10
Dez
2014

Peter Hennig (1. 9. 1934 Prenzlau - 27. 11. 2014 Ludwigsfelde)

"Halb so wild"
(c) Falko Hennig

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Die Trauerfeier findet am 17. Dezember 2014, 13 Uhr auf dem Waldfriedhof Ludwigsfelde (Thyrower Weg 3) statt.


Happy End, so sollte ich es sehn, nach seinem im großen Kreis begangenen 80. Geburtstag ist er ungefähr so gestorben, wie er es wollte. "Alles halb so wild!", sagte er immer und meistens hatte er recht. "Halb so wild!", so versuche ich auch jetzt meinen Kummer zu mildern.
Er war zu Hause im Weißen Rößl, im Sanssouci, genannt Schuppen, im Alten Krug, im Preußen Grill, in der Petersilie, im Landlord, im U-Boot, im All In, in unzähligen anderen Kneipen, überall, wo kühles Bier serviert wurde, fühlte er sich wohl. Dort erzählte er über Handball, Geschichte, Fußball, Witze, Anekdoten, knüpfte Kontakte, organisierte Spiele und Turniere, trank Bier und fast nie Schnaps. Aggressiv hat ihn dann niemand erlebt, höchstens etwas unsachlich konnte er werden.
"Halb so wild!" Es waren die richtigen Worte für verzweifelte Kinder, es ist alles gar nicht so schlimm, wir kriegen das hin! Keine Sorge! Problemlos konnte er sich in die Kinderpsyche versetzen, wovon nicht nur ich als Sohn profitierte, sondern auch meine Schwester Antje, er war uns ein guter Vater. Seiner Tochter Claudia kam er erst recht spät näher, aber auch zu ihr entwickelte sich eine Freundschaft und regelmäßiger Kontakt.
Peter Karl Georg Hennig, so war sein vollständiger Name, als Peter Hennig kennen wir ihn alle. Für seine Kinder war er Papa, in seiner Jugend hatte er den Spitznamen Waldemar.
Er fiel auf im Straßenverkehr, durch seine Motorroller Pitty und Troll und durch sein exzentrisches Goggomobil, ein Auto, das noch viel kleiner war, als ein Trabant. Er fiel auch durch seine Fahrweise auf, immer heulten seine Motoren etwas sehr laut und welchen Gang er gerade drin hatte, war ihm selten klar.
Aufgewachsen in den Dörfern Bertikow und Dauer in der Uckermark erlebte er Hitlerjugend, Krieg und Flucht als Junge und als Jugendlicher den kalten Krieg. In seinem Leben war er Zeitzeuge vom Mauerbau, von den 60er, 70er und 80er Jahren in der DDR, schließlich von Mauerfall und der Einheit Deutschlands. Er gründete unter anderem den Ludwigsfelder Handball-Verein und die Ludwigsfelder SPD.
Anfang der 50er Jahre war er mit seinen Eltern und vier Brüdern in die brandenburgische Industriestadt gekommen. Er studierte Pädagogik für Sport und Geografie. Trotz nie ganz verschwindenden Heimwehs an das Land seiner Kindheit, die Uckermark, war er Ludwigsfelder Urgestein, Ludwigsfelde war seine Heimatstadt, die er nie länger verlassen wollte.
"Prenzlau grüßt den Prenzlauer Berg!", so rief er im Chor, als er mit anderen Prenzlauern das erste mal nach Berlin kam. Mit dem Fahrrad über die leere Autobahn fuhr er oft in die zerstörte Hauptstadt, die für ihn dann als Randberliner zur erweiterten Heimat gehörte.
1958 hat er den Ludwigsfelder Handball Verein gegründet und damit den Handball nach Ludwigsfelde gebracht, den er vom Studium kannte. Seine manipulative Seite, natürlich immer für den guten Zweck, zum Beispiel für den Erfolg seiner Mannschaft, zeigte sich bald im Auftauchen eines mysteriösen Mediziners.
"Dr. Vogt, Kleinmachnow", mit diesem Stempel wurden viele Jahre lang in den Ausweisen der Handballer die erforderlichen ärztlichen Untersuchungen bestätigt. Bis einmal jemand diesen Dr. Vogt sprechen wollte und sich herausstellte, dass der gar nicht existierte.
Seine Schützlinge erinnern sich auch an das von ihm angeleitete emsige Frisieren der Dokumente im Bus auf dem Weg zu verschiedenen Turnieren, wo Kontrollen anstanden. Wenn bei manchen Spielern zu wenig Beitragsmarken in den Ausweisen klebten, wurden aus anderen überzählige abgelöst und umgeklebt.
Nicht nur Ludwigsfelde verdankt ihm den Handball, gleiches gilt für viele Dörfer der Umgebung wie zum Beispiel Ahrensdorf und Schenkenhorst. Solange hier Handball gespielt wird, so lange wirkt Peter hier nach.
Als Spieler auf dem Großfeld war er konditionell stark, vielleicht etwas wurfschwach, er war ein guter Aufbauspieler und Läufer, der das Spiel einfallsreich gestaltete und leitete. Günter Möbius, der mit ihm bei der BSG Lok Wünsdorf spielte, benutzt das Wort "Spielwitz", um zu beschreiben wie Peter nicht als Einzel- sondern als Mannschaftsspieler mit großem Kampfgeist die Führung übernahm. Seine größten Erfolge als Spieler auf dem Großfeld hatte er um 1960 an den Erfolgen von Wünsdorf in der DDR-Liga seinen Anteil.
Wegen seiner vielen Projekte, ob nun sportlich oder journalistisch, empfand man ihn als "Hans Dampf in allen Gassen", er potenzierte sein Wirken als Sportmanager durch seine Spielberichterstattung für "Den Handball" und die Märkische Volksstimme, später schrieb er auch ungezählte Artikel in der Märkischen Allgemeinen. Er war ein großer freuberuflicher Sportjournalist nicht nur auf lokaler, sondern auch auf Bezirks- und Landesebene. So hat er den Handball zusätzlich popularisiert.
Seine unbestrittene Stärke im Handball war die Organisation, er war der große Logistiker im Hintergrund. Er war ein Manager, der Gott und alle Welt kannte, die Einladung des Armeesportklubs in Prag für Lok Wünstdorf war genauso sein Verdienst wie die Fahrt mit Motor Ludwigsfelde nach Ungarn.
In der Planung auch riskanter "Dinger" war er regelrecht genial, so gab es in Prag ohne Erlaubnis der Sporfunktionäre Spiele gegen westdeutsche Mannschaften. Seine Begabung zur Freundschaft überwand die Grenzen zwischen der DDR, Polen, der ČSSR, zu Ungarn und sogar die zum Klassenfeind.
Er war Lehrer für Astronomie, Erdkunde und Sport und nach einhelligem Urteil ein sehr guter. Warum? Womöglich wurde seine natürliche Begabung durch seinen Vater, der schon Lehrer war, gefördert.
Bei dem Unterricht von "Herrn Hennig" kamen seine Passionen ins Spiel und anstatt in Astronomie mit Megapascal und Gravitationsgesetzen zu langweilen, erzählte er in den Stunden die Science Fiction nach, die er gelesen hatte. Zu seinen "Utopen", wie die Gattung nannte, gehörten Kurd Lasswitz, die Strugatzki-Brüder und Stanislaw Lem. Ein Schwarzes Loch konnte er so anschaulich beschreiben, dass es alle verstanden. "Stellt Euch vor, die Schwerkraft ist so stark, dass Ihr den Arm nicht mehr heben könnt. Und dann stellt Euch vor, die Schwerkraft ist so stark, dass sie alles Licht anzieht." Die Schüler nahmen das astronomische Wissen mit den Weltraumabenteuern nebenbei und um so effektiver auf. Das Schulteleskop der Oberschule IV baute er nachts auf dem Sportplatz auf und Saturn und Venus mit ihren Monden erschienen vor neugierigen Kinderaugen. Uns Kindern malte er Science Fiction Comics, in denen lustige Außerirdische und Kosmonauten Abenteuer erlebten.
Geradlinig verlief weder sein Berufs- noch sein Privatleben, immer wieder machte er sich und seinen Nächsten Ärger. So, als er 1967 als junger Berufsschullehrer zu viel Solidarität mit einem Schüler zeigte und es wagte, das harte Vorgehen der sozialistischen Volkspolizei gegen seinen Schützling mit der Praxis der Westberliner Polizei gegen FDJ-Demonstranten zu vergleichen. Es war kein Tauwetter, sondern kältester Krieg auch im Inland und so wurde er für diese Unverschämtheiten zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Kurz nach seiner Hochzeit, für ihn geschah es aus heiterem Himmel.
Traumatisch blieb ihm diese Strafaktion für ihn sein ganzes weiteres Leben, auch wenn er im Gefängnis als Bibliothekar und mit Dia-Vorträgen manchen seiner Leidenschaften treu bleiben konnte.
Richtig lange war auch danach seine Lehrerkarriere nicht ungestört. Denn in der DDR spielten politische Witze eine große Rolle, aber als Lehrer in der Schule sollte man, besonders seinen Schülern, keine erzählen. Peter tat es und ob die Schülerin, die ihn beim Direktor der Oberschule IV denunzierte ihn verstanden hat oder nicht, ist offen.
Ich finde es durchaus bemerkenswert, dass exakt derselbe politische Witz auch heute noch einem Lehrer den Job kosten könnte, wenn genug böswillige Vorgesetzte und Schüler beisammen sind.
Die Anzeige führte zur fristlosen Kündigung, anstatt Lehrer war Peter nun mit 50 Jahren auf der Straße, aber dort blieb in der DDR niemand.
Im Autowerk in Schichtarbeit am Band verdiente er besser als jemals als Lehrer und doch war er froh, bei Königs Wusterhausen nach einiger Zeit an der HO-Berufsschule wieder in seinen pädagogischen Beruf zurückzukehren.
