natürlich klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander.
Rumänien, Vișeu de Sus, Bahnhofsgebäude: Nach 10 ein Tweet aus Vișeu de Sus in Rumänien, deutsch heißt die Ortschaft Oberwischau, ungarisch Felsővisó. Also doch wieder im Netz, wie immer nichts Weltbewegendes, was ich verpasst hätte. Immerhin haben Mike Busse und Dan und Steffi ihren Nachwuchs bekommen, Jungs, ach, wie beneidenswert, ob ich noch ein Kind kriege?
Wobei ja nicht nur das Glück dabei wächst, sondern auch das Unglück und die Sorge. Wenn es nun totgeht?
Rumänien, Vișeu de Sus, Bahnhofsgelände, Schlafwagen, Abteil 4: Bis Mitternacht sortiere ich noch Fotos, dann beginnt die zweite, leider recht kurze Nacht im Schlafwagen.


Samstag, 19. V. 12, morgens kalt, nachmittags sonnig:
Rumänien, Baia Mare, Hostel Hora, Bd. Independentei 30G, Speisesaal:
Von der Homepage http://www.wassertalbahn.ch/ zur Geschichte:
Die auf deutsch auch „Wassertalbahn“ bezeichnete Waldbahn von Viseu de Sus, ganz im Norden Rumäniens an der ukrainischen Grenze gelegen, ist eine einzigartiges technisches Kulturgut: Auf einem Streckennetz von knapp 60 Kilometer Länge verkehren - neben Dieselloks - bis heute holzbefeuerte Dampflokomotiven, womit die CFF Viseu de Sus (rumänische Abkürzung für Caile Ferate Forestiere) weltweit wohl die letzte echte Waldbahn mit Dampfbetrieb darstellt.
Die in der österreichisch-ungarischen „Einheitsspurweite“ von 760mm erbaute Strecke führt kurvenreich, über Brücken und Tunnels, entlang dem Wasserfluss durch ein wildromantisches Karpatental. Die Bahn erschliesst ein riesiges Waldgebiet, wo weder Strassen noch Dörfer, dafür aber Bär und Wolf heimisch sind.
Die Nutzung des Holzreichtums im Wassertal begann erst Anfang des 18.Jahrhunderts unter Österreich-Ungarn. Deutschsprechende Kolonisten erschlossen die Urwälder und flössten das geschlagene Holz auf dem Wasser hinunter nach Viseu de Sus, in die Sägewerke.
1932 begann man mit dem Bau der Waldbahn, die gegenüber der Flösserei ein enormer technischer Fortschritt bedeutete.
Waldbahnen waren damals in Europa weit verbreitet, besonders im Karpatenraum. Ihr Funktionsprinzip war einfach: nötigenfalls mit engen Kurvenradien (deshalb die schmale Spurweite!) folgten sie den Wasserläufen; so angelegt, dass die leeren Holztrucks von den kleinen Loks bergauf, die schwer beladenen Züge hingegen bergab ins nächste Sägewerk rollen konnten.
In den meisten europäischen Ländern spätestens nach 1945 durch Forststrassen ersetzt, hielten sich in Rumänien die Waldbahnen sehr lange: 1970 betrieb die staatliche Forstverwaltung noch über 3000 Streckenkilometer, bis 1986 fertigte Rumänien sogar noch neue Waldbahn-Dampfloks, und 1989 gab es immer noch über 15 Waldbahnen mit knapp 1000 Kilometer Gleis.
Die wirtschaftlichen Veränderungen nach 1990 wirkten sich auf die ehemals staatlichen Waldbahnen „CFF“ verheerend aus: Innerhalb weniger Jahren wurden alle stillgelegt, abgebaut, Loks und Wagen verschrottet oder verkauft. Eine einzige Bahn fährt heute noch - die Wassertalbahn. Und erfüllt bis heute ihren ursprünglichen Zweck als ökonomisches Transportmittel für Rundholz.
Der Bahnbetrieb wird seit 2003 durch das private rumänische Unternehmen R. G. Holz Company durchgeführt, dem auch das Depotgelände und die meisten Lokomotiven und Wagen gehören. Nach wie vor in Staatsbesitz sind die Bahnstrecke und ein Grossteil der Wälder im Wassertal.
Seit dem Jahre 2000 bekommt die Waldbahn auch Unterstützung aus dem Ausland, durch den Verein „Hilfe für die Wassertalbahn“. Mit schweizerischer Hilfe wurden u. a. abgestellte Dampfloks in Betrieb genommen, neue Personenwagen beschafft, das Lokomotivdepot und das historische Bahnhofsgebäude restauriert. Rund um den Bahnhof in Viseu de Sus entsteht neuerdings eine Infrastruktur, die dem zunehmenden Tourismus Rechnung trägt.
Seit 2005 verkehren für die Besucher fahrplanmässige, von Dampfloks gezogene Personenzüge, und seit 2007 steht das Wassertal als Teil des Naturparks „Muntii Maramuresului“ unter europäischem Schutz.
Noch hat es die Wassertalbahn nicht ganz geschafft, noch steht sichtlich vieles im Argen. Aber die wunderschöne Bahn hat heute viele Freunde in der ganzen Welt, und es werden immer mehr. Die letzte Waldbahn Rumäniens hat, nicht zuletzt dank dem Tourismus, eine Zukunft.
Auch jetzt nach Tagen kann ich unserem Lehrer nichts abgewinnen, wie kann die Wahl auf jemanden fallen, der keine Ahnung hat, wie wir spielen. In das Vergnügen eines solchen Turniers hat er eine ärgerliche unentspannte Note gebracht.
Bin gegen 9 im rumänischen Baia Mare "Große Grube", dem alten Frauenbach, ungarisch Nagybánya, einer der am stärksten verseuchten Städte der Welt. Rammstein hat 2009 auf ihrem Album „Liebe ist für alle da“ mit dem Lied „Donaukinder“ die Katastrophe von 2000 verewigt. Größte Sehenswürdigkeit ist der 351,5 Meter hohe Schornstein, das höchste Bauwerk in Rumänien und der vierthöchste Schornstein Europas.
Stoße mir schmerzhaft mein Schienbein, als ich einem unfreundlichem Einheimischen hinterher laufe und ihn frage, ob ich sein "Stoner Homer" T-Shirt fotografieren darf. Er dreht sich einfach um und läuft weg.
Champion's League, Bayern spielt gegen Chelsea, Dank Jochen komme ich in den Genuss dieses Ereignisses. Meine Sympathien liegen, wegen Drogba, bei Chelsea. 1:0 durch Müller sieben Minuten vor Schluss, wurde aber auch Zeit. Das 1:1 durch einen Kopfball von Drogba verhagelt den Bayern zwei Minuten vor Schluss die Feierlaune.
Robben verhaut den 11er in der Verlängerung. An Chancen jedenfalls mangelt es den Bayern nicht.
Die dem unchristlichen Aufstehen geschuldete Müdigkeit droht mich zu überwältigen, ohne Jochen würde ich mich schon ins Bett gehauen haben, traue mich nicht, ihn in diesen emotional aufwühlenden Minuten allein zu lassen.
11-Meter-Schießen, Lahm trifft, Neuer hält, Gomez trifft. Der mit den Haaren trifft, Neuer schießt selber! Lampard trifft, Olic verschießt! Schweini verschießt auch, jetzt muss Neuer gegen Drogba halten. Chelsea hat gewonnen. Extra original moment historii!
Träume von der der Wassertalbahn.


Sonntag, 22. V. 12,
Gestern (Marktplatz Baja Mare, 20. V. 12:) Ein auf der Straße bettelndes Mädchen, eher eine junge Frau, die Brust trägt sie frei, statt Titten hat sie dort schreckliche Narben. Ob sie ihr diese Massakrierung zur Erhöhung der Freigiebigkeit absichtlich zugefügt haben?
Marktplatz Baja Mare: Wärme mir meine juckenden Hämorrhoiden auf einer von der Sonne durchgeheizten Betonbank an der Gheorghe Şincai gegenüber dem nach ihm benannten Lyzeum.
Schlafwageb Baja Mare - Bukarest:
Esse am Marktplatz eine formidable Bauernsuppe mit Lamm, während Jochen über seinen soliden Block aus dem, was beim Orangensaftpressen übrig bleibt, einen unzufriedenen Eindruck macht.
Ich möchte Ihnen einen abenteuerlichen Reisereportage aus der Stadt der schlimmsten Umweltkatastrophe seit Tschernobyl anbieten.... (aus diesem Bericht!)
Aber die Stadt Baja Mare ist keineswegs eine triste Giftzone, sondern hat einen hübschen Marktplatz, historische Gebäude und dann haben wir uns sogar zum höchsten Gebäude Rumäniens durchgeschlagen, mussten uns gegen Rudel verwilderter Hund durchsetzen und über die abgesicherten Mauern eine Arbeitslagers steigen...
Ich schicke ihnen hier den Link zu einigen Fotos, die ich dort gemacht habe, und einige Notizen dazu.
Gern möchte ich für Sie eine umfangreiche Reportage dazu schreiben. Haben Sie Interesse?
Gruß
Wenn man sich der rumänischen Stadt Banja Mare nähert, der Name bedeutet... sieht man zuerst den Schornstein. Das merkwürdige ist nur, wir sind noch gar nicht nahe.
Ich bin unterwegs mit Freund und Kollege Jochen Schmidt, Lesern (dieser Zeitung???) als Autor von Kolumnen und Büchern ... bekannt.
Er recherchiert für einen Reiseführer über Rumänien, wir waren in Wischau, um mit Waldarbeitern in der letzten Bergbahn des Landes zu fahren, davor haben wir im ukrainischen Lemberg mit der deutschen Nationalmannschaft ein bedeutendes internationales Fußballturnier gewonnen, leider nur mit der Schriftstellermannschaft.
Es ist Abend, als wir eintreffen, pünktlich zu einem der wichtigsten Fußballspiele der Gegenwart, das ich Jochen zuliebe mit ansehe. Aber ich kann nicht widerstehen, dabei zu recherchieren...
Ich kann es nicht fassen: Ein Schornstein so groß wie der Fernsehturm! Schon als Kind war es mir ein faszinierender Gedanke, dass der Berliner Fernsehturm, den man von überall sehen konnte, irgendwo aus der Erde kommen würde.
Nun
Durchwandern die Stadt Richtung Riesenschornstein, an einer Feuerwache vorbei,
Wir gehen um das Werksgelände herum,
Wir ergänzen uns perfekt, während er allein wohl nicht Richtung Schornstein gewandert wäre, hätte ich ohne ihn kaum mit den Wachmännern kommunizieren können, denn sie sprechen weder englisch noch russisch.
Jedenfalls werden wir abgewiesen, man könnte zwar den Chef anrufen, aber nicht heute. Ich bitte Jochen, dem einbeinigen Wachmann eine Bestechung anzubieten, ob wir für 50 Lei in die Kaffeekasse nicht doch zu dem Schornstein könnten. Er ziert sich, dränge, es wenigstens zu probieren. Was haben wir schon zu verlieren?
Nein, das gehe nicht, sagt der Wachmann. Schade.
Draußen beratschlagen wir, sollten wir nochmal herumgehen? Es auf der anderen Seite probieren? Da kommt der Wachmann auf uns zu gehumpelt: Wir mögen uns hinten herum auf die Rückseite der Hütte??? durchschlagen, er stelle dann eine Leiter heran, hier vorn seien leider überall Kameras.
Nicht ganz ohne Besorgnis wandern wir in besagte Richtung, auf dem Gelände, ist Jochen sich sicher, sind wir eindeutig Einbrecher und sie können uns einfach die Sachen abnehmen. Und ob die Polizei uns dann helfe? Ich bin nicht so optimistisch wie er:
"Du meinst, die lassen uns leben?"
Die Mauern sind zur Abschreckung statt mit Stacheldraht mit Lanzen gekrönt, die aber nicht nach außen, sondern nach innen gerichtet sind. Die Betreiber hatten also größere Angst vor Flüchtenden als vor Eindringlingen, wie wir es sind.
Tatsächlich erscheint unser Wachmann mit einer selbst gezimmerten Leiter, ... mit Räuberleiter helfen wir uns gegenseitig hinauf, Jochen macht eine Sportverletzung vom Turnier zu schaffen.
Doch dann sind wir heil drüben, ...
"Wie bei Tarkowskis "Stalker"", findet Jochen und in der Tat sind wir inmitten einer verbotenen Zone, nähern uns ihrem Zentrum über Hügel aus Schotter und durch Schlamm. Über giftgrüne Pfützen folgen wir dem einbeinigen Wachmann, der sich flott durch den Matsch bewegt, ein Rudel verwilderter und hier wieder zahm gewordener Hunde umschwärmt uns, bald reicht kein Weitwinkelobjektiv der Welt mehr, um den Turm in Gänze abzulichten. Ein Phänomen, das man von den Pyramiden, Bergen oder auch von Ceauşescus gigantomanischem Zuckerbäckerpalast kennt, dem schwersten Gebäude der Welt.
Erze von Kupfer bis Gold wurden hier ausgeschmolzen, der Schornstein symbolisierte den Größenwahn des sozialistischen Drakulas Ceauşescu, der Rumänien in Industriealisierung und Kommunismus führen wollte, der aber sein Land nur zum dunkelsten Europas machte (A?), sowohl durch tägliche Stromsperren wie durch sein feudalistisches System samt selbst für den Ostblock groteskem Personenkult.
(Anmerkung 6. XI. 12: Schornstein wurde erst nach Ceauşescu erbaut.)
Jochen Schmidt erinnert an den Film Andrei??? Ujica über das "Genie der Karpathen" und den von Farin Haruki ??? über die missglückte Flucht von Ceauşescu und sein Ende in der Drakula-Stadt Bran (?)
Ob Ceauşescu mal hier war? Ja, aber mehr weiß der freundliche Wachmann nicht zu berichten, nur, dass damals 7000 Arbeiter in der Fabrik schufteten.
Ein Echo, wie wir es noch niemals gehört haben, wie ewig hallt es wieder und wieder und wieder.
Wir bemerken jetzt auch, wie unentbehrlich der Handscheinwerfer des Wachmannes ist, denn drinnen ist es stockdunkel. Sein Licht beleuchtet... (von Fotos aufzählen!!), wir stoßen mit den Füßen gegen undefinierbare Gegenstände, ...
Eine rostige Leiter erklimmen wir, das Blitzen mit unseren Fotoapparaten macht uns noch blinder, wäre das ein dem Buchverkauf zuträgliches Ende, "Ostdeutsche Schriftsteller zu Tode gestürzt im größten Schornstein Rumäniens"? Wir sollten es noch mit unseren Agenturen besprechen.
An einer Art Stromkasten auf einem Hochstand??? Ist eine 75-Watt-Birne ungarischer Produktion angebracht, doch sie lässt sich nicht einschalten.
Wider Erwarten kommen wir trotzdem wieder heil hinunter. In der Mitte ist ein weiterer Raum ringförmiger??? Raum (gibts das???) und darin noch einer, so scheint es uns, denn zu sehen ist nichts. Im Herzen der Finsternis angekommen, doch nein, ein stecknadelgroßer heller Punkt am Zenit, wir sind in der Mitte des Bauwerks. Auch ein Blick nach oben kann einen schwindlig werden lassen. So wäre es also, wenn man unten im Fernsehturm stehen und über 300 Meter nach oben durch ein Loch kucken könnte...
Wie Kafka zum Schloss, findet Jochen, so sind wir zum geheimnisvollen Zentrum ??? (W?) aufgebrochen,
Ein Spiegel auf der Spitze könnte die Sonne nach unten reflektieren, ein Planetarium mit echtem Sonnenlicht als Attraktion....
Indische Eigentümer, die alles abreißen lassen wollen, nur beim Schornstein sei es noch umstritten.
Grauenhafte Vorstellung, dass dieses technische Denkmal gesprengt werden sollte, allein das Echo in der Unterhalle??? (Fachbegriff!) sollte die zeitgenössischen Komponisten zu herrlichen Stücken anregen, ein Kommunismus-Museum oder eines über die rumänische Bergbau- und Industriegeschichte würde perfekt passen oder ein Umzug des hiesigen Mineralienmuseums, das derzeit in der Innenstadt auf Besucher wartet...
ein Dunkelrestaurant, Musikklub, ein herrlicher Aussichtsturm, von dem man bei gutem Wetter bis weit in die Ukraine sehen kann, über das Bergpanorama und die Schiegebiete von Cavnic, die Naturschutzgebiete von ????
Fall- und Gleitschirmspringen ginge auch, für Laien, die drohen, sich nicht stark genug abzustoßen, empfiehlt sich ein Katapult.
Bungeejumping im Schacht, allerdings sollte man die Springer zum Tragen eines Schutzanzuges verpflichten, um großflächige Schürfwunden zu vermeiden...
Ein Goldgräbercamp sollte integriert werden, nach den verheerenden Umweltkatastrophen sollten sanfte Touristen mit handgeschmiedeten Woks lernen, durch geduldiges Kreiseln lassen/Schleudern/korrekter Fachbegriff??? Schotter von Nuggetts zu trennen.
Nur abreißen oder sprengen, das bitte nicht. Man reißt doch auch den Kölner Dom nicht ab, weil nun eine geschiedene Protestantin aus der DDR Bundeskanzlerin ist.
Was für ein bezauberndes Städtchen, schade, dass wir nicht auf dem historischen ???Turm waren, aber hier, im geheimnisvollen Zentrum der Stadt, ja, vielleicht der ganzen goldsuchenden Karpathen, war der Besuch des ???Schornsteins noch wichtiger (A?).
Ums Ende der Produktion//Herstellung von ??? trauert in Bani Mare und Umgebung kaum jemand, zu spürbar war die Vergiftung von Mensch und Umwelt...
"Ich seh aus wie ein Schwein", sagt Jochen. Ich bewundere seine Schriften sehr, aber fühle mich als Freund verpflichtet, ihm die Wahrheit nicht zu verheimlichen und ergänze deshalb:
"Ganz schön dreckig bist Du auch." In Berlin werden wir uns duschen können.
Erlebe die Verwandlung der Frauenwelt in reinen Sex, die man als obsessiver Onanist durch anderthalb Wochen Abstinenz erreichen kann. Leider wird mein Körper den angestauten Samen bald mittels Pollution ausstoßen. Vorerst aber sehe ich sie an, die Frau im lila Kleid, habe doch noch vor Stunden die gewaltigste Erektion Rumäniens besichtigt.
Picasa Album anlegen und Bergbauingenieur nachallem fragen, am besten Spezialisierung Rumänien!
1. Bis 5. Juni Klus Transsilvanisches Filmfestival.
(Bukarest, Flughafen Otopeni, 22. V. 12:) Eine gewisse Überraschung bereiten uns die Bettbezüge aus Papier, aber warum nicht?
Leider verwandelt sich das mit sechs Personen belegte Abteil nächtens in eine Schwitzhütte, die heißen Ausdünstungen steigen nach oben, kondensieren an mir und den Fenstern und eine behandlungswürdige psychische Hemmung hindert mich daran, das Fenster zu öffnen.