In meinem ersten autobiografischen Roman habe ich ihm unrecht getan. Ich schrieb, er habe alles gestohlen, was nicht niet- und nagelfest gewesen sei. Das war aus künstlerischen Gründen stark übertrieben und Peter selber war eher der Ansicht, dass er die Sachen, die er sich als Sammler aneignete, damit vor der Vernichtung bewahrte.
So war es jedenfalls mit den alten Zeitungen. Wir rissen, circa 1987, die Laube vom "Waldfrieden" in Struveshof ab und es fanden sich darin der Nachlass von Schwanke und gigantische Mengen alter Zeitungen aus den 30er Jahren. Er trocknete sie sorgfältig in der Garage in der Rathenaustraße. Sie waren für ihn kein Altpapier, sondern historische Dokumente, die bewahrt werden müssten.
Auch eine Pistole (oder was wars????) fand er da, die er bei der Polizei ablieferte. Vielleicht hätte er sie zu Hause aufbewahrt, wenn nicht so viele Zeugen beim Fund dabei gewesen wären.
Er konnte mich immer noch überraschen, als ich für meinen Trabant nach der Wende Zündkabel brauchte, gingen wir zusammen zu einem Ludwigsfelder Schrotthändler, der auch richtig einen alten Trabant auf seinem Gelände stehen hatte.
"Wir kucken nur mal!", sagte mein Vater, öffnete die Motorhaube und riss die Kabel heraus und stopfte sie sich unter die Jacke. "Wir haben leider nichts gefunden!", so verabschiedete er sich und so verließen wir den armen Altautohändler.
Jemand sagte mal "Die Maler auf der Karlsbrücke in Prag malen so, wie Peter fotografiert." Was stimmt: Seine Bilder waren unorthodox. Nicht richtig scharf und voller Fusseln, aber sehen wir sie uns heute an, dann zeigen sie mehr Leben als die meisten anderen Fotos aus dieser Zeit. Er fotografierte, was er liebte und in seinem Herzen war viel Platz für Frauen, für Kinder, Autos, Motorräder und -roller, für Häuser, Landschaften, Familie, historische Häuser, Straßen und alte Fassaden.
Nach 1989 war es die turbulente und letztlich glückliche Beziehung zu Anja Koster, die seine zweite Ehefrau wurde, die ihn an die Nordsee, nach Wyk auf die Insel Föhr führte, die ihm, nach der Uckermark und Ludwigsfelde, die dritte Heimat wurde. Der große Altersunterschied zwischen ihm und seiner jungen Frau war für das Paar kein Problem, bei ihrer Krankheit stand er ihr zur Seite und bei ihm starb sie viel zu früh.
Bis zu seinem 70. Lebensjahr spielte er Fußball, als es körperlich nicht mehr ging, leistete er seinen Sportfreunden noch zum geselligen Beisammensein danach Gesellschaft. Das war seine lebenslange Überzeugung, das beste am Fußball sei das Biertrinken danach und zur Not, so zeigte er mit seinem Vorbild, konnte man den Fußball auch weglassen.
Nach fast 60 Jahren als aktiver Handballer und Fußballer, musste er sich in seinem letzten Jahrzehnt mit der Rolle des Zuschauers begnügen. Auch andere Passionen traten in den Hintergrund: das Fotografieren, die Frauen, abenteuerliche Reisen. Dem Handball und seiner Entwicklung aber blieb er als Publizist treu, erforschte die Geschichte dieses Sports und publizierte viele Zeitungsartikel dazu.
Nach der Scheidung von meiner Mutter Margot tat Peter lange so, als sei nichts geschehen, traf seine Ex-Frau eigentlich jeden Tag und würde das wohl noch immer so machen, wenn er nur könnte.
Hier schon zeigte sich eine Dickköpfigkeit, die sich wenig an der Wirklichkeit störte. Im Alter verstärke sie sich und keiner, der viel mit ihm zu tun hatte, konnte glauben, dass er nicht verstand, was man ihm sagte, dazu war es zu selektiv. Seine Schwerhörigkeit war teils psychisch und für ihn hilfreich: Was er nicht hören wollte, das hörte er auch nicht. Nicht, dass er seine Lebensführung umstellen und Diät halten müsste, dass er nicht mehr Auto fahren könne, dass er mehr Pflege und Hilfe zulassen müsse. Er hörte es nicht, schaute irgendwo hin und lebte letztlich weiter, wie bisher.
Man kann ihn als Vorbild sehen, hat er nicht durch seine Dickköpfigkeit durchgesetzt, zu Hause bleiben zu können, um unbehelligt seinen Alltag so zu leben, wie er es wollte? Um seine Aktionen als Erfolg zu sehen, müsste man aber so viel Wirklichkeit ausblenden wie er selber. Alle anderen konnten nicht übersehen, dass bei ihm phasenweise gefährlicher Pflegenotstand herrschte. "Beratungsresistenter Alt-Pädagoge", so nannte ihn Banana, für mich war er in den letzten Jahren häufig der "Renitentner".
Er las gern, es war eine seiner größten Leidenschaften, nicht nur im Zeitungslesesaal der Staatsbibliothek in Berlin Unter den Linden, wo ich ihn genauso häufig antraf wie am Westhafen, wo der Lesesaal seit 1997 untergebracht ist. Er war auch im Landeshauptarchiv in Potsdam zu finden oder in den Kirchen der Umgebung und der Uckermark, um antike Urkunden, Kirchenbücher und Gerichtsakten durchzusehen, abzuschreiben und daraus Artikel zu extrahieren.
Er war immer entspannt, um das Wort nachlässig zu vermeiden, so zum Beispiel in den letzten Jahren mit seiner äußeren Erscheinung und der Quellenlage seiner Artikel.
Er war bei seinen Recherchen zum Schluss nicht immer ein Vorbild journalistischer Sorgfalt. Für viele Zeitungen schrieb er Kolumnen über das Geschehen vor 100 Jahren, ich tat dasselbe für eine Berliner Zeitung. So traf ich ihn oft in diesem Zeitungslesesaal, wo die alten Zeitungen noch etwas besser sortiert waren, als bei ihm zu Hause. Wir konnten uns dann austauschen über die neuesten Nachrichten von vor 100 Jahren: "Hast Du das vom Untergang der "Elbe" gelesen?" Meist aßen wir im Hafen-Casino und vor einem Jahr fuhr ich ihn zum letzten mal dorthin.
Schließlich schrieb er einfach irgendwas aus irgendeiner Zeitung auf und behauptete, es wäre in Siethen geschehen:
"Da lebt ja sowieso keiner mehr von damals!" war seine Begründung.
Er war in seiner Jugend nicht bequem und er wurde es auch nicht im Alter. So wie er sich über Zustände in der DDR beklagte tat er das auch über die Justiz unserer Zeit, die seiner Meinung nach seinen Freund Heinrich Scholl ohne Beweise ins Gefängnis gebracht hätte.
Mit seiner Dickköpfigkeit, er selber bezeichnete es als Altersstarrsinn, entließ er sich ungezählte male gegen dringenden ärztlichen Rat aus verschiedenen Krankenhäusern um das "All In" gegenüber seiner Wohnung anzusteugern, entwich sogar aus dem Pflegeheim und erzwang so, dass er weiter in seiner Wohnung bleiben konnte. Er verweigerte die Herzschrittmacher-Operation, die ihm wohl noch etliche Lebensjahre geschenkt hätte, genauso wie eine Änderung seiner Ernährung, bei der das flüssige Brot eine größere Rolle spielte als die Weltgesundheitsorganisation als unbedenklich empfiehlt.
Genau deshalb stimme ich ihm zu, "Halb so wild!", ja sogar sein Happy End hat er der Welt abgetrotzt. Kein Krankenhaus mehr, keine Jahre im Pflegeheim, seinen 80. Geburtstag noch in großer Gartenparty bei Banana in der Rathenau-Straße begangen, um bis zum Schluss seinen Leidenschaften nachzugehen: Schreiben, Fernsehen, Literatur, Geschichte, Sport.
So lebte er bis zum Schluss, hielt telefonisch Kontakt trotz seiner Schwerhörigkeit, arbeitete an stadtgeschichtlichen Artikeln und an seinen Memoiren, die nun ich zu Ende schreiben werde. Für dieses Buch möchte ich Euch bitten, mir Geschichten von ihm zu erzählen, die verrücktesten, lustigsten, typischsten von ihm. Meine Telefonnummer und Adresse stehen am Ende dieses Textes.
Noch drei Wochen vor seinem Tod schleppte er sich mit Rollator auf die Straße und trampte zur Sporthalle, um das Punktspiel seiner Ludwigsfelder Mannschaft zu sehen. Am Samstag nach seinem persönlichen Abpfiff im Krankenhaus Ludwigsfelde ehrten ihn Publikum und die Mannschaften mit einer Schweigeminute. Ludwigsfelde spielte gegen die Spielgemeinschaft Schöneberg-Friedenau und gewann 26:18 und schade ist es, dass Peter nicht Nico Wiedes Abschlusstreffer sehen konnte, der aus über 10 Metern aus dem Stand einfach mal halbhoch erfolgreich abzog.
In der Fähigkeit, wegzuhören, hat er es zu großer Meisterschaft gebracht. Sicher war er schwerhörig, aber besonders schwer hörte er, wenn es unangenehme Mitteilungen gab. Das konnten Ratschläge der Ärzte sein oder Ermahnungen von Freunden und Verwandten. Für ihn funktionierte es, nur zu hören, was er wollte. Er hatte schon früh die Fähigkeit entwickelt, sich aus der Realität in die absonderlichsten Welten zu verabschieden, ob auf andere Planeten, Galaxien, ob in die Zukunft oder in die umgekehrte Richtung, in die Vergangenheit.
Sportfreund, Papa, Peter, wir wünschen Dir eine gute Reise und sind froh über die gemeinsame Zeit. Ich bin sicher, dass es sehr im Sinne meines Vaters ist, wenn ihr ein oder auch zwei Bier auf ihn trinkt.

1
Nov
2014

Festivaltagebuch DOK Leipzig 2014

Montag, 27. X. 14, sonnig:
Schreibtisch: Kopiere schon Bilder vor fürs Sortieren, E-Post durchsehen, der Tag rollt sich von hinten auf, 13.30 müssen wir die Sachen ins Auto packen, damit wir 14 Uhr los können.
Postamt, für über 100 Euro kaufe ich Briefmarken, ich Dinosaurier. Copy Clara, Ralf Liersch, fünf Exemplare "Mauer" hinterlassen.
Fast pünktlich 10 Uhr Frühstück, 11 bis 12 gemeinsames Sortieren zu "Lost in the Stars, The Music of Kurt Weill". "Black Music" leider nur so weichgespültes Zeug, auch das Cover stimmt nicht, ein Fehlkauf.
Packen, Zimmer für Gianpaolo entmüllen und Aufbruch nach Leipzig.
Fahrt Berlin - Leipzig: Deprimierende Fahrt im Gelee des Staus von Seestraße bis Spandauer Damm.


Dienstag, 28. X. 14, sonnig:
Leipzig, Wintergarten Passage: Deutsche Premiere "The Agreement" ...
CineStar 5: "Lost Highway" etwas ziellos, aber nett. Im Nichts der kannadischen Provinz, auch dort mühen sich nette Menschen.
CineStar 8: Vor dem Kino bittet uns eine 80jährige Dame um Entfernung einer toten Meise aus ihrem Fahrradkorb. Ella trägt das Tier mit Abfallpapier zum nächsten Papierkorb.
CineStar 5: Nach einem würdevollem Mittagsmahl, Triagloni mit Champignons und Tomatensalat in der Windmühlenstraße, sitzen Ella und ich erwartungsvoll vor "National Diploma" (Examen d'Etat", DR Kongo/F 2014), großartige Geschichte in einem packenden Film über mein geliebtes Afrika. Zauberer, Priester und Spione werden von den Schülern bemüht, um ihnen durch die Prüfung zu helfen. Nur partielles Happy End mit viel Puder.
Passage Wintergarten: "Elf Jahre alt" (DDR 1966) als erster Film von Hans-Eberhard Leupold, gleichzeitig der erste zu den "Kindern von Golzow".
"Paul Dessau, Studie über die aufbauende Unzufriedenheit eines Komponisten" (DDR 1966), "Ich komme aus dem Tal" (DDR 1973) vom Charme und der Spannung eines ungeschnittenen Urlaubsvideos. Ja, der Mann war Kameramann, wenn auch kein auffällig guter. Wenn das seine gelungeneren Filme waren, Gnade uns vor den schlechten.
Es geht um einen neunmalklugen georgischen Jungen, von dem man sich schnell wünscht, sie hätten ihn anstatt Laika ins All geschossen.
CineStar 8: Zum Abschluss dieses gelungenen Kinotages Weltpremiere von "T's World: The overidentification of Terry Thompson" im größten Kino heute, gute Projektion wird uns gewünscht. Der Film ist Kunstscheiße, die Welt sollte ihn ignorieren und um Gottes Willen nicht ansehen. Wirre Mischung aus Vorschulfilm, misslungenen Animationen und schlechtem Computerspiel, da müssen wir durch. Tröstlich ist es, mir bei diesem grauenhaften Machwerk vorzustellen, wie der Filmemacher und diejenigen, die ihn uns zumuten, gesteinigt werden. Auf Durchzug schalten könnte auch helfen.
"Killing Time" eine Schwarzer aus einer ziemlich debil wirkenden Familie wird hingerichtet, alle gehen sehr routiniert damit um.
Leipzig, Café Luise, Bosestr. 4: Nach halb 8 zum ersten mal in Sachsen den Rechner an, um mich der Pressearbeit für den Wolfgang-Neuss-Abend zu widmen. Tue mich etwas schwer, auch mit dem Pressebild, aber gegen 9 kann ich dann doch ans Verschicken gehen.
Eigentlich wollte ich danach noch meine Aufzeichnungen vom heutigen ersten Festivaltag komplettieren und in die Ewigkeit tippen, aber stattdessen labe ich mich lieber an einer Sellerie-Erdnuss-Suppe, die meinem Leben anderweitig Unendlichkeit verleiht.
Und schon gehts wieder ins Kino, zum letzten mal für heute und mit dem CineStar schließt sich der Kreis.