1
Sep
2012

www.Falko-Hennig.de

Freitag, 7. September 2012, 17.30 Uhr, Äthiopien, Addis Abeba, Weyin Ethiopian Cultural Hall (gegenüber St. Stefan Kirche):
Premiere Lesebuehne "Winter Letters"


Donnerstag, 23. VIII. 12, überwiegend sonnig:
Addis Abeba, Black Gold Cafe im International Leadership Institute: Penne mal wieder sehr lange, wenn ich auch sonst nicht viel kann, schlafen kann ich. Spaziergang durch Entoto, kann eine Fülle von auf Pfähle gestülpte Flaschen und Büchsen fotografieren für meine Serie "Auf Pfähle gestülpte Flaschen und Büchsen".
Im Yars Cafe will ich Miser Wot & Timatim, haben sie nicht, also Beyaynetu, haben sie auch nicht. Bestelle Bozena Shiro, wie so oft warte ich gespannt darauf, was es ist. Ach, köchelnde Tunke mit Brot, lecker!
Liebe Barbara Häusler, inspiriert durch einige Artikel zum Tod des äthiopischen Premierministers Meles Zinawi habe ich ein fiktives Interview mit mir geschrieben, wär das was für Die Wahrheit? Ich hänge auch Fotos der heutigen äthiopischen Zeitungen an sowie das im Interview erwähnte,
Gruß aus Addis Abeba
Falko Hennig
Todesursache
M: Viel wurde gerätselt, worann denn der äthiopische Premier gestorben ist, 57 Jahre ist ja kein Alter. von einer Infektion war die Rede. Sie haben Wissen aus erster Hand?
Falko Hennig: Genau, der Politiker ist an einem Hirntumor gestorben. Zwei Operationen im Ausland hatte er schon hinter sich.
M: Dank für diese exklusiven Informationen direkt aus Äthiopien, wie haben Sie davon erfahren? Die ganze Weltpresse tappt ja noch immer im Dunkeln.
Falko Hennig: Ein Priester hat es mir verraten.
M: Der Geistliche des Premiers?
Falko Hennig: Nein, das würde mich wundern. Es war in meiner Pension, wo alle vorm Fernseher saßen und da habe ich ihn gefragt.
M: Wen?
Falko Hennig: Einen von den Männern, so einen Dicken.
M: Und das war ein Priester?
Falko Hennig: Zumindest hat er irgendwas studiert und als ich ihm sagte: "Dann sind sie ein Priester?", da war er sehr geschmeichelt.
M: Wie ist sein Name?
Falko Hennig: Das weiß ich wirklich nicht, er war dick, mit Brille, circa 60 Jahre alt. Ich habe auch ein Foto gemacht, aber da ist er leider nicht mit drauf. Er hat auch geweint, als sie zeigten, wie der Sarg aus dem Flugzeug geladen wurde. Er stammt aus dem Westen des Landes, nahe der Grenze zum Sudan.
M: Was für ein Pension ist das?
Falko Hennig: Die heißt "Win Souls for God" und ist in Entoto, schräg gegenüber der amerikanischen Botschaft.
M: Danke, das war exklusiv aus Addis Abeba Falko Hennig.
Ich mag die Fotografen, die alten, die sich nachts über Kontaktabzüge und Lichttische beugen mit einer Lupe vorm Auge und die neuen, die ihre Festplatten durchsuchen nach dem besten Bild, dem besten Ausschnitt, den sie nie finden werden.
Die vielen Blinden und Verkrüppelten.
Und ich werde doch schwach, gebe einer alten, wunderschönen Bettlerin zwei Birr, wäre sie hässlich und von schlimmen Krankheiten gezeichnet, wer weiß?
Ein 75 Jahre altes Haus, ein Kinderheim, das Zentrum der Ziegen, ein Friedhof, ein Modder-Fußballplatz. Komme am "Ethopien Korea War Veterans Memorial Park" heraus. Für große Heiterkeit sorgt hier mein Vorname, den das Personal mit "Fuck you!" lautmalt.
1946 nach äthiopischen, 1951 nach unserem Kalender haben also jede Menge Äthiopier ihr Leben gegen den Aggressor und für den Weltfrieden und die Freiheit in Korea gelassen, genauer: Im Gebeit von Chuncheon.
Komme, für mich etwas überraschend, am Neubau der Moschee heraus. Am Fußballplatz der Universität, Sidist Kilo, filme ich unter Einsatz meines Lebens Killerameisten, als sie mir in den Hosenbeinen hochgekrochen sind und mir in die Wade beißen, gewinne ich die Herzen der Umstehenden dadurch, dass ich fluchend herumspringe. Herzlich lachen sie, es lebe die Völkerfreundschaft!
Gehe ins "Museum for ethopian studies", es ist fantastisch, besonders wenn man es mit dem armseligen National Museum vergleicht. Das Klo von Haile Selassie, Unmengen von Ikonen.
Schönes Foto eines Fußballtors mit Geiern gelingt mir, dann ist der Kamera-Akku alle und ich gehe ins Black Gold Cafe zum Aufladen und Tippen. Black Forest Cake mit Macchiato.
Herrlicher Fotografiertag neigt sich dem Ende zu.
drei Buchprojekte:
-Kulturgeschichte der Selbstbefriedigung
-Bekenntnisse eines geisteskranken Plagiators
-Eine deutsche Familie: Die von Bülows
Nach 7 ist es inzwischen, auf BBC World News berichtet ein glatzköpfiger Reporter aus Berlin. Überspiele meine Fotos um meine Pflichten als Berichterstatter zu erfüllen.


Freitag, 24. VIII. 12, bedeckt:
Addis Abeba, Pension WSG Guesthouse, Zimmer 3: Schreibe Addis Ababa zu Ende, singe es Probe und speichere es ab. Auch das Bild mit dem Loch in der Raumzeit, um es womöglich auf FB hochzuladen.


Samstag, 25. VIII. 12, wechselnd:
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 113: Schreibe in einem Hararer Trauerzelt in ein Kondolenzbuch: "Gebeten zu schreiben, was ich fühle: Es ist zu allererst ein gewisser Neid auf dieses schöne Buch. Leider ist es zu unhandlich (A1?), als dass ich davon welche mit nach Deutschland nehmen kann. Zum verstorbenen Premierminister kann ich wenig beitragen, ich hatte bis zu seinem Tod noch nie von ihm gehört. Mich würde interessieren, wie die Reaktionen in Äthiopien gewesen wären, wenn Mengistu Haile Maryam in seiner Zeit als amtierender Diktator verstorben wäre."
Sortiere nach halb 10 noch Fotos, viertel nach bereit, ins Reich der Träume zu reisen.
(Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant, 29. VIII. 12:) Cathin, ein Amphetamin, über die Mundschleimhaut aufgenommen. Weitere Wirkstoffe sind Norephedrin und Cathinon. Wirkung ähnelt der anderer Amphetamine, ist jedoch deutlich schwächer. Die stimulierende Wirkung wird durch die verstärkte Ausschüttung von Neurotransmittern erreicht und der Abbau der Transmitter wird unterdrückt. Dadurch stehen für einen begrenzten Zeitraum eine größere Menge der Neurotransmitter bereit, allerdings wird die Nervenzelle hierdurch überreizt und erschöpft. Durch die verstärkte Ausschüttung tritt ein Zustand allgemeinen Wohlgefühls ein, der mit einer angeregt fröhlichen Einstellung einhergeht. Der Wunsch, sich mitzuteilen, wird erhöht, Müdigkeit verschwindet, und das Hungergefühl wird unterdrückt. Hierdurch wird auch die unten beschriebene Gruppenbildung und der gemeinsame Konsum erklärt. Dieser Zustand nimmt etwa nach zwei Stunden ab. Der Rauschzustand klingt in einer eher depressiven Verstimmung aus.
Da bin ich mal gespannt auf morgen


Sonntag, 26. VIII. 12, wechselnd, meistens bedeckt:
Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant:
MEIN TAG AUF TSCHAT
(c) Falko Hennig

Als eine Bäuerin im Bus von Addis Abba nach Harar nach Durchqueren der Danakikl-Ebene die Kat-Blätter in Tüten anbietet, greife ich zu. 10 Birr kostet ein Packen so groß wie ein zusammengelegtes T-Shirt, das sind 50 Cent. Ich solle vorsichtig damit sein, rät mir mein freundlicher Sitznachbar, es sei genauso wie Kokain und Heroin.
Wenn das zutrifft, dann leben in Harar nur Junkies, denn jeder kaut es. Männer, Frauen, die Alten ohne Zähne zerstampfen die Blätter in Mörsern. Jeder hat die Zweige dabei, direkt vor dem Hotel ist ein Markt, auf dem alle Sorten von "Tschat", wie es hier genannt wird, aus großen Säcken angeboten werden.
Tschat hat viele Namen, die Pflanze stammt, wie der Kaffee, aus Äthiopien, höchstwahrscheinlich hier aus Harar. Sie heißt Chat oder Jinaa, im Arabischen Gat, Khat und Qat, in Suaheli ist sie Miraa und in Südafrika Buschmann-Tee. Wissenschaftlicher Name ist Catha edulis und so wie Kaffee fand sie ihren Weg in ihre zweite Heimat Jemen, aber auch nach Kenia, Tansania und Madagaskar. Würde man sie lassen, wüchsen ihre Bäume 25 Meter hoch. 1100 bis 2100 Meter über dem Meeresspiegel gedeiht sie am besten.
Kaut man Tschat am Morgen, so heißt das "Dschäbbena", um die Augen zu öffnen. Ich beginne meinen ersten Kat-Tag halb 9 am Morgen nach dem Aufstehen, bitter und süß zugleich ist der Geschmack nicht unangenehm, aber deswegen würde man die frischen, grünen Blätter kaum kauen. Ich bin im Belayneh Hotel abgestiegen, der Neubau am Rand der Alstadt hat ein Dachrestaurant. Der Kaffeegeschmack mischt sich angenehm mit dem Kat. Manchen misshagt das Aroma, andere mögen es sehr.
Am Nebentisch sitzt ein europäisches Trio, das gestern kurz nach mir eingetroffen ist, eine blonde Holländerin mit geflochtenen, quer über den Kopf gespannten Zöpfen und äthiopischen Hemd sowie zwei junge Männer, ein rauchender Koreaner mit Brille und ein Italiener.
"Es schmeckt wie Scheiße!", findet der Koreaner, der in Wien studiert. Mein Führer ist erfreulicherweise nicht da, denn er machte keinen sonderlich guten Eindruck. Bin drauf und dran, mich mit dem Trio und ihrem Guide durch die Stadt führen zu lassen.
Doch da taucht er doch auf, er heißt "Sherrif", er ist 23 Jahre alt und hässlich wie die Nacht, wobei unklar bleibt, ob zu diesem Eindruck die Narben in seinem Gesicht mehr beitragen als die Zornesfalten auf seiner Stirn oder seine blutunterlaufenen, weit herausstehenden Augen. Dazu ist er Kettenraucher und hochgradig Tschat-abhängig.
Die frischen Blätter werden wegen ihrer euphorisierenden und stimulierenden Wirkung gekaut, die mit der von Amphetaminen vergleichbar ist. In ländlichen Gegenden glauben die Konsumenten, dass Tschat ihnen die Energie zum Arbeiten gibt und den Hunger zügelt. In Städten wird es von Studenten benutzt, um nachts wach zu bleiben und zu lernen. Während Tschat ursprünglich nur von Moslems genutzt wurde, ist es inzwischen in allen Religionen und Gruppen verbreitet.
Ich fühle mich meinem Führer verpflichtet und los gehts, zuerst zu Karl-Heinz, dem Deutschen, der seit 16 Jahren hier in Harar lebt und für Sherrif eine Art Vater ist.
Wir treffen den jung gebliebenen Mitsiebziger in einer unangenehmen Situation an, mit einem Abschleppseil eilt er zu seinem Pickup-Truck, den ein junger Mann gegen die Stadtmauer gefahren hat, Totalschaden.
Das Hauptproblem mit Sherrif ist, dass ich kein Wort verstehe. Ich verstehe nicht, was er erklärt und er versteht nicht, was ich frage. Aber man kann sich auch so einiges zusammenreimen. Grandur der Linkshändige hat 1559 den Kopf von Vasco da Gama auf die Mauer gespießt. Und diesen Unfall wird die Stadtmauer auch überstehen.
Körperlich ist niemand wirklich zu Schaden gekommen, ein Junge hat eine Schürfwunde am Arm davongetragen, seine Mutter teufelt schreiend auf Karl-Heinz ein, sie will Geld von ihm, viel mehr, als er ihr zugesagt hat. Immerhin ist der ein "Farindscho", ein Weißer, und sie will, dass die Polizei eingeschaltet wird. Aber er kennt sich gut genug in den hiesigen Sitten aus, um ordentlich zurückzuschreiben, 20 Leute stehen herum, die Polizei kommt auch dazu, tutend bahnen sich motorisierte Dreiräder, die "Tuc tucs", den Weg durch die Menge.
Das ist wirklich nicht die Atmosphäre für einen entspannten Plausch über das, was mich heute am meisten umtreibt: Wo kann ich in Harar Fußball spielen? Mit Sherrif zum Fußballplatz, aber niemand Spiellustiges ist in Sicht. Dann führt mich Sherrif durch die Altstadt.
Ein grüner Backofen an der Stadtmauer, dort leben die Schamanen bei ihren Besuchen, wenn sie nach alter Sitte die Tiere schlachten. Eines der fünf Stadttore, jetzt führt er mich zur Piss Road. Ich frage:
"Is it named piss road, because the people like to piss there?"
"Yes yes, people who don't like eacht other have to make piss together." Ich bin skeptisch, aber er bleibt dabei, führt mich zu einer engen Gasse:
"You see? You can't pass without piss together." Aber ich muss gerade nicht, also weiter.
Das Denkmal, das die fünf Stadttore symbolisiert, zu einem Museum, es heißt Sharif Museum und jetzt bekomme ich mit, dass er "Sharif" heißt und nicht "Sherrif", am beeindruckendsten ist im Hof Karl Marx als Indianerhäuptling und eine ökologische Lampe. Es gibt noch merkwürdige amharische Technik zu sehen, die verrostet herumliegt. Als Schuhe benutzten die alten Harari Brettchen mit Holzknauf, sie sehen nicht sehr bequem aus.
Noch etwas ist anstrengend, irgendwann glaubt Sharif durchschaut zu haben, was ich fotografiere und zeigt mir entsprechende Motive. Nie ist es etwas, was ich normalerweise fotografieren würde. Aber er besteht darauf, und so mischen sich meine Motive mit denen von Sharif.
Ein Kamelschlächter bei seinem Handwerk, aber von den Touristen, die ihn fotografieren, bekommt er auch eine ziemliche Menge. Alle kauen Tschat, sogar und gerade die Ziegen sind ganz heiß darauf. An der größten Moschee der Stadt frage ich ihn, ob er schon drin war. "Ja, oft!", lacht er, keine Ahnung, ob er es ernst meint. Die Menschen haben grüne Gesichter von der Kaupflanze, vorbei an den alten Männern, die Tschat in Holzmörsern zerstampfen, weil sie keine Zähne mehr haben, und am Drogenladen von Genet. Eine Hyäne, erfahre ich von dem Guide, habe sechs Pferdestärken.
Harar ist nichts für schwache Nerven. Die innnerhalb der Stadtmauer lebenden Aderi haben die anstrengende Angewohnheit, sich von hinten anzuschleichen und einem dann plötzlich mit voller Lautstärke direkt ins Ohr zu schreien.
In ein traditionelles Haus von Harar, 20 Birr zahle ich für die Besichtigung, chinesische Töpfe an den Wänden, über der Tür sechs Teppichhalter, auf denen drei Teppiche liegen, das heißt sechs Töchter hatten sie hier, drei sind schon unter der Haube. Wenn man eine der übrigen heiraten will, muss man sich einen Teppich mitnehmen. Ich verzichte.
Sharif besorgt noch was zu rauchen, wir gehen zum Tschatkauen ins Haus von dem unglücklichen Autofahrer und fläzen uns auf Matratzen und kauen Tschat, was das Zeug hält.
"Pabbe Pound tilldirr?", fragt Sheriff, ich habe aufgegeben zu versuchen, ihn zu verstehen. Aber das ist das schöne am Tschat, man versteht sich auch so, wir reißen die Blätter von den Zweigen und kauen sie. Wenn er "Gott" sagt, dann kann das "goat", Ziege oder "guide", Führer heißen oder tatsächlich "god". Wir singen "I shot the sherrif, but I didn't shot the deputy" Ob ich Bob Marley möge? Ja, aber mehr noch Countrymusik. Ob er Johnny Cash kenne? Aber natürlich. Sein Vater ist gestorben als er drei war, er ist das einzige Kind, seine Mutter lebt 100 Kilometer entfernt auf dem Land. Er raucht zwei Schachteln Zigaretten am Tag.
Von der Wirkung und vom sozialen Stellenwert sowie von der wirtschaftlichen Bedeutung her kann Tschat nur mit Kaffee verglichen werden. Heute ist das Einkommen von Millionen von Menschen von Tschat abhängig. Für Äthiopien ist es, nach Kaffee, das zweit wichtigste Exportprodukt.
Die zweite Tschat-kau-Session des Tages zum Entspannen heißt "Bärritscha", ständig kommen andere junge Männer mit riesigen Packen Tschat und es wird gekaut und sich über Gott und die Welt unterhalten.
Die schreckhaften Ziegen springen herein und heraus. Wolf, der immer nur Sex wollte, all sein Geld und Handy wurde gestohlen, Karl-Heinz half ihm, wie alt der Böhm jetzt sei, schätze an die 80, und dass der inzwischen ein transplantiertes Herz hat.
"Mirrh Kh'an" heißt es, wenn man vom Tschat-Kauen vor Anspannung vibriert und nur noch überlegt: Was kann ich als nächstes machen? Die Sorten "Umirkuhle" und "Abu Mismar" bewirken, dass man unbedingt Sex will, aber ein Bier oder bei Muslimen ein Glas Milch lässt einen wieder runterkommen.
Es geht ins Haus im Garten zur Kaffee-Zeremonie, fünf Männer, sechs Frauen, ein Baby. Das unterschiedliche Zeitverständnis, wenn wir um 12 meinen ist das nach äthiopischer Zeit um 6, dieses Jahr 2012 ist für sie 2004. Kurz bevor die elektrische Kaffeemaschine aufheult springt ein Puma auf den Tisch, Holzkohlen-, Zigaretten- und Weihrauch erfüllt den Raum.
Die Ferendschi, also die Weißen, ist man allgemein überzeugt, haben unendlich viel Geld, aber da das hier das Haus des unglücklichen Fahrers ist, ist man etwas skeptisch. Eine wunderschöne Frau aus 1001er Nacht setzt sich zu mir auf die Matte, Fatimeh, sie will mich heiraten, lehnt sich an mich, will mir ihre Wohnung zeigen. Ich versuche, realistisch zu bleiben: Ich habe nicht genug Geld dafür. Sie ist 20 Jahre jünger als ich. Sie spricht kein Wort englisch und ich kein Wort ihrer Sprache.
Will Fatima davon erzählen, wie wichtig das Genussmittel Bohnenkaffee in Deutschland ist, dass es unter Honecker fast einen Aufstand gegeben hätte, als sie versuchten, ihn mit Getreide und Sägespänen zu strecken, und da fällt es mir zum ersten mal auf: Buna und Bohnen! Wenn das Gesöff hier im Geburtsland des Kaffees "Buna" heißt, kann es doch gar nicht anders sein, als dass es einen Zusammenhang gibt: Bune ist Bohne.
Es gibt nach der Verabschiedung noch ein Problem mit Sharif, ich hätte doch gestern zugesagt, mit zu den Hyänen zu kommen und auch heute habe er für den Kaffee und so weiter so viel bezahlt. Aber mein gestriges "See you tomorrow!" kann genauso wenig als feste Abmachung gelten wie ein Nachschlag auf die schon bezahlten 200 Birr berechtigt ist, immerhin schon deutlich mehr, als vereinbart.
Setze mich ins Dachrestaurant des Hotels, der tägliche Stromausfall setzt viertel vor 8 ein, ach wie gut, dass ich vor Abflug noch einen funktionierenden Akkumulator gekauft habe, mit dem ich immerhin einige Stunden arbeiten kann.
Tatsächlich keinerlei Hunger, ansonsten überhaupt keine negativen Wirkungen, fühle mich wohl und entspannt und während ich nach meinem letzten Marihuana-Genuss unterwegs prompt ein wichtiges Gepäckstück vergaß, finde ich meinen Zimmerschlüssel nach kurzem Suchen wieder. Und das Hungergefühl ist nicht so stark betäubt, dass ich nicht eine normale Mahlzeit innerhalb absurd kurzer Zeit veputzt hätte, genau als der in der Regenzeit übliche tägliche Wolkenbruch einsetzt.
Die Speisenwahl erweist sich als nicht ganz einfach, Fish Gulash? Haben sie nicht mehr, morgen. Fish Steak? haben sie auch nicht, morgen. Injera mit Fastenzeug? Morgen.
"What do you have today?"
"Tomorrow!"
"What do you have now?" Dann erfahre ichs und kann mich endgültig für eine Tomatensuppe (nicht so doll) sowie Reis mit Fleisch (mittelmäßig) entscheiden.
In der Auskling-Phase kann Tschat Depressionen auslösen, aber sie werden mich nicht unvorbereitet treffen. Aus dem Arbeiten wird aus angenehmsten Gründen nichts, das Trio von heute morgen gesellt sich dazu, es treffen dann noch ein: Ein Iraner, der in Irland lebt, immer ein Jahr reist und dann als Zahnarzt arbeitet, zwei Italiener und zwei Griechinnen.
Der Iraner hat vor sich einen riesigen Haufen Tschat liegen und isst und kaut und schluckt, sein Gesicht glänzt: "I'm sort of addicted." Kein Zweifel. Er kaut Tschat hier mit den Sufis. Als sich ein Priester am Nebentisch über unseren Tschat-Konsum beschwert, verschwindet der Iraner samt einer Flasche Wein und den grünen Zweigen auf sein Zimmer: "I have to finish this!"
Aber nach einer Stunde ist er wieder da, er arbeitet immer ein Jahr um danach ein Jahr zu reisen. "Anadei" sind die lange Blätter, die sind richtig teuer, das was sie zuerst gekauft haben, war eher Ziegenfutter, das haben sie einem Süchtigen für zwei Birr verkauf. Der feine Schweißfilm auf der Haut zeigt, dass das Tschat richtig wirkt.
Nun die Probe aufs Exempel: Einschlafen. Ich wäre optimistischer, wenn ich nicht noch von den Blättern des Italieners nachgelegt hätte. Das letzte Tschat-Kauen am Abend, also die dritte Session zum Schlafen heißt "Ietscha uffa". Immerhin, auch in Bezug auf die Verdauung verspüre ich keinerlei negative Wirkung. Alles geht seinen sozialistischen Gang.
Aber so hat es mit dem Sex auch angefangen, gute Erfahrungen mit gemacht, und dann wollte ich es immer wieder. Mangels sinnvoller Kühlkette kriegt man das Zeug aber nicht nach Europa und vielleicht ist das auch ganz gut.
20 nach 12 höre ich die aufgekratzte Europäer-Meute durch den Gang lachen. Wir sind schon ein wilde, abenteuerlustige Truppe.
Knapp 300 Fotos habe ich geschossen, das ist ein ordentlicher Schnitt, den ich aber auch schon ohne Tschat an guten Tagen übertroffen habe.
Zum Gesang der Hyänen und dem Geheul der Hunde schlafe ich ohne Probleme ein.


Montag, 27. VIII. 12, wechselnd:
Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant: Auffällig, dass ich keinen Traum zu verzeichnen habe. BBC World News meldet Sichtung einer großen Katze in England.
Edom Mulugeta, der Guide von gestern morgen, der das koreanisch-holländisch-italienische Trio führte, bietet mir Reise zum Kamelmarkt nach Babileh an, der 35 Kilometer entfernt ist, da ist auch noch das Valley mit den Schneemann-Steinen, Taxi hin und zurück würde 500 Birr kosten, er bekäme 150, nach Koromi könnte man auch noch.
Wenn ich alle Angaben, die in dem gestern begonnenen Notizbuch über es selbst stehen, zusammennehme, habe ich wohl noch nie eine so große Menge in einem solchen Schreibbüchlein beisammen gehabt.
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 113: Allein die Quellenangaben füllen fast zwei Seiten, ob ich einst, wenn es zur Veröffentlichung meines Journals 2012 kommt, ebenfalls die Rechte von allen einholen muss oder ob ich dann schon Praktikanten für sowas habe? Mal sehen, jedenfalls stehen sie auf der letzten Seite des hell-lila Büchleins:
"ARCHE BLANC
Das literarische Notizbuch
192 Seiten. 9x15 cm
Fly.Design.Papier 100 g. spezialgeglättet, holzfrei, cream
Falttasche innen. Fadenheftung
Leseband & Gummiband. Besug aus Skivertex (R)
Auf jeder 3. Doppelseite ein Zitat aus der
Weltliteratur über das Schreiben
Copyright (c) 2010 by Arche Kalender Verlag GmbH, Zürich-Hamburg
Alle Rechte vorbehalten
Druck: Messedruck Leipzig GmbH/Klingenberg Buchkunst
Bindung: Leipziger Verlags- & Industriebuchbinderei
Made in Germany
www.arche-kalender-verlag.com"
Trotz Sonne arbeite ich fleißig im Dachrestaurant und tippe alle gestrigen Notizen ab. Im Zimmer werde ich rückfällig mit Tschad und bereite meine letzten Blätter zum Kauen vor und stopfe sie mir ins Maul.
Tigere durch die Altstadt, die beiden Italiener treffe ich am Feres Megala, der eine kommt mir vor, als wäre er nicht 100%ig heterosexuell, gerade aber sind sie auf der Suche nach ihren Griechinnen und in heller Aufregung. Immerhin erfahre ich, dass das Rimbaud-Haus erst 15 Uhr öffnet.
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 113: Am Rimbaud-Haus treffe ich die beiden italienisch-griechischen Paare, die auf mich warten während ich alles, was mir von Belang für "Rimbaud in Äthiopien" erscheint, fotografiere. Nehmen gemeinsam eine Erfrischung, kaufen auf dem Markt Kamelfleisch und lassen es in einer Wohnung der Familie des Führers zubereiten. Es wird wieder viel Tschad gekaut, eine Kaffeezeremonie schließt sich an.
Manchmal warten sie, nachdem sie eine Frage gestellt haben, die Antwort nicht ab und reden selber weiter, aber schlimm ist es nicht.
(Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant, 29. VIII. 12:) Edoardo ist ein Bruder im psoriatischen Leiden, er trägt ein T-Shirt, das mir wie von Atak gestaltet vorkommt.
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 113: Ein Gruß vom Getriebe, so sagten wir in meiner Schulzeit, wenn man falsch kuppelte und hässliches Knirschen der aufeinander schlagenden Zahnräder zu vernehmen war. Hier und heute als Reiseschriftsteller im Abenteuersektor sind es Informationen von der mobilen Bürotechnik, die zu verzeichnen sind:
"Ihre Systemuhr ist auf ein Datum vor dem 24. März 2001 eingestellt. Dadurch kann es bei manchen Programmen zu Problemen kommen.
Stellen Sie das Datum und die Uhrzeit über die Systemeinstellung "Datum & Uhrzeit manuell ein. Weitere Informationen finden Sie im Menü "Hilfe" unter "Mac-Hilfe"."
Versuche genau das und irgendwas erreiche ich, habe jetzt ungefähr die hiesige Uhrzeit, aber die europäische, mit der äthiopischen wäre ich definitiv überfordert.
Spukhaftes mit den Lichtern im Hotel, beim Paar Marco/Karerína gegenüber funktioniert es sowohl im Zimmer als auch im Bad nicht, bei mir ist nur das Zimmer betroffen. Als erstes versuche ich, die Neonbirne mit der grünen Mini-Birne der Schreibtischlampe zu ersetzen und prompt leuchtets grünlich im Quartier. Als nächstes will ich aber doch im Zweifelsfall lieber im Bad als in der Schreibstube Schummerlicht und schraube die funktionierende Birne im Bad aus und tausche sie mit der Schummerbirne. Ergebnis: Völlige Dunkelheit. Als ich die Schummerbirne im Bad wieder herausdrehe, fällt sie mir aus der Hand und implodiert prompt auf den Kacheln, einen feinen Teppich von winzigen bis mikroskopischen Splittern hinterlassend. Mangels Handfeger und Kehrblech schiebe ich sie mit dem Badelatsch unter den Toilettenpapierkorb.
Sehe mir die ehemals im Bad glühende Birne an: Ihr Wendeldraht ist zerrissen. Drehe sie dort trotzdem wieder ein und schalte nun den Portier ein, der mit der letzten Birne des äthiopischen Kaiserreichs mit nach oben kommt. Erst aber will er die Neonbirne ausprobiert wissen, und die leuchtet! Im Bad ist er zufrieden darüber, dass er sie als kaputt rekognosziert und ich bekomme die neue rein: Alles erleuchtet. Aber verstehen tue ich es nicht.
Die exzessive Trauerei des äthiopischen Staatsfernsehens, die meiner Erinnerung nach selbst im Ostblock beim Dahinscheiden der greisen Kreml-Potentaten Breshnew/Andropow/Tschernenkow nicht übertroffen wurde, hat ihr Gegenstück in der Bevölkerung, die wirklich in 100.000en von Trauerzelten und Millionen von Bildern des dahingegangenen Herrschers, die sie in Privatwohnungen, an Autos, Bussen, an ihren Pullovern, kurz: überall tragen. Und es kann nicht nur an der Flötenmusik liegen. Als Kulturphänomen hat man so etwas hinzunehmen, aber so richtig verstehen kann mans nicht.
Selbst jetzt wird noch in beiden äthiopischen Kanälen, und andere bekomme ich gar nicht rein, von morgens bis abends geheult, dass es Steine erweichen könnte.


Dienstag, 28. VIII. 12, wechselnd:
Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant: T: Finde eine historische Filmaufnahme, in der Klaus Staeck mit rotgefärbten Haaren und auch Kirsten zu sehen sind als eine alternative Band mit Artisten auftritt. Jetzt besitzt er die Immobilie, wo das stattfand, ein Drahtseil von damals, das an zwei Laternenpfählen befestigt über die Straße führt, wird hochgezogen. Prompt fährt ein Laster dagegen und wird schwer beschädigt. Sind mit Kirsten an der S-Bahn-Station verabredet, warten dort. Sie ruft an, aber ich kann das Handy der Kinder nicht bedienen. Irren herum, in einer Bar will man uns nicht hineinlassen, endlich finden wir das richtige Lokal und da sitzen sie. Ein Kollege schreibt mich an, ob ich ihm mit den Kontakten zu Redakteuren wegen seiner Enthüllungsstory zu Klaus' schmutzigen Immobiliengeschäften helfen könne?