Mittwoch, 29. X. 14, sonnig:
Passage, Universum: Ein bezaubernder kleiner Film ist "Positive" über ein aus der Zeit gefallenes Filmkopierwerk und Schnittstudio wie aus einem sozialistischen Märchenland in Kiew, Katzen und nette Frauen leben dort in Symbiose mit analogen Filmen.
"Ulrich Seidl und die bösen Buben", a director at work,(Luise, 1. XI. 14:) mir gefällt der Film ziemlich gut, Sib ist skeptisch und eher abgestoßen.
CineStar 5: Aus Havanna "Balcony Tales", viele kubanische Filme haben mich schon positiv überrascht... Die "Historias de Balcones" sind dünn und die angeblich zentralen eines blinden Greises namens Cecil werden nicht einmal erzählt.
Weltpremiere "Elephant's Dream" in Kongo, im Postamt vergilben die jahrzehntealten Briefe, bewachte Geisterbahnhöfe, seit Jahren wird niemand bezahlt, die Feuerwehr ist abgebrannt. Stagnation und Hoffnungslosigkeit hat man nach 20 Minuten ausreichend erfasst, der Film zeigt sie unbarmherzig noch eine weitere Stunde bis alle Zuschauer vor Langeweile gestorben sind.
Passage Universum: Im Luise gefüllte Paprikaschote mit Reis.
CineStar 8: "Maidan" (bei Atoms & Void) leider als Film ebenso völlig misslungen, stundenlange Aufnahmen der Menschenmassen auf dem Platz ohne Schnitt und Redaktion, historisch sicher von Belang, eine Geschichte konturiert sich nicht daraus. Orthodoxe Predigten, fanatische Reden mit überschlagenden, unangenehmen Stimmen, Volksmusik und theatralische Lyrik wechseln sich ab. Das Gegenteil vom Gewollten wird erreicht, man hofft auf den Beginn der Morde, damit der Film zu leben beginnt. Stattdessen zum 10. mal die Nationalhymne, kotz! Ein so schlechter Film, dass er sensiblen Gemütern die Sache der Kämpfer für die Demokratie vergällen kann. Mögen viele von dem Machwerk verschont bleiben!
Nach über einer Stunde erst wird man mitunter zum gebannten Augenzeugen der Kämpfe, aber selbst dabei martern die statischen Kameras meist mit Langeweile.
Einige, aber nicht alle meiner bösen Worte nehme ich zurück. Aber die 20 Minuten beeindruckender Bilder rechtfertigen nicht die unendliche Eintönigkeit des Rests. Auch ist mir das ganze zu heroisch und martialisch. Vielleicht wäre ich anderer Ansicht, wenn es 1989 in der DDR auch so blutig geworden wäre?
Der Regisseur stellt sich danach als Sowjetbürger vor und die Bewegung sei antisowjetisch gewesen.
Passage Universum: "Naomi Campbel" (Chile 2013) über die Transsexuellenproblematik, leider zieht auch der sich sehr und ziellos, so dass ich nach einer Stunde nur noch wünsche, die Handlung käme voran, kommt sie aber nicht. Keine Entwicklung, sinnlose Wackelaufnahmen, bis die Darstellerin endlich von einem Motorrad erfasst wird, vergehen noch 100 quälende Minuten.
Die Geschicht sei wahr, ist danach von den Produzentinnen zu erfahren. Welche Geschichte sie wohl meinen? Eine Story fehlt dem Film bitter.
Nato: "A Goat for a Vote" (Nl/Kenia 2013), die Siegessicherheit des rich kid im Wahlkampf um den Posten des Schülerpräsidenten, sehr heiter und erfreulich zur Abwechslung überhaupt mal wieder einen erträglichen Film zu sehen.
Insgesamt ist dieses Festival schwach, wenig begeisternde Filme, bisher kein einziger, der mich berührt hätte.
"Jikoo, a wish" (CineStar 8, 30. X. 14:) aus dem senegalesischen Warzenschweinmilieu, aber auch dieser Film kommt nicht zu Potte, so dass ich aus der Nato entfliehe, um noch zu arbeiten.
Irish Pub neben Nato: Gegen halb 1 noch den Rechner an, um wenigstens Greif mein Anliegen wegen Grenzgänger per Mail zu schicken. Auch an Daniel Mursa schreibe ich in dem Sinne und mache gegen 1 Feierabend.


Donnerstag, 30. X. 14, trübe:
CineStar 8: "Rules of the game" (F 2014) schön nach den Goldbergvariationen von Bach komponiert über schwer vermittelbare Jugendliche, über 100 Zuschauer zu einem solchen Thema am Morgen, das ist schon bemerkenswert.
Lolita ist die beeindruckendste Figur, lustig, ständig übermüdet, dick und liebenswert.
Bei einem Vorstellungsgespräch, lerne ich, entscheidet sich in den ersten 13 Sekunden, ob man für den Job in Frage kommt. Niemals sollte man sich unaufgefordert setzen.

Biberach: Alkoholiker bekommen sone faltige Haut...., sie hing ihm über die Augen..., was immer dann besonders auffiel, wenn er sie besonders weit aufreißen wollte, um Erstaunen zu zeigen. Es ging einfach nicht.
Es waren noch der Manta-Fahrer dabei, der gern Fotos seines hellblauen Mantas zeigte, den er hatte zu Hause lassen müssen, Ewald Kawik, Sonnenwende - Energiewende, da brach seine Welt zusammen und jetzt genoss er die Umweltzertörung.