Mein Unterbewusstsein ist etwas neidisch auf Klaus Staeck, so würde ich diesen Traum interpretieren. Gibts noch andere Vorschläge?
In Harar fahren hauptsächlich Tuctucs, Dreiräder, auf dessen Rückbank gestern immerhin auf der Fahrt ins Herat vier Leute passten. Sie nageln wie Diesels. Dann gibts noch viele alten Peugeots, die mich wegen Blinkern, Kühlergitter und Heckflossen an den Trabant erinnern. In einem der wenigen französischen Comichefte meiner Kindheit habe ich dieses Auto erstmals gesehen. (Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant, 29. VIII. 12:) Überhaupt keine Ladas fahren hier, die Planwirtschaft hat die Provinz wohl nicht mit dem Fiat-Nachbau bedacht.
Im Kim Café brauchen sie eine halbe Stunde um herauszufinden, dass sie keinen Kaffee haben, schlender stadtauswärts, lasse mich in einer Bierstampfe ignorieren und lande im Freshtouch, das mir von den Italienern und Griechinnen empfohlen worden ist.
Buna nach der Zeremonie, esse Injerasalat in Injera eingeschlagen, danach noch einen Buna.
DER POLLERMEISTER VON HARAR
Kurz vor dem Denkmal für Karl-Heinz Böhm (?) lädt mich ein freundlicher Mann zu noch einem Buna ein:
"Batann kontschóno!", sehr gut! Das kann kein Zufall sein, wenn der nach Helmut Höge bedeutendste Poller-Fotograf die wohl künstlerischsten Poller der Welt im äthiopischen Harar dokumentiert, sich dann kurz vor dem Denkmal für "Mister Karl", also Boehm (?) auf der Straße zu einem Kaffee einladen lässt und sich dann herausstellt, dass er genau diesen Pollerkünstler kennengelernt hat.
Dilyab Solomon ist 31 Jahre alt, hat zwei Kinder.
Binidini77@hot.com
Er betreibt das Bini Dini zusammen mit seinem Bruder, es ist Hotel, Lunapark, Café, Hochzeitsort in einem, ein Besuch lohnt sich! Er ist Architekt, Zeichner und Bildhauer in einem.
Lade ihn noch zu einer Brause im Ras Hotel ein, wo ich Joseph eine Karte hinterlasse, mal sehen, ob er sich meldet.
Rolf Dieter Brinkmann: "Das Schreiben macht mich total bankrott."
Fabrizia Ramondino: "Doch warum schreibe ich weiter in diese Hefte meiner Kindheit...?
Laufe allein weiter, noch mehr Kunstpoller fotografierend bis zur Brauerei. Ich kann dort vielleicht sogar eine Führung mitmachen, aber der Führer Mister Teswan hat grad noch eine Gruppe.
Warte beim guten Harar Sofi Malzbier mit Zitronengeschmack, jedes Etikett ein Unikat, in der Kantine und kaufe von einem schielenden jungen Mann ein T-Shirt der Brauerei für 100 Birr, circa 5 Euro.
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 109: Der Führer hat vom ersten Augenblick an eine Stinklaune und macht keinerlei Versuch, das zu verbergen oder dass er mich für ein lästiges Ungeziefer hält, dass ihm den Tag vergällt. Als ich ihn frage, ob er der Mister Teswan sei, fährt er mich an: Wer mir das gesagt hätte? Offensichtlich ist das genauso ein Betriebsgeheimnis wie das, warum sie einen wie ihn nicht zum Wärter in einem hiesigen Gefängnis gemacht haben, wenn er die Menschen, mit denen er zu tun hat, so widerlich findet.
Wieso ich denn nicht mit dem Deutschen vorher gekommen sei? Mit Sandalen dürfe ich nirgends rein.
(Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant, 29. VIII. 12:) Die Brauerei ist in Kooperation mit der Regierung der Tschechoslowakei anlässlich der Gründung der Arbeiterpartei und zum 10. jahrestag der äthiopischen Refolution am 30. Juli 1984 eröffnet worden.
(Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant, 30. VIII. 12:) Es spricht für die Weisheit der sozialistischen Staatengemeinschaft, speziell der tschechoslowakischen und äthiopischen Kommunisten, eine Brauerei in der viertwichtigsten Stadt der Muslime, jedenfalls der muslimischsten Äthiopiens zu errichten. Das wird sie Mores (?) lehren!
(Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant, 29. VIII. 12:) 380.000 bis 400.000 Flaschen pro Tag, pro Jahr 120 Millionen, Malz und Stout machen 25 Prozent aus, drei Sorten haben sie. Er ist unheimlich sauer.
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 109: Als ich es wage nach einer der Zahlen zu fragen, die er heruntergerasselt hat, fährt er mich an, ob ich denn nicht zuhöre oder was? Es wird immer schlimmer, er behandelt mich wie ein übler Lehrer einen Schüler, den er nicht mag. Als ich noch einmal etwas frage, ist es ganz aus, am liebsten würde er mich am Schlafittchen nehmen und in den Braukessel werfen.
Mir wird klar, dass ich, wenn ich von ihm nicht rausgeworfen werden will, ab jetzt immer ja sage, wenn er fragt, ob ich alles verstanden habe, und Fragen sollte ich nicht mehr stellen.
Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant: Auffällig ist seine schlechte Haltung, während er ebene Strecken noch unauffällig zurücklegen kann, plumpst er bei Treppen von Stufe zu Stufe wie ein von einem betrunkenen Puppenspieler bediente Marionette aus Wackelpudding.
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 109: Sagen wir es ganz vorsichtig und jedes Wort lange abgewogen: Ein Arschloch. Immerhin ist er sich nicht zu schade, nach den 30 Birr, die ich ihm trotz seiner katastrophalen "Führung" gebe, noch 20 mehr zu verlangen.
Die Frage ist berechtigt, warum ich ihm überhaupt etwas gegeben habe. Verdient hätte er für sein Verhalten Eine in die Fresse. (Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 109, 30. VIII. 12:) Die schlechteste Führung meines Lebens vom unfreundlichsten Führer, den man sich überhaupt vorstellen kann. Das ist doch auch was.
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 109: Könnte das der Höhepunkt der Reise sein? Ich spiele Fußball in Harar!
Ermutigt von der einen Griechin wage ich, wegen des nicht funktionierenden Heißwassers nachzufragen und bekomme prompt ein neues nettes Zimmer, in dem ich mich zuerst der Selbstbefriedigung widme, dusche, Nachmittagssiesta halte und dann 700 Bilder, einschließlich der autopornografischen, auf meinen Laptop transferiere.
(Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant, 29. VIII. 12:) Eigentlich hat sich mit dem heutigen Fußballspiel das Treffen mit Joseph erledigt, aber freundlich wie ich bin, werde ich trotzdem versuchen, ihn anzurufen.
Auf dem Kim-Restaurant warte ich bei einer Cola auf meinen Fischgulasch mit Reis und Gemüse, der dann zwar ohne Reis kommt, aber so köstlich mundet, dass ich dem Koch am liebsten sofort ein Kind machen würde.
Finde das Samson, in das mich Abenteuerlust und das Verlangen nach Marihuana führen. Aber außer Dunkelheit ist nicht viel zu sehen. Die Musik ist nett und auch der Trunk dieses Malzbieres für 12 Birr, circa 60 Cent, wird in der Geschichte meines Lebens nicht die schlimmste Stunde abgeben.
Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant: Das äthiopische Fernsehen hat inzwischen ansprechenderes Material aus seinen Archiven hervorgeholt, so circa 1993 ist Meles Zinawi zu sehen, wie er Stämmen ganz frei sprechend, gut ausgeleuchtet mit blauer Windjacke die Welt erklärt. Mit Stalin hat er den Personenkult gemein und dass es kein Bild gibt, das ihn mit Zigarette zeigt. Aber auch hier können sie nicht darauf verzichten, die gräulichen Flöten erklingen zu lassen.
Die Nachrichten bestehen immer noch ausschließlich aus Gedenkbeiträgen. In Äthiopien steht, wenn man dem Fernsehen glauben würde, seit einer Woche die Welt still.
Bin gänzlich allein hier oben, was nach den sozialisierten Abenden gestern und vorgestern schon ein ziemlicher Kontrast ist.
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 109: Fühle mich nicht einsam. Mit den inzwischen humoristischen und sehr lebendigen Aufnahmen bin ich auch mit Zelawi versöhnt. Möge er in Frieden ruhen.


Mittwoch, 29. VIII. 12, sonnig:
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 109: In der Nacht Bauchschmerzen, am Morgen krank, schleppe mich nach 11 ins Dachrestaurant, um mich mit Glukose- und Aspirin-Tränken aufzurichten.
Vermisse jemanden, der mich pflegt, mir Wasser und Brot ans Bett bringt, während ich ausgiebig leiden kann.
Habe nichts Schlimmes, Bauch- und Kopfschmerzen, allgemeine Schwäche und Lustlosigkeit, werde mich jetzt wieder vor den Fernseher ins Zimmer legen und der endlosen Trauerei um den Premierminister zusehen. Es macht schon einen sehr staatssozialistischen Eindruck, alle verpflichten sich, für die Ziele des Premiers weiter und noch härter zu arbeiten.
Gerade zog hier eine Trauerdemonstration vorbei und im Fernsehen wird nun seit über einer Woche ununterbrochen geheult. Dabei muss die uns so übertrieben scheinende Trauer echt sein, jedes Tuctuc, wie die motorisierten indischen Dreiräder hier heißen, ja sogar jeder Äthiopier ist mit einem Bildnis des Premiers ausgestattet.
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 109: Schlafe bis 15 Uhr und fühle mich dann einigermaßen besser, noch eine Glukose-Lösung und sogar den Laptop schaffe ich, anzudrehen. Muss am Netzteil ein zerwürgtes Kabel feststellen, der Draht liegt frei und es hängt nur noch an einem Faden. Aber noch bekomme ich es trotz Wackelkontakt zum Laden.
Da werde ich also dieser Tage zu einer Werkstatt müssen.
An die Arbeit: Liebe Redakteurinnen und Redakteure,
ich schreibe Ihnen aus Harar in Aethiopien und moechte Ihnen einen Erlebnisbericht zu "Tschat" anbieten, wie hier die Alltagsdroge Kat genannt wird. Ich haenge ihn sowie ein Foto von mir an, auf dem man die gefaehrlichen Nebenwirkungen der Droge sehen kann.
Ausserdem bin ich auf den Spuren von Artur Rimbaud, der hier "Abdu Rimbou" hieß. Ich war schon ich im alten Kaiserpalast auf dem Entoto, wo Rimbaud den äthiopischen Kaiser Menelik II. traf, um ihm 6000 Zündnadelgewehre und 100.000 Schuss Munition zu verkaufen, die er billig in Lüttich erworben hatte. Aber Menelik war nicht so leicht übers Ohr zu hauen und für Rimbaud wurde das Unternehmen zur großen Katastrophe. Dieser Tage bin ich in Harar, wo Rimbaud von 1880 an über 10 Jahre als Waffenhändler lebte.
Auch dazu haenge ich ein Foto aus dem Rimbaud-Haus hier an und wuerde gern fuer Sie darueber schreiben:
Rimbaud in Aethiopien und die Bedeutung seiner Reisen und Taetigkeiten hier,
Gruss
Falko Hennig
Bis gegen 5 suche ich Redakteurs-Edressen und Fotos heraus, um sie ins Internet-Café zu tragen.
Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant: Schon heldenhaft, wie ich trotz meines Angeschlagenseins dort liege und fast 300 Redakteursadressen durchgehe und meine Texte formuliere. Die Texte selber, nun, da müsste ich in einigen Jahren noch mal kucken, welche Qualität die haben.
Halb 6 bin ich auf dem Kim Café, habe immer noch keinen Appetit, aber bin sicher, dass der beim Essen der Gemüse-Pizza kommen wird. Nach 20 Minuten erfahre ich von der wunderschönen Kellnerin in junger Frauenblüte, in deren Augen ich mich verlieren könnte, dass Pizzas nicht gebacken werden können und wähle Spaghett mit Gemüse-Soße, wieder sehr lecker.
Harar, Internet Café im Kim Center: Kann meinen Laptop in Harar einstöpseln, das vereinfacht die Endfertigung des Khat-Artikels enorm. Aber zu früh gefreut, zwar wird mühsam Mail für Mail abgerufen, aber das Netz ist zu langsam. Nicht einmal Twittern ist möglich. Aber mit Geduld und Spucke gehen meine Mails doch zwischen 10 und 50 KB pro Sekunde in die Welt hinaus.
Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant: Viertel vor 8 bin ich wieder im Hotel, fühle mich schwach, aber wohlauf, morgen werde ich wieder Fußball spielen, so Gott will.
Datenpflege und Notizen abtippen bis halb 10, werde morgen nach dem Frühstück entscheiden, ob und wie ich zum Kamelmarkt fahre. An einem Führer wird es nicht mangeln.


Donnerstag, 30. VIII. 12, sonnig:
Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant: Für heute bietet mir mein Notizbuch drei Zitate zum Schreiben an, zuerst Walter Kempowski:
"Für mich bedeutet Schreiben Heimat." Dann Marguerite Duras:
"Das Schreiben ist stärker als alles, es ist stärker als alle Gewalt." und last but not least Johann Wolfgang von Goethe:
"Schreiben ist geschäftiger Müßiggang."
Meine Notizbücher sind die Splitter des Hologramms meines Lebens.
T: In Frankfurt/Main in der Gegend, in der die ganzen Zeichner wohnen, bei Chlodwig Poth ist das Haus auch von außen bemalt, sehe Robert Gernhard und überlege, ob er noch lebt. Erst als ich mir das Bild des alten Gernhard ins Gedächtnis rufe, wird mir klar, dass er schon gestorben ist. Ich werde Fantasy-Schreiber und habe mein erstes Buch schon fertig. Ziehe nach Frankfurt. In einem Großraumbüro sehe ich, wie ein glücklicher, langhaariger Jugendlicher, der gerade mit seinem Buch fertig ist, in einem extra Raum auf die Bewertung wartet.
Sehe in Berlin die Obstbäume blühen und überlege, an welchem Monat es am schönsten wäre, hierher zurückzukehren. Im August? Treffe Ronald an einer Kreuzung und erzähle ihm von meinen Umzugsplänen nach Frankfurt.
Auf der Straße schwebt ein leeres Sofa, eigentlich drei verbundene Autositze, setze mich darauf. Von weiter hinten steuern es Menschen von einer Trickfilmfirma fern. Sie lassen es mit mir schweben, Loopings fliegen, fallen, sie wollen es mir so richtig zeigen. Lande in einem Hochhaus, im Fahrstuhl werde ich für den Film gecastet.