Passage: Wieder in einer Warteschlange, als DDR-Bürger ist man es ja noch gewöhnt....
"Night Will Fall - Hitchcocks Lehrfilm für die Deutschen". Wir scheinen es immer noch ziemlich nötig zu haben.
Universum: Der Blick in die Hölle auf Leichen, Leichen, Leichen, in der Totale und im Detail, besonders schlimm die beim Tragen wie tanzenden Körper der Ermordeten. Belsen, Dachau, Auschwitz, Majdanek, auch noch zwei KZs, die ich noch nicht kannte: Ebensee und Ohrdruff.
Mit dem abgepackten Haar, den Schrumpfköpfen und tätowierter Haut sind die Filmer gefährlich nahe an den Lampenschirmen.
Ein erfolgreicher Versuch den Kontext dieser Aufnahmen festzuhalten, 70 Jahre nach Entstehung sterben die letzten Kameramänner hinweg.
CineStar 6: "Victory Day" über Homosexuelle gegen Putin. Mittelmäßig.
"Varya", eine einfältig wirkende russische Mathematiklehrerin reist durch die Ukraine, wo alle einen Knall haben und sich ununterbrochen anbrüllen. Besonders anstrengend eine die ganze Zeit plappernde oder, noch schlimmer, singende Jeanne d'Arc vom Maidan. Wiederum kommen mir böse Gedanken: hätten nicht besser viele dieser Nervensägen erschossen werden sollen? Oder hat man gar? Als ich vor zweieinhalb Jahren dort war, waren sie alle sehr nett. Andererseits dieses Frühstück in Lwiw!
Nato: Falls sich die Macher bei diesem wirr geschnittenen Film Mühe gegeben haben, merkt man es ihm zumindest nicht an.
(Passage Wintergarten, 31. X. 14:) Erfahre von Sib, die bis zum Gespräch mit der Redakteurin bleiben kann, dass diese den Eindruck vermittelte, auch nicht zu wissen, warum sie die Dame als Protagonistin erwählt hat. Sie hat sie zufällig in einem Hostel getroffen.
Leipzig, Café Luise, Bosestr. 4: Eine geschlagene Stunde stehe ich an für "Citizen 4", direkt vor mir ist ausverkauft.
Tröste mich mit heißer Schokolade Coatl und der Gewissheit, dass Sib danach zu mir stoßen wird.
Die zweite Ablehnung meiner gedruckten Hochsee Post aus der Akademie der Künste ist zu verzeichnen. Man fragt sich ein bisschen: Was ist da los?
Pilot: Dankenswerterweise geht Sib mit mir das Coca-Cola-Exposé durch.
Nato: Ohne unangenehme Gefühle radle ich vor Ende ins Nato.
Dort gibts bei schwieriger Heavy-Metal-Musik statt pünktlichen Einlass Gedränge, eine Dame neben mir isst Döner. Aber nach den Leichenbergen aus den KZs relativiert sich jeder Schrecken.
Die Organisationsmängel fallen aber auf, verglichen jedenfalls mit dem Festival in Saloniki. Eine knappe halbe Stunde nach Anfangszeit sitze ich auf einem der harten Stühle und harre auf den Beginn von "Rocks in my Pockets" (USA/Lettland 2014). Depressionen sollen darin mit trotzigem Humor geschildert werden.
88 Minuten seien nichts, verglichen mit der Ewigkeit, tröstet die Regisseurin und verspricht allerhand Belohnungen für diejenigen, die durchhalten. Falls wir den Film nicht mögen dürfen wir sie steinigen.
Für das Problem der beim Suizid entspannenden Schließmuskeln will sie Erwachsenenwindeln benutzen.
Den Film hat sie gemacht, weil sie sonst nur an Sex und Selbsttötung denken würde. Der Humor ist ein Nebenprodukt wie der ausgeschissene Alkohol der Bakterie, den sie auch gern genieße.


Freitag, 31. X. 14, Reformationstag, sonnig:
Passage Wintergarten: In der Retrospektive "Volkseigener Blick" über Thomas Plenert.
"Rangierer" (DDR 1984), natürlich war es immer schweinekalt in der DDR, aber zum Glück gabs überall kleine mit schwarzen, wurstförmigen Elektrokörpern beheizte Räume, in denen Karo geraucht und Bockwurst gegessen wurde.
Zwei Takraf-W50!
"Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann" (DDR 1989) von der Misselwitz. Trotz Koppelverbot eine bezaubernde Erinnerung an meine eigene Steinzeit.
Passage Universum: Den Anfang von "The Last Limousine" habe ich verpasst, aber die Ähnlichkeiten überwiegen: Eben die drei Stooges in der Gleimstraße 1989 beim Reparieren eines Wagens, hier bauen sie nach sozialistischen Orinzipien eine SIL-Staatslimousine zusammen.
CineStar 4: Klar sind das alles Anhaftungen, aber schrecklich ist der Alltag ohne Armbanduhr, die ich der Tochter borgen muss.
Leipzig, Café Luise, Bosestr. 4: Nur eine halbe Stunde habe ich zur Fertigstellung meiner Email als Bewerbung zum Grenzgänger-Stipendium, also frisch ans Werk!
Durch Telefonat mit der netten Frau Grabsch erfahre ich, dass auch der morgige Poststempel noch reichen wird. Damit kann ich sogar noch "Desert Haze" sehen und alles weitere verschieben. Juchhu!
CineStar 4: "Desert Haze", Ella fand die erte halbe Stunde langweilig. Das wird für mich ein Kontrastprogramm.
Aber kann die schönen Wüstenbilder und -geschichten genießen. Ein Japaner wurde durch den Sound von Jimmie Rodgers in die Wüste gezogen. Ein Stacheldrahtsammler. Die Straßen von California City zerfallen wieser zu dem Staub, aus dem sie gemacht sind.
Endlich wird mal Tumbleweed erklärt, in den 1870ern kam es aus Russland und hat alle möglichen anderen Pflanzen ausgerottet.
Eine Ziege neben mir regt sich über meine Notizen auf.
CineStar 6: Einige Minuten kann ich mir "Written by Mrs. Bach" ansehen, sehr herkömmlich, Spekulationen über den Anteil von Anna Magdalena an Bachs an Kompositionen, das ist möglich, dieses und jenes ist nicht auszuschließen, Theorie und Film wirken unseriös. Wenn nicht auszuschließen ist, dass... könnte das bedeuten, dass... und womöglich... Aber wahrscheinlich nicht.
Schaubühne Lindenfels: Bemerke nach dem Essen, dass ich ziemlich durch bin, kaum noch fähig meinen Weg auf Googlemaps und mit der Karte zu finden.
"No Land's Song"...
Schaubühne Lindenfels: .... Etwas ungerecht ist es, diesem Film so relativ wenige Wort zu widmen. Von diesem Festival ist er eher einer der besten, die ich bisher sehen konnte. Das ist aber eher Anzeichen für die große Schwäche in diesem Jahr. Immerhin erleben wir eine mutige Frau, die den Fanatikern im Iran singende weibliche Stimmen entgegensetzt, guter Spannungsbogen, gelungener Film.
Wenig Akku-und Arbeitszeit bis zum nächsten Film. Allerdings haben meine Damen durchaus recht, wenn sie mir mein exzessives Glotzen vorwerfen.
Trotzdem gegen 7 noch an meine Bewerbungsunterlagen für Grenzgänger. Komme gut voran. Thank god, bilde mir nach 7 sogar ein, fertig zu sein und warum auch nicht?
Ich zuckendes Nervenbündel ohne Brille komme nach 9 mit viereckigen Augen in die Luise zu Euch geradelt.
Meine Zersteutheit gipfelt vorerst darin, dass ich meinen Katalog samt Dauerkarte (70,- €!) hier in der Schaubühne verliere und darob, als ich befürchte, auch noch meine Ticketts verbummelt zu haben, Schweißausbrüche bekomme.
Die finde ich aber zum Glück wieder.
Aber erstmal Heises "Städtebewohner", der mich schon in den mexikanischen Minuten bis zum Vorspann arg langweilt. Wahrscheinlich ungerecht, irgendjemand wird bestimmt schon in wenigen Jahrzehnten diesen Film so spannend finden, wie ich Heises "Volkspolizei", "Das Haus" und die Heiner-Müller-Filme.
Also Augen und Ohren auf! Prompt kann ich bemerken, wie gut mir die meditativen schwarz-weiß-Bilder und Texte tun. Ich wünschte, ich käme auch noch mal für längere Zeit ins Gefängnis. Aber vermutlich ist der Zug inzwischen abgefahren.