Immerhin kann ich aus diesem Traum ein wichtiges Thema für den "Deutschen Humor" entnehmen: Die neue Frankfurter Schule, Pardon, Titanic, F. K. Waechter, Traxler, Robert Gernhard, Chlodwig Poth usw. Danke, liebes Unterbewusstsein, dass Du auch mit arbeitest an meinen Projekten. Ohne Dich wäre ich ganz schön aufgeschmissen.
Halb 9 ohne große Beschwerden auf, nur ein leichter Kopfdruck und Schwäche zeugen noch von meiner gestrigen Krankheit.
Frühstücke drei Spiegleier mit Brot, einen Liter Wasser "Abyssinia Springs" und zwei Kaffee.
Vor dem Hotel durchwühlen alte Männer die weggeworfenen Tschat-Zweige nach kaubaren Blättern.
Mit Edom Mulugeta zum Kamelmarkt nach Babileh, er ist 18 und Christ, seine Mutter ist vor zwei Jahren an TBC gestorben, gerade mal 40 war sie.
Abdischa heißt der Fahrer des Unglückswagens.
Vorbei an Terrassenfeldern, jeder Quadratmeter wird genutzt. Fantastische Fahrt, durchaus die 25 Euro wert, aber viel mehr davon werde ich mir nicht leisten können. Zu den Elefanten kostets 1000 Birr (50 Euro), in ein Dorf mit dollen Felsen und Häusern 600 Birr, circa 30 Euro.
Die Kamelhändler sind Somali, aber nicht aus Somalia oder Somaliland, sondern äthiopische Somali. Äußerst freundliche Menschen, die aber noch Nachhilfe in Zahnpflege benötigen.
Ein Kamel kostet circa 10.000 Birr, ein Esel 5000, eine Kuh 7 bis 8000, eine Ziege 1000 Birr.
Die eigenartig geformten Felsen, da liegt tatsächlich ein Stein oben auf einem, der aussieht wie ein riesiger Stalagmit, wieso der nicht heruntergefallen ist in den Jahrtausenden, in denen er dort schon ist?
Rückfahrt nach Harar, wie oft wohl Rimbaud hier lang gelaufen ist? Ob er Tschat gekaut hat?
Lasse mich beim Freshtouch absetzen, das Reisebüro Sofi, so wie das Malzbier, heißt es, hat zu, will mir im Restaurant Doro wot gönnen, aber das gibts nicht. Entscheide mich für Gemüsesuppe und Fastenpizza mit Gemüse, es bleibt gesund. Die Suppe ist für meinen Geschmack etwas zu mehlig und fade, vielleicht sind Suppen nicht die Stärke der äthiopischen Küche?
Enttäuschend bei meinen Versuchen im Amharischen ist, dass hier keiner ein Wort zu verstehen scheint.
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 109: Nach einigem Feilschen, bei der mich meine Zahlenschwäche arg behindert, kaufe ich für 200 Birr, 10 Euro, sympathisch gefälschte Markenware.
Mit dem gelb-grünen äthiopischen Trikot und der blauen Hose von "abibas" sehe ich aus wie ein Papagei mit bemerkenswert sexy muskulösen Beinen. Immerhin gibt es ein gedrucktes Etikett, das in 5 Sprachen, darunter deutsch, die Echtheit des Markenprodukts nachweist:
"Dieses Produkt wurde entwickelt. um Dir Leistungsvermögen. Tragekomfort und Stil zu ver eihen. Seit mehr als 50 Jahren verlassen sich Weltklassesportler auf adidas, um ihre Bedürfnisse bei Training und Weltkampf zu erfüllen."
Siesta bis gegen 3, dann Fotos sichern auf dem Laptop. Mit den neuen Sportsachen, leider immer noch in Sandalen, zum Fußball, mal sehen ob die Jungs sich heute durch Erscheinen einen neuen Ball verdienen.
Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant: Dem leeren Fußballplatz nach sind mir die Fußballgötter heute nicht so gnädig gestimmt wie vorgestern. Ich würde 100 Birr sparen, aber die Entwicklung des äthiopischen Ballsports würde einen empfindlichen Rückschlag erleiden. Mit meiner morgenländischen Geduld warte ich eine geschlagene Stunde in Gesellschaft von erst fünf, dann zehn 10 bis 15 jährigen Jungs, aber vergeblich.
Mein anschließendes Pilgern zum "Sofi Travel and Tourist Service" wird mit einem herrlichen Stempel belohnt (siehe übernächste Seite im Notizbuch!), finde heraus, dass ein Flug vom benachbarten Dire Dawa nach Addis 1070 Birr, also 51 Euro kostet, zu keiner anderen Stadt in Äthiopien gibt es Direktflüge. Angesichts der abenteuerlichen Busfahrt für 150 Birr, 8 Euro, nicht richtig attraktiv.
Internetverbindung "Very slow", dabei war sie gestern schon zu langsam, um auch nur einen einzigen Buchstaben zu twittern.
Kim Internet Café: Vermutlich habe ich hier in Harar gerade das langsamste Internet der Welt. Aber mit Allahs Hilfe gelingt es mir, Anna einen Bildgruß vom Kamelmarkt zu schicken und womöglich bekomme ich das Foto sogar auf Facebook hochgeladen.
Chat mit Josue Tanon, nach meiner Uhr ist allerdings 30. August:
28. August
Melden · 19:12
hallo!Lieber Dichter!
Heute
Melden · 17:57
der Dichter!
wie gehts Ihnen?
Melden · 18:55
Gruß aus Harar, es geht gut, wo sind Sie?
Melden · 17:58
bin in Elfenbeinkîste!
wie war's?
ich meine ihr Fussbalspiel!
Melden · 18:59
Das war vorgestern etwas kurz, haben wir in der Elfenbeinküste gegeneinander gespielt?
Melden · 18:02
ne,ne ich will sagen in aethiopien!
aber sie haben schon in Elfenbeinkûste eine Einstellung gemacht!
ich war dabei und hab sie gesehen!
Melden · 18:10
Machen Sie mit bei der FREIEN FEDER?
Melden · 18:10
genau
Melden · 19:08
Wann ist die nächste Vorstellung? Gibt es schon ein Bild des Monats?
Melden · 18:12
im Augenblicklich weiss es nicht
Melden · 19:11
Fragen Sie doch bitte nach und schreiben Sie mir!
Melden · 18:13
ich war krank und bin wâhrend einigen Tagen zu Hause geblieben
Das Interesse der deutschen Presse an meinen Abenteuerberichten aus Äthiopien ist immer noch gleich Null. Wie viele Persönlichkeiten müssen noch sterben?
Unfassbar, der erste Tweet seit 3 Tagen ist durch die Leitung gerutscht! 10 min gebe ich dem Netz noch zum Hochladen eines Kamels, aber wies scheint kommt eher ein Reicher in den Himmel, als das Kamel in Facebook.
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 109: Sage Sharif für die Führung zu den Hyänen morgen zu, eigentlich angenehm, dass die 25 hiesigen Führer ein Preiskartell eingeführt haben, erleichtert doch ihnen die Arbeit und den Touristen die Verhandlung.
Bestelle mir "Grilled Fish with Lemon Sauce" bin gespannt, was passieren wird. Ah, obs okay ist mit Reis und Gemüse? Ja, isset. Meine Cola lässt 20 Minuten auf sich warten, dann erfahre ich, dass es keine Coca sondern nur Pepsi gibt. Essen schmeckt göttlich.
Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant: Kann dann sogar den meisterhaften Koch fotografieren.
Kurz vor 9 bin ich im gähnend leeren Dachrestaurant, der Regen prasselt aufs Blechdach, der Hotelportier hat mir gerade 350 Birr abgenommen.
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 109: Tippe noch bis dreiviertel 11. Sichere meine Aufzeichnungen noch durch Mail an mich selbst, jetzt wird sich der Laptop gleich abschalten und ich kann mir überlegen, an welche Dose ich ihn klemme. Das mit dem Licht hier wieder afrikanisch unheimlich, die ins Deckenlicht geschraubte Birne hat nur einen Tag geleuchtet, dann war Sense und ich habe sie seitdem in der Schreibtischlampe, wo sie ihren Dienst versieht.


Freitag, 31. VIII. 12, bedeckt:
Harar, Kim Internet Café: Kamele endlich auf FB, durch den muslimischen Feiertag ist das Netz von erfrischender Quecksilbrigkeit.
(Harar, Belayneh Hotel, Dachrestaurant, 1. IX. 12:) Auch die Nachverhandlung mit Sherif gibt ein Bild des Jammers ab:
"You don't understand."
"Yes, I don't understand." Immer wieder führt er die Hyänenfütterung an, die ich doch schon bezahlt habe. Letztlich will er einfach mehr Geld und ich bin zu geizig, es ihm zu geben.


Samstag, 1. IX. 12, sonnig:
Harar, Belayneh Hotel, Zimmer 109: Heute ist der 78. Geburtstag meines Vaters, bin gespannt, ob ich nachher über Facebook und die so genannten "Freunde" eine Verbindung zu ihm bekomme.
Entschließe mich in der halbe Stunde, die ich noch bis zur Verabredung mit Edom habe, eine neue Chronik fürs Netz zurechtzufeilen, wozu bin ich schließlich auf der Welt? An der Grenze zu einer gewissen Textmüdigkeit komme ich durch. Vielleicht sollte ich mal die Kommentarfunktionen bei meinem Blog einschalten, um etwas mehr Feedback zu bekommen? Oder ist es genau dieses Feedback, vor dem ich Angst habe? Dass jemand schreibt: Was soll der Scheiß? Andererseits ist es doch das Lesen meiner "Unvollständigen Chronik" wirklich äußerst freiwillig, oder ist schon mal jemand dazu gezwungen worden?
Fragen eines schreibenden Autors.

www.Falko-Hennig.de

Freitag, 7. September 2012, 17.30 Uhr, Äthiopien, Addis Abeba, Weyin Ethiopian Cultural Hall (gegenüber St. Stefan Kirche):
Premiere Lesebuehne "Winter Letters"



Dienstag, 21. VIII. 12, regnerisch:
Äthiopien, Addis Abeba, Pension WSG Guesthouse, schräg gegenüber der amerikanischen Botschaft: T: Bin bei Bruno Kunther. Sehe später eine schöne Frau, spreche sie an, es ist klar, dass wir miteinander ins Bett gehen werden. Als ich ihren Namen höre, frage ich sie, ob sie Brunos Freundin ist, sie ist es tatsächlich, stelle mich vor. Bereite mit Bruno eine Zaubershow vor, mein Trick mit den roten und schwarzen Karten ist etwas dünn, aber ich will ihn so ergänzen, dass ich die entsprechende Karte am Geruch erkenne, so dass ich eine Frau aus dem Publikum davor bitten kann, den Kartenstapel unter der Achsel zu bewahren und dann mit Frischhaltefolie einzupacken. Brunos Freundin erzählt, dass sie plant, nach Indonesien zu reisen. Sie sitzt im Rollstuhl. Ermutige sie dazu.

Muskelkater von der gestrigen Wanderung.
Im Yars Cafe flimmern Bilder von Meles Zinawi über die Bildschirme, der hiesige Premierminister, der seinem Papst in die ewigen Weidegründe gefolgt ist. Nehme mir gleich vor, die Zeitungen wegen eines Nachrufes anzuschreiben, aber gebe die Idee im Laufe des Tages auf.
Leider ist die Übersetzerin Sindu Abebe nicht mehr im Institut, nicht einmal im Lande, vielleicht hätte sie mir mit Informationen zu Rimbaud in Äthiopien weiterhelfen können.
Verlasse das Institut in der vergeblichen Hoffnung, mich in einem Internet-Café ans Weltnetz anschließen zu können, aber Pustekuchen.
Verbringe einige Stunden im Ark-Café bei Kaffee, knochentrockenem Kuchen, den ich zu Schokoladenkuchen idealisiert hatte, und einer Schüssel Fritten. Bei der Reiseplanung leichte Unsicherheitsgefühle teils allgemeiner Natur, aber komme immerhin zu dem Entschluss, morgen Richtung Westen aufzubrechen. Da ich meinen hochinteressanten Kopf mitnehme, wird mir nicht langweilig werden.
Äthiopien, Addis Abeba, Pension WSG Guesthouse, schräg gegenüber der amerikanischen Botschaft: Meine Rundmail bekomme ich verschickt, vertreibe meine Einsamkeit mittels Chatten mit Sandkastenfreund Martin sowie Ella und Lisa.
Halb 10 sitzen zehn trauernde Äthiopier vor dem Fernseher im Quartier und folgen der Liveberichterstattung der Trauerszenen vom Flughafen, dort weinen hunderte von Männern, unwirklich wie das, was man aus Nordkorea zu sehen bekommen hat.
Der Sarg wird von Transportarbeitern mit unpassenden reflektierenden Warnwesten ausgeladen. Eine Frau wedelt immer so mit den Armen, vielleicht die Witwe?
Ein Hirntumor, erfahre ich, zwei OPs hatte er schon hinter sich.
Eine knapp hundertköpfige Kapelle marschiert hinter Polizeiwagen, dann noch mal 100 Uniformierte und der Leichenwagen, so gehts jetzt durch Addis. Am Straßenrand steht das Volk mit Kerzen.
Später rennen ungefähr 500 Leute vor der Karawane her, dann folgen 20 Autos, im Dauerlauf wird neben dem Sarg hergesprungen. Die Soldaten klammern sich seitlich an den Leichenwagen. Diese Menschenmassen, da braucht nur einer mit einer Waffe durchdrehen und es gibt hunderte von Opfern.
Skizziere etwas am Song "Addis Ababa":
Addis Ababa, ich geh nach Hause,
hör noch den Applaus, die Stadt macht Pause.
Niemand schaut mir nach, es fängt zu regnen an.
Autos fahrn vorbei, wich werde laufen.
Kinder ohne ???, die sich verkaufen???
Menschen leben hier, so lang ich denken kann
Addis Ababa, Du bist noch immer diese Blume wunderbar (So ein Scheiß!)
Hast Kaiser und Könige gesehn, musstest Kriege überstehn (und alles mit Deine Hände)
Keiner der Dich nie gesehn wird jemals das Gefühl verstehn... Feierabend!