Samstag, 1. XI. 14, sonnig:
Passage, Wintergarten: Erfolgreich bin ich mit meiner Suche nach einem samstags geöffneten Kopierladen direkt nebenan.
Ausfüllen, eintüten, radeln durch den Sonnenschein zur Passage.
"Sebastian Richter: Edith bei Klärchen" (DDR 1985)
"Karl Faber: Podo" (DDR 1988) ein jugendlicher Heavy-Metal-Fan in der Potsdamer Bäckerei Kuckucksruf.
"Reiner Schulz: Der Auftrag" (DDR 1988) sehr unfreiwillig komisch die Herstellung von Karl-Marx-Büsten.
"Jürgen Hoffman: Schnelles Glück" (DDR 1988)
"Michael Lösche: Das freie Orchester" (DDR 1988) über die Versorgungslage:
"Hammwa nich, hammwa nich, hammwa nich, hammwa nich, hammwa nich, hammwa nich, hammwa nich, hammwa nich!" usw.
"Negativnächte" (D/Ungarn 1996) über ungarische Avantgardemusik, wirr und viel zu selten lustig, wenn auch mit gewisser Steigerung zum Ende. Dass sie ein Konzept dazu geschrieben haben, kann man schwer glauben.
Leipzig, Café Luise, Bosestr. 4: Begegne Patrick von Karkossa, eine Freude an einem sonnigen Tag!
Als ich dann meinen Platz an der Säule mit Energieversorgung habe, ist es mein extrem lahmender Computer, der mich nervt. Aber kann arbeiten und irgendwas ist immer. Vielleicht kann ich in solchen Momenten am ehesten begreifen, dass vielen in der DDR auf die Nerven ging, dass sie aus Mangel an allem nicht arbeiten konnten.
Dann komme ich doch gut voran mit meinem Festival-Tagebuch, das niemanden interessiert und von dem ich niemals erfahren werde, ob es jemand gelesen oder jemand irgendeinen Nutzen davon hat.

18
Okt
2014

Geführte literarische und historische Spaziergänge und Wanderungen durchs neue Berlin

TÄGLICH 15 Uhr & 21 Uhr
Falko Hennigs spannende literarische & historische Stadtspaziergänge
durchs neue Berlin, zwei Stunden, € 10,-
Anmeldung erforderlich Tel.: 030-21024651 & 0176-20215339
Abonnieren Sie den kostenlosen Elektro-Rundbrief unter radiohochsee@gmail.com


Mumien, Mörder, Mittelalter (Berlin Mitte)
Treffpunkt: Alexanderplatz, Weltzeituhr
Ramses-Ausschnitt

Kafka & Bukowski auf dem Prenzlauer Berg (Prenzlauer Berg)
Treffpunkt: Senefelderplatz, Senefelder-Denkmal
fk

Literarischer Stadtspaziergang von Falko Hennig
"Größenwahn Charlottengrad" (Berlin Charlottenburg)
Der neue alte Westen
Auf den Spuren von Schriftstellern und ihren Werken.
Treffpunkt: Kant-/Hardenbergstr. (Vor dem Romanischen Café)


Literarischer Stadtspaziergang in Kreuzberg
"Herr Lehmann & Co"
Treffpunkt: vor dem Weltrestaurant Markthalle (Pücklerstr. 34, 10997 Berlin)


Stadtspaziergang
Wo gestern Mauer war
Treffpunkt: Nordbahnhof/Invalidenstraße

Stadtspaziergang
"Buddha vorm Taj Mahal" durch die Luisenstadt und den schmalsten Park Berlins, Treffpunkt: U-Bahnhof Heinrich-Heine-Str. Ecke Köpenicker

Literarischer Stadtspaziergang von Falko Hennig
"Chaplin in Berlin"
Lichter der Großstadt
Treffpunkt: Bahnhof Friedrichstr. (Gegenüber dem Admirals-Palast)

8
Mai
2014

http://falko-hennig.blogspot.de/

Sonntag, 11. Mai, Literarischer Stadtspaziergang
"Kafka & Bukowski auf dem Prenzlauer Berg"
Auf den Spuren von Schriftstellern und ihren Werken.
Start 14 Uhr am Senefelderplatz, Senefelderdenkmal,
2h, € 10,-, Anmeldungen unter Tel.: 0176-20215339.
http://falko-hennig.blogspot.de/




Donnerstag, 1. V. 14, sonnig:
Schreibtisch: Am heiligen Tag der Arbeit, an dem eigentlich dieselbe ruhen sollte, drucke ich weiter Adressen aus.
Von halb 11 bis gegen 4 schreiben wir sämtliche europäischen Sprachen an, versuchen jedenfalls etwas über die für uns in Frage kommenden Verlage herauszufinden.
Erinnere mich noch an keinen 1. Mai, an dem ich so viel gearbeitet hätte. Und im Kaffeehaus geht es jetzt weiter mit dem Fallrückzieher und in der Nacht open end Adressenkleben.
Sofa: Im Nola also an diesem milden Tag intensive Textarbeit und zu Hause weiter damit.
Gegen 10 nach einer Spargelorgie, bei der Sören aus Sättigkeitsgefühl eher zusieht, drucke ich weiter Adressen aus. Viertel nach 11 bin ich immerhin damit fertig. Ans Kleben.


Freitag, 2. V. 14, Regen:
(Schreibtisch, 5. V. 14:) Trotz grimmiger Eisheiligen bei Dauerniesel findet die Demo gegen den Zwang zur Lohnarbeit gutgelaunt statt. Aus unbewussten Gründen hätte ich Uli dabei nicht erwartet, die Freude ist um so größer.
Postamt: Es geht auf 6 bis ich im Postamt bin und die Hochsee Post 8 an die Multiplikatoren und Goethe-Institute schicke.
(ADAC Postbus Berlin - Hamburg, 6. V. 14:) Gegrillter Hecht.


Samstag, 3. V. 14, sonnig:
(ADAC Postbus Berlin - Hamburg, 6. V. 14:) T: Ein nachgedruckter Zettel von Walter Kempowski, sitze auf einer Bank am Rangsdorfer See.

Die Nacht im Warnauer Backhaus verläuft überraschend milde. Einen Kaffee bekomme ich von Johann ans Auskucksfenster des Hochbetts gebracht.
Große Frühstücksgesellschaft.
Die Begeisterung des 5jährigen Gustav für Popel lässt mich überlegen, ob es schon ein Popelbuch gibt. Raimund erwähnt Gerhard Schöne, der habe eine Platte mit der deutschen Version von "Ein Popel" aufgenommen. Nasenbohrer. Warum sind sie salzig. Alles was man wissen muss und warum man es nicht darf.
Leider ergibt schon die erste Recherche die Existenz von "Das Popelbuch", "Der Popel" und "Das große Buch des Popelns".
An der Hollywoodschaukel in einem Liegestuhl Notizen zum "Hipster", wie vor einem Jahr schreibe ich auch heute in der Sonne von Warnau an einer Schimpwortkolumne:
Die Bezeichnung Hipster hat die Entwicklung vom Wort für einen Angehörigen einer bestimmten US-amerikanischen Subkultur zum Schimpfwort fast abgeschlossen. Die Vorläufer der Hipster sind Dandys, Stutzer, Fatzkes und Popper.
Gemein mit normalen Schimpfwörtern hat Hipster, dass zwar viele andere so bezeichnet werden, aber niemand auf die Idee gehört, er selber könnte dazu gehören. Damit ist klar, dass Hipster keine freundliche Umschreibung ist. Derzeit werden besonders vollbärtige Männer zwischen 20 und 30 mit Sonnenbrillen so bezeichnet.
Das Wort stammt aus den USA, wo es von Harry Gibson, genannt "The Hipster", in den 40er Jahren eingeführt wurde. Gibson bildete das Wort aus "hep" und "hip", womit Freunde des Jazz besonders gelungene Stücke belobigten. Hipster waren bis Anfang der 60er Jahre Bohemiens aus Manhattan, ihr zentraler Begriff "cool" ist heute noch allgegenwärtig. Der Ur-Hipster trug schwarz, Sonnenbrille und Baskenmütze, einen Unterlippenbart und rauchte Marihuana.
Sagt man heute Hipster, so ordnet man nicht den Stil und Geschmack einer Gruppe zu, sondern mokiert sich über modische Verirrungen, so wie Uli Hannemann in seinem ersten Roman "Hipster wird's nicht". Besonders lächerlich erscheint das Hipstertum bei über 40jährigen, wie bei Hannemanns Ich-Erzähler, der nach einer Beschimpfung als Hipster wüdelos davonstakst, weil er sich beim Rasieren der Hoden eine Fleischwunde zugezogen hat.
Die Chemnitzer Band Kraftklub rappte es auf den Punkt: "Ich bin ein Hipster und mache einen Song gegen Hipster."


Sonntag, 4. V. 14, bedeckt:
Rangsdorf, Wohnzimmer:
Georgs Geburtstag 21. Juni
Sofa: Versacke vor einem Spielfilm, ein deutscher Pathologe "Dr Alemán" (D 2008) verfällt in Kolumbien dem Kokain, wird von heimtückischen Taxifahrern ausgeraubt und halbnackt in der schlimmsten Gegend ausgesetzt. Auch beim anschließenden Näschen und Essen mit seinem Erzfeind aus dem Leichenschauhaus wird seine Laune nicht besser. Bei seiner Gastfamilie herrscht ebenfalls dicke Luft, er fliegt raus und siedelt in die Favela und lacht sich eine sexy Ische an. Messerstechereien schlagen zusätzlich auf die Stimmung, die Wunde wird mit Marijuana-Betäubung von ihm genäht. Durch seine tumbe Art verursacht er Morde am laufenden Band und macht sich zunehmend unbeliebt. Ob er mit dem Leben davon kommt, verrate ich aus Gründen der Spannung nicht.


Montag, 5. V. 14, wechselnd:
Schreibtisch: Rufe bei der Gothaer an, wie einfach das klingt und wie sehr habe ich mich gewunden und davor gedrückt. Warum bleibt mir unklar, eine Kopie meines Personalausweises brauchen sie noch, gut, sollen sie haben.
Weitere Kürzung des Fallrückziehers, gegen 11 ans Mauer-Manuskript, rufe Manfred deshalb an und schicke Briefe an die Goethe-Institute in Slowenien, Litauen und Rumänien, die ich per Email nicht erreichen konnte.
Entwurf eines Vertrages, es sollte sowas wie eine Generalvollmacht sein, in allen Ländern übersetzte Ausgaben zu lancieren:
Ihr kennt vielleicht die Problematik mit ausländischen Ausgaben und Übersetzungen ...
...
Ich bin einverstanden, dass die Herausgeber der Anthologie "Welche Mauer eigentlich" Falko Hennig und Alessandra Schio das Buch in andere Sprachen übersetzen und veröffentlichen lassen.
Die Herausgeber verpflichten sich, dafür zu sorgen, dass den Autoren Belegexemplare des Buches zugeschickt werden , WIRD SCHWIERIG, DA MAN JA NIE WELCHE KRIEGT
regelmäßig über den Stand der Verhandlungen zu informieren, ...
... in den betreffenden Ländern in Zusammenarbeit mit den Goethe-Instituten honorierte Lesungen, Podiumsgespräche oder Workshops zum Erscheinen in der Landessprache zu organisieren, die Autoren dazu einzuladen und die verschiedenen Interessen zu koordinieren...
Die nächsten Stationen sind Kopierladen, Steuerbüro, Kaffeehaus. Aber erstmal meine erste Sportzigarette nach der ersten aus Tabak.
Schreibtisch: Sichere Tonaufnahmen und beginne, die Auflösung der letzten für die nächste Sendung zu schneiden.
Sofa: Gegen Mitternacht vor der Glotze beginne ich nach dem Fußball wirklich.


Dienstag, 6. V. 14, sonnig:
Schreibtisch: T: Bin in einer Gruppe alter Blueser, einer von ihnen hat rote Haare.

Mein wichtigstes Vorhaben für heute: Nicht rauchen! Bin gespannt, um welche Uhrzeit mich die erste Gier befällt.
Vorerst aber lässt sich der Tag erfreulich an, Erdbeeren, schneide die Hochsee-Auflösung zu Ende, Korrespondenz wegen der Anthologie, als ich Kartoffeln für einen Salat als Wegzehrung nach Hamburg aufsetzen will, sind zu wenig da. Willkommene Gelegenheit, in die Kaufhalle zu pilgern, auch eine Birne wird den Salat bereichern. Selbst eine Spargelstange bleibt nicht verschont, schnippel sie roh hinein.
ADAC Postbus Berlin - Hamburg: Tippe gestärkt durch einen Kartoffelsalat mit Fenchel, Spargel und Ingwer meine Notizen zum Schimpfwort "Hipster" ein.
(Sofa, 8. V. 14:) Anspannung, letztlich Stress auf dem Hamburger Bahnhof, als ich auf meinem ausgedruckten Zettel keinen Sinn mehr ausmachen kann und als sich im Auto im Hamburger Niemandsland meine Route zur Tankstelle als falsch erweist und nochmal in Parchim, als wir dort verloren herumgondeln.
Pizza in Parchim in der Zinnhütte.
Fahren durch Rom. Tante Christa hatte mir die Geschichte "Schweigen wir von Rom" erzählt.
Hinter Plau am See werden wir wegen der fehlenden Nummernschildbeleuchtung von der Polizei mit € 10,- verwarnt.
Finde problemlos den Weg hinter Suckow an Christas Asche vorbei zum Plauer See und dort einen Platz fürs perfekte Nachtquartier.
Erzähle die Gruselgeschichte vom Puzzle mit dem Axtmörder.


Mittwoch, 7. V. 14, wechselhaft:
(Sofa, 8. V. 14:) T: Sören will nicht zu Muttis Geburtstag mitkommen, ich bin furchtbar sauer, zähle auf, wie lange sie schon nicht mehr da war.

Jungfernnacht im neuen Wagen am Plauer See unter Suckow auf dem Gastank, schlafen vorzüglich.
Frühstück in der Stuerschen Hintermühle, Spaziergang durch Bad Stuer und zum See, die Nähmaschine in Neon.
Nach Marwitz, wo ich zwei schöne W50 ablichten kann. Der Hof mit den vielen Möbeln und Bauteilen.
Eigentlich schon der Entschluss, Papa einfach zu vergessen, da ruft er an, wieder Stress bei mir, bin nicht in der Lage, ihm abzusagen. Nach knapp 45 Jahren habe ich noch immer keine funktionierende Strategie, um mich gegen meinen alten Herrn durchzusetzen.
Mit Papa zu Muttis Geburtstag, einhellig wird Johanns Super-Schlitten gelobt und bewundert.
(Sofa, 8. V. 14:) Glücklich in Johanns Bett im Durchgangszimmer, Tagesthemen: Ukrainie, Thailand, Nigeria, Südafrika, Siemens, Anne Frank.


Donnerstag, 8. V. 14, sonnig:
Sofa: T: Ziehe durch Berlin, unterhalte mich mit jemandem, die Umgebung ist beeindruckt: "Du hast mit DJ Michael (gesprochen Maikl) gesprochen?" Wusste gar nicht, dass er ein berühmter DJ ist. Beobachte eine zutrauliche schwarze Ente in einer Wohnung. Will dann eine Frau von etwas überzeugen oder zu etwas überreden und setze ihr dazu das Tier auf den Schreibtisch. Die freundliche Ente lässt sich streicheln, watschelt auf die Dame zu und gewinnt ihr Herz.Auf den Seitenklappen eines Buches ist eine Lesung von Stuckrad-Barre und einem Kollegen angekündigt. Das Konzept, nur noch alle paar Monate eine Lesung zu veranstalten, geht auf. Der Saal ist sehr voll, gerade noch so bekomme ich einen Platz.