Mittwoch, 22. VIII. 12, wechselnd:
Addis Abeba, Sheraton: 5 Euro kostet hier die Stunden Wlan! Aber brauche es für meine Rimbaud-Recherche.
"Arthur Rimbaud" by Enid Starkie (1961, New Directions, New York), beginne S. 366: "Ende Januar 1886 lagen Rimbauds Gewehre bereit und er wartete nur noch auf die Kamele zum Transport. Aber die Schwierigkeiten begannen und hielten ihn bis Oktober auf. Zum einen fehlte ihm die nötige Lizenz für die Waffen. Die britischen Behörden verweigerten sie, was Rimbauds Ruin bedeutet hätte. Erst nach endlosen Diskussionen erhielt er die Erlaubnis. Eine andere Schwierigkeit waren die Kamele, die Danakil im Dorf Tajoura hatten nur ihre eigenen Kamele und verweigerten den Verkauf oder Verleih. Auch wenn es gelungen wäre, sie woanders zu erwerben, wären sie sofort gestohlen worden. Der Sultan musste um Hilfe gefragt werden und der verlangte ein hohes Bakschisch. Endlose Diskussionen und Feilschen, während durch die Verzögerungen die Kosten stiegen. (S. 367 und 368 fehlen)
Sie wurden Tag und Nacht gejagt? (harried), Horden von Wilden (savages) tauchten immer wieder auf Bergen auf und es musste auf sie gefeuert werden, nur so konnten sie auf Distanz gehalten werden. Ein großer Teil der Reise führte durchs Gebiet der Danakil, die von allen afrikanischen Stämmen am meisten gefürchtet wurden. Es hieß von Reisenden, sie seien die most scowling, evile-favored und hideous-looking Stämme des Universums. Mord war bei ihnen eine Ehrensache, kein Danakil durfte heiraten oder eine Familie gründen, bevor er nicht wenigstens einen Menschen umgebracht hatte und das mit den Genitalien seines Opfers nachweisen konnte.
Es hieß von ihnen, dass sie keine Köpfe hätten und dass ihre Augen und ihr Mund auf ihrer Brust sei. Noch heute sind die Danakil bei den Äthiopiern gefürchtet (sind sie?).
Die alptraumhafte Stecke erreichte den Salzsee Assal, der von Vulkanen umgeben ist.
(der aus den Science Fiction???)
müde weiter, an der geheimnisvollen Höhle und der Gunther extremity vorbei.
Als sie daran vorbei waren mussten sie noch 23 stages to herer durch das unbekannteste Afirika. Von Herer waren es nur noch 8 oder 9 Tage bis zum Hawache Fluss, der Grenze zu Meneliks Königreich, wo sie in relativer Sicherheit sein würden.
Straße Terrassen, Tamrisken an lofty Bäumen, sie konnten mussten den gefährlichen Strom mehrmals überqueren und es gab keine Brücken. In ganz Shoa gab es nur zwei Brücken, die auf Meneliks Befehl aus Ästen? tree-trunks gefertigt waren
Um die Waren über den Strom zu bekommen, mussten Flöße? rafts gebaut werden und die Kamele wurden hinübergezogen buoyed up on inflated skins. Das dauerte wiederum ewig, aber Rimbaud war inzwischen an Verzögerungen gewöhnt, dass er sie kaum noch wahrnahm.
Nach einer Reise voll unbeschreiblicher Strapazen, die mehr als vier Monaten gedauert hatte, erreichte er am 6. Februar 1887 Ankober. Aber weitere Enttäuschungen erwarteten ihn.
Denn Menelik war nicht da, er war auf punitive expedition gegen Harar um es zu besetzen? seize it bevor die Italiener es bekommen konnten. Menelik eroberte die Stadt und kehrte im Triumphzug nach Entoto zurück, Musiker spielten martila Musik auf den Trompeten, die er in Harar beschlagnahmt hatte. Zwei Krupp Kanonen begleiteten ihn, jede wurde von 20 Männern gezogen, eroberte Gewehre und Munition folgten in einer endlosen Wagenkarawane.
Menelik plante, Entoto anstelle von Akober zur Hauptstadt seines Reiches zu machen. Einerseits weil er möglichst weit von seinem Kaiser entfernt sein wollte, andererseits weil er nahe bei Harar den Handelsweg zum Roten Meer kontrollieren wollte.
Nichts drängte ihn, schnell zurück nach Ankober zu kommen, um einen weiteren Händler zu treffen. So entschloss sich Rimbaud, selber nach Entoto zu reisen, um das Geschäft zum Abschluss zu bringen.
Die Reise dauerte mehr als drei Tage und Rimbaud musste bei seiner Ankunft entdecken, dass der König schon wieder zu einer Strafexpedition gegen rebellische Stämme aufgebrochen war.
18 Monate zuvor war er aufgebrochen, nun wartete er bis Mai in Entoto, während er immer exasperateder wurde und durch seine Ungeduld immer unfähiger, seine Interessen durchzusetzen.
Geduld und Diplomatie wären jetzt das wichtigste gewesen, um mit den Shoanesen (?`) erfolgreich zu handeln. Doch auch der gusseiserne Stoizismus (A?) Rimbaus war angeschlagen, sein Geduld war zu Endel
Schließlich hörten eines Morgens in Entoto die Bewohner die Gewehre, die Menelik in Harar erobert hatte, den königlichen Salut abschießen. Der König war zurück!
Die modernen Kanonen von Krupp feuerten ebenfalls den Salut inmitten der runden Hütten eines afrikanischen Busch-Dorfes.
Rimbaud begab sich sofort zum Palast (Beschreibung!) um nach der Ehre einer Audienz beim König zu fragen, damit er seinen Handel endlich abschließen und nach Aden zurückkehren könnte.
Menelik war auf dem Zenit seiner körperlichen und intellektuellen Macht, 45 Jahre alt, gesund und voller Energie, s Fuß groß, broad in comparison, in perfektem körperlichen Zustand. Nicht eigentlich schön, das Gesicht pockennarbig mit schwarzem Bart.
Etwas misstrauisch konnte er erfreut lächeln und dabei makellose weiße Zähne leuchten lassen (A?), helle und intelligente Augen, seine gesamte Erscheinung of undisuised and uashamed good-humoured knavery.
Er empfing Rimbaud, der in seiner normalen schwarzen, seiden-emprodered cloak über einer profusion of muddled, formlosen weißen leinen garments, einen schwarzen, wide-brimmed Quakers Hut über einem weißen Seidentuch, das eng um seinen Kopf gebunden war.
Jetzt, beim Handeln und Feilschen mit Menelik, begannen Rimbauds wirkliche Schwierigkeiten. Zwar brauchte der König Gewehre, aber er brauchte sie nicht so verzweifelt wie in den letzten Jahren, denn er hatte über 25000 Gewehre der verschiedensten Systeme bekommen. Auch an Nachschub würde es ihm nicht mangeln. Er wollte für Rimbauds Gewehre nicht mehr bezahlen, als er musste. Er war sich sicher, mit einem neuen Händler ohne Erfahrungen leichtes Spiel zu haben.
Einen großen Nachlass erwartete er für die künftige Freundschaft mit Frankreich. Die kümmerte Rimbaud kaum, er wollte nur Geld verdienen und das Land verlassen, das ihm seine Jugend stahl (devouring his youth).
Menelik wies seine Offiziere an, Rimbauds Waren in Augenschein zu nehmen (to impound) und sie dann insgesamt für einen Appel und ein Ei zu kaufen not to retail them, wie er gehofft hatte, for so much a gun.
Menelik drohte bei Ablehnung, die ganze Karawane auf Rimbauds Kosten wieder zurückzuschicken. Als Rimbaud schließlich widerstrebend dem Handel zustimmte, entwarf Menelik noch den brillanten Plan, ihn verantwortlich zu machen für ???? (Seiten 374 und 375 fehlen!)
Rimbaud verstand nicht, was vorging und hatte niemanden, den er um Rat oder Hilfe bitten konnte. Er musste nehmen, was er kriegen konnte und das Land so schnell wie möglich verlassen. Menelik hatte gerade kein Bargeld, die königlichen Hosentaschen (chests) waren leer, Bargeld war sowieso rar in Abessinien.
Er bot Rimbaud im Tausch Elfenbein an, setzte aber den Wert der Gewehre so niedrig und den des Elfenbeins so hoch an, dass Rimbaud ablehnte. Um nicht alles zu verlieren, stimmte er einem Kompromiss zu, der sehr zu Gunsten Meneliks ausfiel. Der König behielt die Gewehre zu einem sehr niedrig angesetzten Wert, Labatuts Schulden, jedenfalls ein großer Anteil an der Gesamtsumme, wurde von dieser Summe deducted. Rimbaud bekam einen draft für den übriggebiebenen Betrag, den der neue Gouverneuer von Harare Ras Makonnen zahlen sollte. In der Kasse der Stadt sollte noch Geld sein.
Die Summe war winzig, wenn man sie mit den tausenden Pfund Gewinn verglich, auf die er gehofft hatte.
Am Ende hatte er keinerlei Gewinn gemacht und stand mit genau den 600 Pfund wieder da, mit denen er begonnen hatte, ganz abgesehen von den 21 Monaten Strapazen und Leiden, die er mit dem miesen Geschäft vergeudet hatte.
Ohne Frage war Rimbaud in Shoa betrogen und ausgeraubt worden. Andererseits hatte er weder Schlauheit, Diplomatie oder die Kenntnisse, die nötig waren, um mit dem König oder seinen Mitarbeitern zu handeln.
(S. 377 fehlt)
Seiner Mutter schrieb der 31jährige: "Mein Haar ist grau. Mir scheint es, als würde mein ganzes Leben zerfallen. Stell Dir vor, wie es jemandem nach solchen Strapazen gehen muss: Das Meer in einer offenen Barke überquert, Tage auf einem Pferd, ohne die Sachen zu wechseln, ohne Essen und Wasser. Ich bin schrecklich müde! Ich habe keine Arbeit und ich habe Angst, das bisschen Geld, das ich habe, zu verlieren."
Er blieb nicht in Aden und seiner unerträglichen Hitze, sondern fuhr, so abgerissen wie er war, nach Kairo. Dort veröffentlichte er im "Le Bosphore Egyptien" seine Reiseerlebnisse.
Die Reise war für Rimbaud zweifellos eine finanzieller Verlust, aber für andere war es der Nachweis, dass die Obokh-Tajoura Strecke nach Shoa Zeit- und Geldverschwendung war, während die neue Straße von Entoto über Harar zur Küste viele Vorteile bot.
Bald war diese Straße exklusiv Menelik für Import und Export vorbehalten. Bis zum Bau der Eisenbahn blieb sie der wichtigste Handelsweg.
Harar: Paulitschke "die eigenartige Nachtmusik", Bellen wilder Hunde. Parties, spät zu Bett und spät auf, Musik, Singen, Tanzen.
In den nächsten drei Jahren pendelte er zwischen Zeyla und Harar, später dem französichen Hafen Dschibuti. Er reiste in die weit entfernten Provinzen von Harar und Ogaden, tauschte Kaffee, Felle, Gummi, Elfenbein, Moschus gegen billige europäische Waren ein. Harar war das wichtigste Handelszentrum des Königreiches, Addis Ababa war noch nicht erbaut.
Dabei hatte Rimbaud auch mit Meneliks ausländischem Ingenieur und Berater, dem Schweizer Ilg zu tun, dem Erbauer der äthiopischen Eisenbahn, der auch das Münzsystems und die Post Äthiopiens schuf. Ein Staatsrat, der mit Töpfen und Pfannen handelt, ist schwer vorzustellen, aber genau das tat Ilg.
Rimbaud begleitete auch heimlich Sklavenkarawanen nach Tajoura, sie wurden nach der Türkei oder Arabien verkauft. Vermutlich stellte er auch selber welche zusammen.
Alle Franzosen, die damals große Vermögen in Abessinien erwarben, taten dies durch Sklavenhandel.
Ilg, der sich weigerte, war die große Ausnahme.
Hauptsächlich handelte Rimbaud mit Genehmigung der französischen Regierung mit Gewehren und Munition.
Neben dem Missionar Jarosseau war er der einzige Franzose in Harar.
Auch jetzt verdiente er wegen Menelik nicht so viel Geld, wie er wollte. Der König hatte das Handelsmonopol, aber Rimbaud fehlte auch der Geschäftssinn. Er konnte nicht einmal das Problem von Labatuts Schulden lösen, dessen Gläubiger immer noch hinter ihm her waren. Er zahlte aus Angst, dass seine Karawanen sonst überfallen würden. (S. 386 fehlt)
Auch kam Geiz bei ihm zum Durchbruch, so dass Ilg sich über den schlechten Zustand seiner in Entoto eintreffenden Karawanen beschwerte.
Dabei sah er aus wie ein armenischer oder griechischer Bettler, gekochtes Getreide und Wasser waren seine Nahrung.
Weder Bars noch Kaffeehäuser besuchte er in Harar, sondern arbeitete stattdessen von früh bis spät.
Er konnte sehr witzig, ironisch, verletzend sein, Jarousseau erlebte ihn als ernsthaft und als intensiven Leser.
Rimbaud schrieb nach Hause: "Ich bin müde und gelangweilt. Ich habe noch niemanden kennengelernt, der so gelangweilt ist, wie ich. Ist das nicht ein jämmerliches Leben, dass ich führe, ohne Famile, ohne Freunde, ohne intellektuelle Gesellschaft, verloren inmitten dieser Neger, deren Schicksal man bessern möchte, und die einen ihrerseits nur ausbeuten."
Wirkliche Zuneigung brachte er dem Jungen Djami entgegen, seinem Diener, der immer bei ihm war und von dem er noch auf seinem Totenbett sprach.
In Rimbauds letzten Jahr in Abessinien heiratete der 20jährige Djami und wurde Vater. Sein Glück ließ Rimbaud hoffen, in Frankreich eine Frau zu finden, die er mit nach Harar bringen könnte.
Erst dachte er, es wäre Rheuma wegen des feuchten Winters von Harar. Das rechte Knie schmerzte, aber er lief weiter 20 bis 40 Kilometer am Tag durch die Berge. Aber die Schmerzen waren so, als würde ihm mit einem Vorschlaghammer gegen das Knie geschlagen, dazu kamen Schwellungen, Fieber, Übelkeit beim Anblick von Nahrung, die Schmerzen erreichen Oberschenkel und Wade. Sechs Wochen versuchte er, trotz Schlaflosigkeit und rapidem Gewichtsverlust, seinen Geschäfte weiterzuführen, ehe er sich Ruhe gönnte.
Das Knie schwoll auf doppelte Größe an, das Bein wurde steif. Es gab keinen Arzt in Harar. Er musste zur Küste und nach Aden, sein Geschäft unter großem Verlust auflösen.
Eine Bahre mit Plane musste konstruiert werden und 16 Mann brachten ihn die 300 Kilometer nach Zeyla, eine zweiwöchige Reise durch die Wüste, es regnete stark. Er verließ Harar am 7. April 1891.
Drei Tage später kam ein Sturm auf, der die Karawane zerstreute, erst am 11. April fanden sich die Verlorenen wieder.
Am 14. April warfen müden und entmutigten die Träger ihn mit der Bahre wütend zu Boden, er musste sie bestrafen.
Er erreichte Zeyla fast ohnmächtig vor Schmerzen. Am selben Tag kam er an Bord eines Schiffes nach Aden.
Er war ein Skelett, sein Rücken wund vom Liegen, keine Behandlung half. Der Arzt schätzte ihn sofort als hoffnungslosen Fall ein, aber wollte lieber einem Kollegen die Verantwortung für Amputation und Tod aufhalsen.
Er verabschiedete sich von Djami im Wissen, ihn nie wieder zu sehen.
"Und ich, der ich gerade geplant hatte, diesen Sommer nach Frankreich zu kommen, um zu heiraten. Leb wohl, Heirat! Leb wohl, Familie! Leb wohl, Zukunft! Mein Leben ist vorbei! Ich bin nichts als ein toter Baumstamm."
Sein letztes Zimmer bei seiner Familie versuchte er mit den Erinnerungsstücken seiner Wanderschaft so aussehen zu lassen, wie das in Harar
Zeugen aus Harar wussten, dass er dort unaufhörlich geschrieben hatte, aber nichts davon wurde in seinen Papieren entdeckt. Vielleicht hat er sie dort gelassen, als er 1891 nach Frankreich in der Hoffnung zurückkehrte, sein schmerzendes Bein kuriert zu bekommen.
Das einzige aufgefundene Schreiben, das mit Literatur in Zusammenhang steht, ist ein Brief, in dem er nach Frankreich eingeladen wird, um Anführer einer neuen literarischen Bewegung zu werden.
Er hatte nie geantwortet, aber den Brief aufgehoben."
Bis nach 4 lese ich online im Sheratorn Addis Abeba in der Rimbaud-Biografie über sein fast endloses Sterben.
In meiner Pension, die heisst "Win Souls for God" haben circa 10 Aethiopier bis nach Mitternacht die Live-Uebertragung der Ankunft des Sarges und der Fahrt durch die Straßen von Addis geschaut und eine Frau und ein Mann haben geweint. Als nächstes wird hier der Verteidigungsminister sterben.
Fuehle mich tatsaechlich etwas heimisch hier, aber hatte auch schon Anfluege von Einsamkeit, die ich mittels Arbeit und Chatten mit Gott und der Welt bekaempfen konnte. Eigentlich weder Gott noch Welt, sondern Sandkastenfreund Martin und meine Toechter.
Seit gestern forsche ich intensiv zu Rimbaud in Aethiopien, 10 Jahre hat er hier zugebracht, eines meiner Reiseziele ist die Stadt Harare, in der er gewohnt hat.
Mir geht es gut, nachher werde ich ins Stadtmuseum, später vielleicht noch weiter schreiben. Mit jedem Tag hier finde ich Geschichte und Gegenwart spannender. Wusstest Du, dass Deutsche die Äthiopien-Forschung quasi begründet haben? Wilhelm Zwo & Co.
(Addis Abeba, Black Gold Cafe im International Leadership Institute, 23. VIII. 12:) Auf Al Jareeza (?) kommt noch ein bemerkenswert guter Dokumentarfilm "Witnesses" über die Hintergründe der durch Wikileaks berühmt gewordenen Ermordung von Fotojournalisten in Bagdad durch einen US-amerikanischen Hubschrauber. Zum einen waren immerhin zwei der Erschossenen wirklich bewaffnet, einer mit einer Kalaschnikow und ein anderer sogar mit einer Boden-Luft-Rakete. Trotzdem kann man die Piloten nicht von Kriegsverbrechen freisprechen, denn sie stellten wider besseren Wissen die Situation falsch dar, so dass sie die Erlaubnis bekamen zu schießen und Zivilisten abschlachteten. Der Film zeigt die Familien der Opfer und auch einen Ami-Soldaten, der durch solche Erlebnisse zur Überzeugung kam, dass sie selber die Terroristen sind und nicht die, die sie erschießen.

22
Aug
2012

www.Falko-Hennig.de

Sonntag, 12. VIII. 12, Berlin sonnig:
Schreibtisch: Sehr müde und beängstigend ruhig packe ich meine letzten Sachen, schließe das Fahrrad in den Fahrradraum und stecke den Briefumschlag mit Ellas und Lisas Personalausweis in den Briefkasten.
Dreiviertel 9 wirds ernst und ich packe den Laptop ein.
Istanbul, Artemis Marin Princess Hotel, Computer-Sitzgruppe: Vermutlich wäre mir das ohne die Tüte nicht passiert.
(Addis Abeba, Churchill Hotel, Zimmer 801, 15. VIII. 12:) Das Essen von Turkish Airlines ist unbedingt eine positive Überraschung. Als ich den Tätowierten auf die Zeichen auf seinen linken Fingern anspreche:
"Das ist die einzige Tätowierung, die ich je bereut habe." Hakenkreuze? In Fraktur "Blut" oder "Ehre"? "Fuck Hate?"
Istanbul, Artemis Marin Princess Hotel, Computer-Sitzgruppe: Weihe also dies schöne Notizbuch der Firma Ashelm in Istanbul ein, habe keinen Schimmer mehr, wo ich es herhabe. Klebe als erstes diesen geheimnisvollen Zettel ein, den ich gestern vor der Lottumstraße 10 gefunden habe, es scheint sich um den Plan für eine Reihe ausbaldowerter Überfälle auf Bars zu handeln.
Gegen 21 Uhr in meiner heute fünften Schlange, diesmal vor dem Hotel Desk. Statt mich einen Tag in Addis zu akklimatisieren werde ich aus dem Flugzeug ins Klassenzimmer fallen. Freue mich so oder so schon aufs Hotzelzimmer, hoffentlich hats Fernseher.
Besonders das weibliche Geschlecht erträgt die Vordrängler sehr schlecht. Auch ich ärgere mich furchtbar über einen Israeli, der nicht nur in meiner, sondern nach Zusammenlegung auch noch in der anderen Schlange nach vorne drängt um sich dann auch noch die Tickets von circa fünf Landsleuten abzugeben.
Auch in dieser Schlange bringe ich eine knappe Stunde zu, Füße schmerzen. Wenn man Organisation in Schlangen-Stehzeit misst, schneidet Turkish Airlines uns den Hals ab.
22 Uhr schließt sich durch den Sessel etwas komfortableres Warten bei Starbucks an. Eine Dreiviertelstunde später, dann schon gestärkt durch einen Salat und einen Cappuccino Grande, sitze ich in einem Kleinbus, der uns nochmal durch die halbe Welt an den Arsch derselben, genauer: ins Artemis Marin Princess Hotel fährt.
Istanbul, Artemis Marin Princess Hotel, Karayolu Üzeri, 34910 Kumburgaz, Zimmer 2218: Die Fluggesellschaft lässt sich etwas lumpen, ziemlich schmuddliges Hotel, Fenster zu einem Lichtschacht, WiFi bekomme ich auch nicht in Gang, nachdem ich schon meine verschwitzten Sachen vom Körper gezogen habe werde ich nun, nach Mitternacht, nochmal hinuntergehen, um Yonas Bescheid zu geben.
"Late Night with Jimmy Fellon", Bruce Springsteen ist bei ihm zu Gast.
Wegen Unwetter gestrandet in Istanbul, anstrengender Tag mit ungefähr 6 Stunden in Schlangen stehen. Erst morgen Abend nach Addis.
Istanbul, Artemis Marin Princess Hotel, Computer-Sitzgruppe: Viertel nach 1 ist es, als ich zu den hiesigen stationären Rechnern geschickt werde.
Das Hotel ist bis unter beide Kiemen mit Backfischen in gewagten Kleidern und hochhackigen Schuhen gefüllt, die mutmaßlich Jugendweihe begehen oder wie das hier bei den Islamisten heißt. Würde ihnen mit mehr Sympathie begegnen, wenn sie nicht die Computer vor mir blockieren würden.
(Addis Abeba, Churchill Hotel, Zimmer 801, 15. VIII. 12:) Eine jordanische Nachwuchs-Fußballmannschaft komplettiert die aufgeladen Hormonkonzentration.


Montag, 13. VIII. 12, Istanbul sonnig, Addis Abeba dunkel:
(Addis Abeba, Churchill Hotel, Zimmer 801, 15. VIII. 12:) Nach einem ungeplanten zusätzlichen Tag Strandurlaub mit, mangels Badehose, nassem Retro-Slip 16 Uhr im Kleinbus durch sunny Istanbul, die Ideen schlüpfen wie aus Millionen Fliegeneiern und summen in meinem Kopf herum, bis ich sie aufs Papier erlöse.
Start vom lauwarmen Meer von Istanbul nach Addıs Abeba, bın optımıstısch, dort ın der Nacht eınzutreffen. ı für Folklore.
Aus unerfindlichen Gründen wird das Sheraton angesteuert, doch nicht einmal jemand mitgenommen. Am Flughafen Atatürk Havalimanı grüßt der Israeli freundlich, den ich gestern noch am liebsten in tausend Stücke zerrissen hätte, weil er sich vorgedrängelt hatte.
Äthiopien, Addis Abeba, Churchill Hotel: In Addis Abeba fehlt mein Koffer und auch derjenige, der mich ins Hotel fahren sollte. Bin auf eigene Faust und Kosten im Churchill Hotel. Halb 3 läute ich die kurze Nacht ein.
(Addis Abeba, Churchill Hotel, Zimmer 801, 14. VIII. 12:) Woher ich bei all diesen Missgeschicken die Geduld nehme, das wird noch vielen Generationen das große Rätsel meiner Persönlichkeit bleiben.


Dienstag, 14. VIII. 12, Addis Abeba wechselnd:
Addis Abeba, Churchill Hotel, Zimmer 801: Frühstück etwas jämmerlich, nicht einmal Butter. Vielleicht kein Frühstücksland?
Yonas holt mich pünktlich ab, ein Telefonat mit der Gepäckstelle ergibt, dass es völlig offen ist, wann mein Koffer wieder auftaucht, heute jedenfalls nicht, morgen vielleicht.
Er war in der DDR, in Prora auf Rügen.
Wieder einmal kommt mir beim Workshop die Fähigkeit zugute, auch noch dann wie ein interessierter Zuhörer zu wirken, wenn ich kein Wort verstehe.
(Addis Abeba, Churchill Hotel, Zimmer 801, 15. VIII. 12:) Defätismus von Aschalef Kebede, der fragt, welchen Sinn mein Workshop hat. Das weiß ich doch nicht!
Addis Abeba, Churchill Hotel, Zimmer 801: Mit einem der vielen blauen Ladas hier ins Hotel zurück, auf einer Kreuzung das Glück des aus Ludwigsfelde stammenden Fotografen: Ein W50!
Nicht so gut: Koffer vermisst irgendwo zwischen Istanbul und Addis Abeba, Reißverschluss meines Rucksacks endgültig hinüber und damit neues Behältnis dieser Art nötig, mein Geruch, meine ungeputzten Zähne, völlig fertig wegen Übermüdung, Internet funktioniert nur mit Unterbrechungen:
Adresse nicht gefunden
Der Server unter t.co konnte nicht gefunden werden. Der Host-Server zu der aufgerufenen Adresse konnte nicht gefunden werden. Haben Sie sich beim Eintippen der Adresse vertan? (z.B. "ww.mozilla.org" anstatt "www.mozilla.org") Sind Sie sicher, dass die Domain-Adresse existiert? Ihre Registrierung könnte abgelaufen sein. Können Sie auch andere Websites nicht aufrufen? Überprüfen Sie Ihre Netzwerkverbindungs- und DNS-Server-Einstellungen. Wird Ihr Computer oder Netzwerk durch eine Firewall oder einen Proxy geschützt? Falsche Einstellungen können den Web-Zugriff stören.
Gut: Gegen 6 im Zimmer, 80 $ die Nacht kostet es, ein Geldbündel in der Innentasche, wie ich es noch nie besessen habe, schiefgehen kann eigentlich heute nichts mehr. Regenzeit ist nicht sonderlich schlimm bisher, sogar Sonne und schöne Wolkenkonstellationen.
Schlaffe im Internet angenehm ab, während im Fernsehen "Jurassic Park" mit arabischen Untertiteln läuft und draußen die äthiopische Nacht hereinbricht. Danach Schund der eher langweiligen Sorte: "Stealth" (USA 2005). Immerhin hat es der Film zu Recht zu einer so genannten gigantischen "box office bomb" gebracht und wurde zu einem der größten Verluste der Filmgeschichte. Die jämmerlicher technische Recherche wurde kritisiert, seine widersprüchliche Technik wie "turbo scramjets".


Mittwoch, 15. VIII. 12, regnerisch:
Addis Abeba, Churchill Hotel, Zimmer 801: T: In der Wohnung von Katrin, viele Bücher, Hans wohnt dort, in der Schlange in einer Reparaturwerkstatt, sie verkaufen dort Taschenplattenspieler, die man neben die Platte stellt. Treffe zufällig Martin an einem Kaffeehaustisch, er hat eine vertrauliche Frage in Liebesdingen an eine Freundin. Bin neugierig, frage, ob ich es auch erfahren kann. Er habe doch so viel Geld, sagt er und will wissen, ob er da eine junge Dame, auf die er scharf sei, einfach zu einer kleinen Reise einladen könne, mit einer Decke, so dass sich dann alles von selber ergebe?

Zweiter Workshoptag, erste Ermüdungserscheinungen schon vor Beginn, neun Teilnehmer sind immerhin schon erschienen, von den Frauen ist gleich gar keine aufgetaucht. Aber das Bild bessert sich zusehends.
Zeige Bob Holmans "Sweat and sex and politics" und bin so zerstreut, dass ich zehn Minuten zu früh die Diskussion zugungsten der Frühstückspause abbreche. Versuche in der Pause, meine innere Unruhe mit dem starken äthiopischen Kaffee zu bekämpfen.
Kaum erfolgreich bin ich damit, einige Elpentrötsche durch einen Spaziergang zu Karl Marx abzuschütteln.
Auch Sbandatis zehn Jahre alte Aufführung von "Felicita" wird als lustig empfunden, das ist doch was.
Nun, nach fünf Feierabend und ich kann dem letzten Workshoptag gelassen entgegenschauen.
Wie es aussieht, werden hier auch die Teilnehmer honoriert, interessant. In Kenia und der Elfenbeinküste reichten seinerzeit die warmen Mahlzeiten, um Interessenten anzulocken.
Mein Koffer ist da!
Erschöpft nach dem zweiten Workshoptag und einem Besuch beim Flughaften mit meinem Koffer im Zimmer. Ich durfte ihn mir sogar selber aus ungefähr 1000 Gepäckstücken heraussuchen. Vielleicht wäre es schlau gewesen, einfach einen anderen zu nehmen?
Auf dem Weg ins Hotel wünsche ich mir, die Fahrt würde nie ein Ende nehmen.
Im Fernsehen eine Fortsetzung von "Jurassic Park", beruhigend, wie alle Bösewichte von den Echsen aufgefressen werden. Diesmal versuchen sie, den Tyrannosaurus lebendig zu fangen.
Nach halb 7 zumindest noch die Notizen von heute, vielleicht von gestern abtippen, um der Sinnlosigkeit des Weltalles etwas entgegenzusetzen.
Bleibe in wehmütiger Stimmung.
Leider völlig vergessen, was mir mein Psychotherapeut nochmal geraten hat für den Fall mittlerer Sinnkrisen.
Unternehmungslustig durch Hunger werde ich jetzt gegen 10 nochmal die Straßen von Addis Abeba unsicher machen oder sie mich.


Donnerstag, 16. VIII. 12, bedeckt:
Addis Abeba, Churchill Hotel, Zimmer 801: T: Der alte Joachim Fuchsberger und seine Frau helfen dem ergrauten Klaus Kinski in ihre Wohnung, eigentlich sind sie verfeindet, aber da es Kinski gerade so schlecht geht, sind sie nachsichtig. Der Cabriolet-Wagen von Fuchsberger steht vor der Tür, etwas ist kaputt, Fuchsberger sägt mit einer Motorsäge ein Teil der Tür heraus, weil davon noch etwas zu gebrauchen ist. Kinski geht durch die Straßen von Berlin, ein Stadtteil, der "Waldsiedlung" heißt, in einem Club findet ein Kinski-Abend statt.
Addis Abeba, Churchill Hotel, Zimmer 801: Lerne vom Fernsehen, Sender Dubai One, dass Frauen im Ramadam, nach den meisten Schriftgelehrten, durchaus Eyeliner und Augentropfen benutzen dürfen, da das Auge kein direkter Zugang zum Magen sei.
Ansonsten rumort es in meinen Eingeweiden, bald wird mein Elotrans zum Einsatz kommen.
Doch überraschend, dass der Tod des äthiopischen Papstes in Deutschland keinerlei Interesse hervorruft. Jedenfalls ist bis gegen 7 hiesiger Zeit keine einzige Bekundung von Neugierde bei mir eingetroffen. Dabei gehts doch um seine Heiligkeit Abune Paulos, Fünfter Patriarch und Katholikos von Äthiopien, Echege des Stuhls St. Takla Haymanot und Erzbischof von Axum. Unumstritten war er nicht, er behauptete, dass sich die Kiste der Steintafeln mit den 10 Geboten an einem sicheren Ort in Axum befinde, wers glaubt wird seelig oder von mir aus auch selig.
Schreibe Freundschaftsanfragen an ganz Afrika und die halbe Welt. Chat mit Ron Hard:
17:50
Danke für das Freundschaftsangebot und herzlich willkommen. :) [:)]
Melden · 17:52
Dank aus Addis Abeba!
Melden · 18:03
Ist gleich hinter Castrop-Rauxel, oder? ;) [;)]
Melden · 18:05
Wie ist der lateinische Name von Wanne-Eickel? Castrop-Rauxel. Mein Schwager aus Bochum hat darüber gelacht.
Melden · 18:07
Muss ich mir merken. Kenne da welche, die ich damit nerven kann. :)))
Ende der Chat-Unterhaltung
Halb 8 verlangen meine grummelnden Eingeweide nachdrücklich Input, also gehts wieder hinunter.
(Pension WSG Guesthouse, King George VI. Street, 17. VIII. 12:) Gönne mir im Hotelrestaurant ein gebackenes Tilapu Steak, das ist Fisch, auf Kartoffelbrei, white crème sauce und Parmesan, nicht so doll, auch wenn der Brei liebevoll mit Olivenaugen als Fisch geformt ist.
Lese währenddessen über den deutschen Leibarzt des äthiopischen Kaisers Menelik II., als er feststellte, dass der vergiftet wird, wurde er durch eine Hofintrige ausgebootet.
Heute sitzt hier eine andere, aber nicht weniger schöne Hure, und da soll man nun nicht schwach werden? Etwas schlechtes würde ich ihnen auch nicht antun und der Grund, dass ich die älteste Dienstleistung der Welt nicht in Anspruch nehme, ist nicht ehrenwert: Feigheit. Obwohl, feige bin ich eigentlich nicht. Eher hat hätte ich das Gefühl, dabei etwas moralisch Mieses zu tun.


Freitag, 17. VIII. 12, wechselnd:
Pension WSG Guesthouse, King George VI. Street: Erstes Wecken an meinem letzten Morgen im Churchill Hotel besorgen, wie jeden Tag, die Zimmermädchen. Als nächstes kommt halb 9 ein Anruf von der Rezeption, mein Fahrer sei da, dabei habe ich mit ihm 10 Uhr verabredet.
Dann die kleinen Missgeschicke: Im Bad des Hotelzimmers eine Pfütze, in die ich immer wieder mit Strümpfen trete, der Koffer, der nicht zu- und der Rucksack, der immer aufgeht. Gut, dass ich heute verabredet bin, das bekommt der Struktur und der Aussicht auf meinen Tag.
Mit Fahrer Bushe durch die Folson Street auf der Suche nach Quartier für circa 200 Birr. Bin vielleicht zu anspruchslos und entscheide mich gleich für die erste Behausung, eine wohl etwas christliche Unterkunft, in der unter anderem Alkohol, Zigaretten und Besuch verboten sind. Es ist schräg gegenüber der amerikanischen Botschaft gelegen, die wie ein Hochsicherheitsgefängnis in der Stadtlandschaft steht.
Mit Bushe wieder etwas zurück zum Arat Kilo, Fotografier-Spaziergang durch die Hailemaryam Mamo Straße, der durch den bleischweren Rucksack in schulterlastigen Kraftsport ausartet, von der ich mich in der Patisserie Romina erhole.
Wieder werde ich versetzt, aber meiner guten Laune tut das vorerst keinen Abruch. Entscheide mich, neben Kaffee und Wasser, für Shiro Tegabino, "A quick shiro meal, cooked and served in a traditional saucepot" mit einem ordentlichen Packen des leckeren Injera, das man als Brot bezeichnen würde, wenn es nicht eine Konstistenz wie nasser Schwamm haben würde, schmeckt leicht säuerlich.
20 Birr sind ungefähr ein Euro, ein Birr fünf Cent, zehn Birr 50 Cent, 100 Birr fünf Euro.
Ins National Museum of Ethopia, so richtig doll ist es nicht. Am meisten beeindruckt mich die Eintrittskarte, Zeilenguss und Buchdruck, passt irgendwie zum hiesigen Urchristentum. Immerhin kaufe ich 40 Postkarten, da habe ich also genug zu tun demnächst, Ziel ist Abschicken am Montag und dann beginnt das übliche Rennen, wer zuerst zu Hause ist, die Karte oder ich.
Nachmittagsschlaf im Quartier, treffe bei Yonas im Institut die treulose Mehret Kebede. Sie hat erwartet, dass ich sie anrufe, behauptet sie. Aber woher sollte ich wissen, dass sie das erwartet? Vielleicht stimmt es aber auch nicht und es ist hier üblich, anstatt zu Verabredungen zu kommen, so etwas zu sagen? Ich werde es noch erfahren.
Wie von mir insgeheim erhofft, wird in einem der Kinos tatsächlich "The Dark Knight Rises" gegeben, wieder mit Chauffeur Bushe durch die Stadt. Eine 13jährige Adoptivtochter hat er und lebt mit seiner Mutter zusammen. Vor jeder Kirche bekreuzigt er sich dreimal. Seinen Scheibenwischer muss er für jedes Wischen einschalten.
Nach Bole in Flughafennähe verschlägt es mich, wo ich nach dem Kauf meiner Kinokarte in der Edna Mall (45 Birr, 2,25 Euro, auf der Eintrittskarte steht passenderweise "The Dark Night Rises", Dank des unsäglichen Thermopapiers muss ich es abtippen, damit man in Äonen noch davon weiß) und einem Spaziergang in der Abendsonne auf einen Cappuccion und einen Cheeseburger warte.
Batman hat jetzt einen neuen Hubschrauber, dass sich der Rotor an der Unterseite befindet, spricht nicht dafür, dass die Maschine vom Tüf abgenommen ist. Der Flugapparat kann nicht verhindern, dass der alte und seit dem letzten Krieg gegen das Böse invalide Batman vom Mann mit der Mundmaske ordentlich auf die Fresse kriegt und in ein Loch im Arsch der Welt gesteckt wird. Dort macht er gefühlte 20 Jahre Liegestütze, während der Maskenmann Gotham mittels Standgerichten und Kanalisationsexplosionen zugrunde richtet. Auch die stets rot tickende Atom-Zeitbombe kann nicht verhindern, dass beim stundenlangen Zusehen der Leibesertüchtigung im Loch Langeweile aufkommt. Immerhin habe ich eine neue Quelle für meinen Film "Die Zerstörung von New York" (Arbeitstitel).
Als Bruce Wayne beerdigt wird und sein Butler so traurig ist muss ich weinen, und als der Butler dann in dem französischen Café sitzt erst recht, weiß schon genau, was da kommen wird.
Im Gemeinschaftsraum wird äthiopisches Fernsehen gekuckt, das eher so eine Art Videotext oder Radio mit eingeblendeter Schrift ist. Drei dunkle, ältere Herren, einer ist Amerikaner, und ich sitzen dort und starren darauf.
Zum Glück wechseln sie zu BBC World Service, mal sehen, was inzwischen so außerhalb von Addis los ist. Pussy Riot, diese hübschen Frauen, Garry Kasparow, der brutal in einen Polizeibus gedrückt wird.
Tippe bis halb 12 vor einem Schundfilm mit Tom Cruise die mich vielleicht irgendwann und irgendwie betreffenden Stern-Redakteure ab. Ein riesiges dreibeiniges Monster kommt aus der Erde und pulverisiert alle Häuser, Menschen und Autos.


Samstag, 18. VIII. 12, bewölkt:
Äthiopien, Addis Abeba, Pension WSG Guesthouse, King George VI. Street: Das Aufschreiben des Straßennamens ist eher irreführend, niemand weiß ihn hier, im Zweifelsfall werden alte, offiziell längst abgeschaffte Namen benutzt. Mein erster Traum im neuen Quartier jedenfalls:
Werde mit meinem Vater erstmalig zusammen in Gyrokoptern zu Jakobs Grundstück fliegen, die Apparaten kommen zu einer bestimmten Zeit mit dem Zug zum Ludwigsfelder Bahnhof, wir sind spät dran mit Packen und ich mache mir Sorgen um die Flugkünste meines Vaters, er ist noch nie geflogen und er fährt doch schon Auto so katastrophal. Aber auch für mich selber wäre es der erste Flug. Sind bei Jakob, er hat Geburtstag, ich habe kein Geschenk. Wir schreiben Theaterstücke. Silke ist dabei, sie erzählt, wie sie bei einer Lesung ein erst gegen sie eingestelltes Publikum durch die Qualität ihrer Texte gewonnen hat.

12 Stunden geschlafen habe ich und jede Sekunde davon gebraucht. Einen etwas steifen Hals habe ich mir geholt, aber noch harmlos.
Oberhalb meines Quartiers ist ein Marktplatz oder Verkehrsknotenpunkt. In Yars Cafe habe ich eine fantastische Aussicht auf das Geschehen. Bestelle Tegabino (schade, dass ich die amharischen Buchstaben hier nicht eingetippt bekomme) und bin gespannt, was das ist. Glück ist mir hold, wieder ist es ein dampfendes Töpfchen mit der Shiro Spezialität sowie dem schwammartigen Sauerbrot.
Etwas kurzatmig bin ich hier, schiebs auf die Höhenluft. Gehe hinauf nach Entoto in die wunderbare Berglandschaft, wo Menlik II. 1881 zuerst Quartier genommen hat, worauf es den Hof aber mehr zu den warmen Quellen im Tal zog.
Bin schon wieder auf dem Rückweg, als mich ein alter Mann auf die Kirche hinweist, die ich nicht verpassen solle, also zum dritten mal an einem kaputten Auto vorbei. Ein Mann mit Ketten an den zitternden Händen spricht mich in einwandfreiem Deutsch an, es ist Josef, er hat in Berlin studiert, ist dort aber geisteskrank geworden, er wollte sich umbringen, aber die Medikamente haben ihm geholfen, er nimmt sie immer noch. Er prügelt sich gern, deshalb hat er die Ketten.
Gehen hoch zur Kirche von Entoto "Kidane Mheret", wunderbare bunte Opferschirme, die muss ich als Geschenke an die meinen mit zurückbringen. Will ihn zum Essen einladen, aber er belässt es bei einer Cola.
Auf dem Rückweg nimmt mich der nette ältere Herr im Auto über Piazza bis zum Revolutionsdenkmal. Dass ich einem Betrüger 30 Birr für Eintritt und Fotografiererlaubnis gebe, ist bestimmt nicht korrekt. Die Erinnerungsstätten für die kubanischen Gefallenen sind vollgeschissen. Immerhin dient die Freifläche einem guten Zwecke als Fußballplatz.
Ein zweiter Josef mit vernarbter Nase tut so, als verstände er nicht mein "I don't want to hurt your feelings, but I rather would be for myself." und setzt sich mit mir bei einem steinernen Löwen von Judäa am Nationaltheater an den Kaffeetisch. Es war aber auch gelogen, würde seine Gefühle sehr gern verletzen, wenn ich ihm dadurch loswerden könnte. Kleien rotäugige Spatzen springen um uns herum, aber sie entfliehen, als ich sie zu fotografieren suche.
Mühsam werde ich den Mann schließlich doch los, in Bahnhofsnähe muss ich jemanden recht böse anfahren: "Don't touch me!"
Fasting firfir gibts nicht, also zum dritten mal Tegabino. Wieder so einen Kaffee: "Schwarz wie der Teufel, heiß wie die Hölle, rein wie ein Engel, süß wie Liebe"
Unwillkommene Begleitung habe ich schnell wieder, ein Student, der immerhin Fußball spielt, aber leider um 6 Uhr morgens, und so ein fanatischer Spieler ich auch bin, dass ich hier um 4.30 Uhr aufstehe um zu kicken, nein, dafür langt es bei mir nicht.
Erfahre von einem Angestellten zum einen den Namen meines Quartiers: WSG Guesthouse, und auch noch, wofür WSG steht: "Win Souls for God" Meine Seele haben sie jedenfalls spätestens seitdem mir die am Hals tätowierte Dame das hübsche Zimmer No. 3 zugeschanzt hat, direkt gegenüber der Küche mit Fenster zum Hof anstatt des mysteriösen Oberlichtes.
Das wichtigste Vorhaben für heute, die Pressearbeit für die Magazine wegen unseres Jurek-Becker-Abends habe ich auf morgen verschoben. Immerhin bereite ich Pressetext, Email und Fotos vor. Das Ganze liegt mir etwas quer im Magen.
Dabei im Gemeinschaftsraum wieder äthiopisches Fernsehen, der erste Dreamliner von Boeing geht nach Äthiopien, unfassbar hässliche Europäer dürfen beim Jungfernflug mitfliegen.


Sonntag, 19. VIII. 12, sonnig:
Äthiopien, Addis Abeba, Pension WSG Guesthouse, King George VI. Street: Darf mich nicht beklagen, einen herrlichen Sonnentag in den Bergen bekam ich heute geschenkt.
Abends durchsuche ich meine eigenen Texte, ob ich über Rimbaud in Äthiopien nicht schon einmal gearbeitet habe. Und tatsächlich, ich habe sogar ein Gedicht darüber geschrieben, und wer möchte mich daran hindern, es hier zu zitieren? Also!
H&W 1. VIII. 10
Der Tod von Abdu Rimbou

Die Karawane war eine Katastrophe.
6000 Zündnadelgewehre und
100.000 Schuss zum Hof des äthiopischen Königs,
die alten Knarren billig in Lüttich gekauft,
aber schon in im afrikanischen Tadjourah musste
Rimbaud fast ein Jahr warten, bis er starten konnte.

Sein Compagnon starb und nach einem halben Jahr Ritt war er da, aber nicht der König, stattdessen verlangten die Gläubiger seines Partners von ihm seine Schulden zurück.
Als er den König trifft, sind dem die Gewehre zu alt. Auf der Rückreise schmerzen Rimbaud Arme & Beine.
Kaffee, Waffen, Sklaven, Häute, Elfenbein, Seide, Baumwolle, Gummi, Gewürze.
Wieder in Aden, dem "roc affreux", dem fürchterlichen Fels ohne Grün, Grashalm oder Wasser mit Temperaturen zum Wahnsinnigwerden und völliger Ereignislosigkeit (A!), keine Zeitungen, keine Bibliotheken. Alles ist irrsinnig teuer und die Europäer verblödet.
Auch die junge Abessinierin, die er sich aus Afrika mitgebracht hat, tröstet ihn wenig.
Paul Verlaine, erst 2 Jahre im Gefängnis wegen seines Pistolenschusses auf ihn, dann brachte er die "Illuminations" heraus mit dem Zusatz: "des verstorbenen Dichters Arthur Rimbaud", doch da hatte Rimbaud noch 5 Jahre zu leben.
Hammerschläge im rechten Bein, als ob von der Seite ein Nagel eingeschlagen würde. Er bestellt bei seiner Mutter einen Krampfaderstrumpf Größe 41.
April 1891 mit dem Dampfer aus Harar nach Marseille, wo ihm das rechte Bein amputiert wird.
Im Krankenhaus Mariä Empfängnis weit und schreit er im Delirium. Stirbt am 10. November 1891 mit 37 Jahren.
Wobei es nicht richtig fertig geworden zu sein scheint, es läuft in teils unverständlicher Prosa aus. Und die "Fakten" stimmen vorn und hinten nicht, von Harar kann er mangels Meer und Hafen unmöglich mit dem Dampfer gefahren sein.
Als ich dann in meinen sonstigen Aufzeichnungen vom August 2010 stöbere, bin ich hauptsächlich abgestoßen.
Lieber nach vorn schauen und weiter: .... ich reise derzeit durch Äthiopien auf den Spuren von Artur Rimbaud, der hier Abdu Rimbou hieß. Gestern war ich im alten Kaiserpalast auf dem Entoto, wo Rimbaud den äthiopischen Kaiser Menelik II. traf, um ihm 6000 Zündnadelgewehre und 100.000 Schuss Munition zu verkaufen, die er billig in Lüttich erworben hatte. Aber Menelik war nicht so leicht übers Ohr zu hauen und für Rimbaud wurde das Unternehmen zur großen Katastrophe.
Dieser Tage will ich nach Harar reisen, wo Rimbaud von 1880 an über 10 Jahre als Waffenhändler lebte.
Nach 9 ans Adressieren meiner Postkarten, 40 Stück habe ich gekauft, wäre schade, einen solches Land zu besuchen, ohne sich auf diese günstige Art in Erinnerung zu bringen.
Habe nach dem Adressieren von 40 und Ausfüllen von 18 Karten eine Druckstelle am rechten Daumen und gönne mir erstmal Pause bis morgen.
Aber da habe ich die Rechnung ohne mich Wirt gemacht, kurz nach Mitternacht habe ich alle Karten fertig. Da es niemand sonst sagt: Fein gemacht! Fleißig gewesen! Jetzt darfst Du ruhig ins Bett.


Montag, 20. VIII. 12, sonnig:
Äthiopien, Addis Abeba, Pension WSG Guesthouse, schräg gegenüber der amerikanischen Botschaft: Angesichts der Tatsache, dass niemand hier die Straßennamen benutzt oder kennt ist es relativer Schwachsinn, ihn zu benutzen, wer soll das jemals lokalisieren?
T: Kirsten hat eine Ausstellung in einer Kleinstadt, in der ich noch eine möblierte Wohnung habe, Klauflügelweg. Es ist vereinbart, dass wir dort mit ihrem ganzen mitreisenden Freundeskreis einfallen. Schleppen Bierkästen und Flaschen, Constanze erzählt, dass sie bei solchen Gelegenheiten auch gern sexuelle Abenteuer erlebe. Als ich im Treppenhaus bin kommen mir Zweifel, ob die Wohnung noch frei ist, nachdem ich über Jahr keine Miete mehr gezahlt habe. Es stehen zwei andere Namen an der Tür und fremde Stimmen dringen heraus, wir müssen woanders hin. In einer Kneipe erkenne ich eine Bekannte, überlege, wie gut es wäre, jetzt in meinem Computer nachsehen zu können, einfache unter Biberach suchen und dann sehen wie sie heißt. Spreche sie an und sie erinnert sich auch, erzähle ihr das mit dem Computer. Steffen erscheint mit seiner transportablen Ausstellung. Überlege mit Constanze, ob es schön wäre, an dieser Ecke eine Fabrikhalle zu besitzen.

Gestern schlecht eingeschlafen, von schwerer geistiger Arbeit bis nach Mitternacht ist abzuraten. Dafür sitze ich schon halb 10 am Frühstückstisch vom YARS Cafe & Restaurant. 44 Birr, also 2 Euro für Kaffee, Omelett und einen halben Liter Wasser, die Grundlage für eine meiner berühmten Stadtwanderungen ist gelegt.
Völlig unklar ist mir, wie ich mit den hiesigen Bettlern umgehen sollte, immer einen Birr geben? Damit wäre ich pro Tag 100 Birr zusätzlich los, das sind 5 Euro. Aber warum? Damit es noch selbstverständlicher wird, dass alle Europäer Geld geben? Damit sie noch rummeckern, weil es zu wenig ist?
"Hallo, money!" oder "Give me money!" einfach so, manchmal nur, weil ich die Straße fotografiere oder simpel weil ich existiere.
Von Entoto über Piazza zu einem Postamt in Arada, statt wie erwartet 800 zahle ich für die 40 Postkarten nur 200 Birr, die Karte kostet also 25 Cent Porto. In der DDR waren es 5 Pfennig fürs Inland. Für 150 Birr, also 7,50 Euro kaufe ich zehn Fahrradsattel- respektive Arschschoner, diesmal muss mir um einen Mangel an Mitbringseln nicht bange sein, erst recht, wenn ich noch zehn dieser bunten Jesus-Schirme kaufe.
Von Adis Ketema zum Mercato.
Das erste mal Scheißen seit zwei Tagen, Abenteuer im Hinterhof eines Markt-Cafés und mein erstes Stück Kuchen in Äthiopien. Während das Wabbelbrot samt allen Soßen und Fleischtunken mit der Hand gegessen wird, bekomme ich den Kuchen mit Messer und Gabel serviert.
Den nächsten Rast muss ich wegen akuter Dehydrierung gegen halb 2 einlegen, bin nun gegenüber dem Busbahnhof. Leider gerate ich an eine Kellnerein, die kein Wort von meinen Bestellungen versteht, statt Tee bekomme ich Kaffee, oder ist es doch Tee? Eiskaltes "Orange Flavored Mineral Water":
"Ambo & is a Naturally Sparkling Flavoured Water and is produced using state of the art reverse osmosis and uv technology."
Nun ist mein Plan, mich Richtung Süden die Dejazmach Mekonin Demisew Straße bis zur Smuts durchzuschlagen um vielleicht sogar das Stadtmuseum am Masqal Platz zu erreichen.
Ziehe eine Schneise der Enttäuschung durch die Stadt, aber ich will kein Geld geben.
Als ich in besagte Smuts Straße einbiege spuckt eine Kirche eine Million Frauen mit Schirmen aus.
Nach 3 suche ich hinterm Mexiko Platz im El-Shalom Cafe Schutz vor dem Sonnenstich, der mich ansonsten gleich niederstrecken wird.
"Was heißt Shalom? Friede. Und El Shalom? Elfriede."
Circa 10 Kilometer heute gelaufen muss mir dringend so ein Zählgerät zulegen.
Eher zufällig, weil noch nicht im Reiseführer verzeichnet, gerate ich in das "Red Terror" Martyrs Memorial Museum, eine halbe Million Unschuldiger wurden ermordet. Tief beeindruckt, nein, schockiert sehe ich die Dokumentation der Foltermethoden und Massengräber einschließlich der Regale mit Schädeln und Knochen. Wieso wusste ich nichts davon? Ich weiß doch von Mao, von Pol Pot in Kambodscha, von Stalins Massenmorden, ich wusste von der kubanischen Militärhilfe und der Freundschaft zwischen der DDR und der Sozialistischen Volksrepublik Äthiopien.
Ein beeindruckender Mann erklärt mir einiges, acht Jahre war er im Gefängnis, sie haben ihm seine Jugend gestohlen. Ob er gefoltert wurde? "Natürlich!"
Fasting Firfir, leckere Pampe in Injera eingeschlagen.
Komme in einem komfortablen Bus zu sitzen, aber irgendwann, mutmaßlich an Amist Kilo, biegt er rechts ab, irre wohl durch die Amedia Straße, jedenfalls bin ich östlich meiner Achse, ein Taxifahrer will 100 Birr für den Katzensprung zur amerikanischen Botschaft, laufe die Russia Street falsch Richtung Osten, bis mich ein hilfsbereiter Mann in die korrekte Richtung weist, ich war schon 20 Meter vor Sidist Kilo! Dann für einen statt für 100 Euro im Matatu bis zu meinem Quartier.
Fühle mich inzwischen einigermaßen heimisch.
Tippe etwas vor BBC World News.
Tony Scott ist von einer Brücke in Los Angeles in den Tod gesprungen, angeblich ein Hirntumor, die gerechte Strafe für seinen unsäglichen Film "Top Gun"? Dafür ist dieser hundertjährige englische Königinnen-Gemahl mit desinfizierter Blase wieder aus dem Krankenhaus heraus.
Würde halb 9 gern vor der Glotze absumpfen, aber zum Skypen muss ich nochmal ins Internet-Café.
Um so unerfreulicher, dass ich durch den Regen runter laufe, meinen Rechner vergeblich einstöpsel, nach einiger Suche nach einem funktionierenden Mikrofon und Einschalten des Skype-Programms sowie Einloggen sehen muss, dass meine Damen gar nicht online sind. Stapfe also wieder hinauf. Was ist eigentlich für alle Welt so schwierig daran, Verabredungen einzuhalten?
Bekomme zum Trost einen Husten- und Bronchialtee aus Spitzwegerichkraut, Süßholzwurzel, bitterem Fenchel, Thymian, Eibischblättern und Isländischem Moos ausgegeben, den deutsche Reisende hier gelassen haben
Sortiere bis gegen 11 die heutigen Fotos, bin glücklich über den Tag.


Dienstag, 21. VIII. 12, regnerisch:
Addis, Restaurant Bogale Belete Belayneh, südlich der Russia Street: Das Singen mit den äthiopischen Musikern holt mich wieder hinauf. Danach laufe ich, die letzte Sonne genießend die Straße hinunter, die ich gestern versehentlich entlang gelaufen bin.
Tee? Haben sie nicht, nur traditionellen Kaffee. Also bitte einen Kaffee! Haben sie nicht, nur Tee. Also einen Tee.
Eine Stunde habe ich mir vorgenommen, an einer neuen Chronik zu arbeiten, aber eine halbe reicht auch.
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