Sympathischstes Element dieses Traums ist die Ente, aber wofür steht sie? Für Churchills schwarzen Hund? Für den großen schwarzen Vogel? Für die Ente in uns allen? Keine Ahnung, es klingelt nichts.
Nach Wochen fast schon wieder normalen Rauchens ist heute der dritte komplett rauchfreie Tag, wenn ich es denn durchhalte. Noch gegen 11 liege ich allerdings ungefährdet im Bett.
Anruf von Papa, ob ich seine Fernbedienung habe und die Dampfmaschine? Zu 1. nein, zu 2. ja.
Schreibtisch: Kurz vor high noon am Schreibtisch, die gerade abgeschlossene Zeitungsschau hat keinen einzigen Hinweis auf meinen Spaziergang am Sonntag erbracht.
Trödel auf Facebook herum, telefoniere mit Kirsten, die mich wegen des Chaplin-Plakates warnt, United Artists könne mich da verklagen oder so.
Schreibe deshalb an Ronald.
Arbeite bis halb 3 am Hipster, wahrscheinlich, weil es nicht mit größter Priorität auf meiner To-do-Liste steht, wie alles andere.
Erst nach 3 mühsam ans nötige Telefonat wegen des Studiotermins für die nächste Sendung.
Sofa: Sophia Kunze beginnt ihre Diskursgeschichte in Bildern über "Frauen mit Bart" in der Humboldt-Uni vor über 30 Frauen und fünf Herren mit dem "Bildnis einer bärtigen Frau" von 1631, es ist Magdalena Ventura, der mit 37 Jahren der Gelehrtenbart wuchs. Abgebildet ist sie im Alter von 52 mit einem saugenden Baby an der stillenden Brust, die ihr aus der Mitte des Oberkörpers wächst. Damals wurden kleinwüchsige, haarige und fettleibige Hermaphroditen gern gemalt.
Sofa: Abwasch beruhigt mich, auch das Duschen. Alles ist gut.
"Vertrag mit meinem Killer" (Fin/GB/D/S/F 1990) mit Sören.

14
Apr
2014

http://falko-hennig.blogspot.de/

Ostersonntag, 20. April, Start: 14 Uhr, Alexanderplatz, Weltzeituhr,
Stadtspaziergang von Falko Hennig
"Mumien, Mörder, Mittelalter"
2h, € 10,-, Anmeldungen unter Tel.: 0176-20215339.
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1
Apr
2014

Kafkas Theater

Sonntag, 6. April, Start: 14 Uhr, vor dem Deutschen Theater (Schumannstr. 13, Berlin Mitte):
Stadtspaziergang von Falko Hennig
"Kafkas Theater"
2h, € 10,-, Anmeldungen unter Tel.: 0176-20215339.
Albert-Bassermann
Zu meinem Spaziergang am Sonntag gibt es einen kleinen Fernsehbeitrag vom RBB, den man
sich hier ansehen kann:
https://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/20140327_2215/kulturtipps-mit-falko-hennig.html

Franz Kafka hatte zu Berlin viel mehr Beziehungen, als nur zu seiner zweimaligen Verlobten Felice Bauer oder seiner Geliebten Dora Diamant, wegen der er sogar in die deutsche Hauptstadt umzog. Schon bei seinem ersten Aufenthalt in Berlin besuchte er, wie auch bei seinen späteren Reisen, das Theater, betätigte sich als Kritiker und zeigte ein ausgeprägtes Urteilsvermögen.
Nachdem er Albert Bassermann, Foto (c) Falko Hennig, 1910 in Max Reinhardts Inszenierung des Hamlet im Deutschen Theater gesehen hatte, schreib er an Max Brod:
"Max, ich hab eine Hamletaufführung gesehn oder besser den Bassermann gehört. Ganze Viertelstunden hatte ich bei Gott das Gesicht eines andern Menschen, von Zeit zu Zeit mußte ich von der Bühne weg in eine leere Loge schauen, um in Ordnung zu kommen."
Ein besonders inniges Verhältnis hatte er zu den Scheunenviertel-Theatern, also jiddischen Mundartkünstlern, mit dem Schauspieler Itzak Löwy verband ihn eine langjährige Freundschaft.
Falko Hennig führt an verschieden Theater, in denen Kafka gesessen hat sowie an Orte von Aufführungen und Hinterhofbühnen, die er als Rezensent begleitete.
Hier finden sich weitere Informationen zu meinen Spaziergängen:
http://falko-hennig.blogspot.de/

20
Jan
2014

13
Jan
2014

TYPOLOGIE DER DEUTSCHEN SCHIMPFWÖRTER

Schwuli, Schwulibert und schwul Paketche
(c) Falko Hennig

Im Duden erscheint das Wort "schwul" in Westdeutschland zuerst 1967, in der DDR 1976, jeweils mit der Erklärung: „derb für: homosexuell“
Der Schweizer Bundespräsident Moritz Leuenberger würdigte 2001 die Schwulen- und Lesbenbewegung: ihrer Beharrlichkeit sei es zu verdanken, "dass ich heute die Worte ‚schwul‘ oder ‚lesbisch‘ viel leichter über die Lippen bringe. In meiner Jugend waren dies obszöne Schimpfworte, und ich wunderte mich später darüber, dass Sie sich nicht einen anderen, weniger belasteten Namen geben.
Heute muss ich Sie dazu beglückwünschen. Sie sind auf diese Weise zwar den schmerzlicheren Weg gegangen; aber Sie haben etwas in Bewegung gebracht.
Sie haben Schimpf und Schande auf sich genommen, aber Sie sind daran, die Worte ‚schwul‘ und ‚lesbisch‘ salonfähig zu machen; ich meine inhaltlich akzeptiert. Sie hätten auf eine politisch korrekte Bezeichnung ausweichen können – etwas Lateinisches oder Griechisches vielleicht?"
Einen homosexuellen Mann als Schwulen oder als schwul zu bezeichnen, ist seit Jahrzehnten keine Beleidigung oder Beschimpfung mehr, außer in Zusammensetzung mit Sau, Hengst oder im hessischen "schwul Paketche" (gesprochen: Pakétsche).
Die jugendsprachlichen "Schwuli" und "Schwuschi" erinnern zwar an Koseworte, wurden aber wie die schon um 1920 üblichen "Schwulibert" und "Schwulinski" herabsetzend gebraucht.
Das gilt auch für "Schwuletten", Christian Kracht erzählt in "Faserland" von einer Begegnung in Griechenland: "plötzlich wird mir klar, daß ich mitten in einer Runde von ganz, ganz harten Schwuletten gelandet bin." Was er damit meint, beschreibt er ebenfalls: "Alle sind tiefbraun, einige haben ondulierte Haare und die meisten sind über vierzig. Sie haben die unmöglichsten Badehosen an, so Bänder, die hinten durch die Furche gezogen werden und vorne ein kleines Beutelchen haben."
Nach "Dem Richtigen Berliner in Wörtern und Redensarten" von Hans Meyer bedeutete "schwul" Anfang des 20. Jahrhunderts hauptsächlich nichts anderes als "schwül" und in der Redensart "Ick bin sehre in Schwulibus" sind Schwierigkeiten gemeint. Anders sah es aber zu dieser Zeit schon in der Gaunersprache Rotwelsch aus, Hans Gross erklärt schwul in der "Encyclopädie der Kriminalistik" mit "Päderast" und Hermann Paul in seinem Wörterbuch mit "homosexuell". Auch in der Wiener Prostituiertensprache der Zeit gab es ein sehr ähnliches Wort für dasselbe: "schwui".
Im 17. Jahrhundert wurde das norddeutsche swul, verwandt mit schwelen bei drückender Sonnenhitze, ins Hochdeutsche übernommen und im 18. Jahrhundert war es vermutlich der ähnliche Klang von kühl, der die Umformung zu schwül bewirkte.
Schwulität für Schwierigkeiten geht als Ableitung auf einen studentischen Scherz im 18. Jahrhundert zurück, Gottfried August Bürger schrieb:
"D'rauf trabte der Kaiser mit Lachen von hinnen.
Das Pfäfflein zerriß und zerspliß sich mit Sinnen,
Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität,
Der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht."
Schwul als ältere Variante von schwül verschwand seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus der Schriftsprache, wurde aber gelegentlich für komische Wirkung verwendet. So beschrieb der Germanist Johann Christoph Adelung "schwühl" als "ein nur von der Luft und Witterung übliches Wort", wohingegen "schwuhl" zu den "gemeinen Sprecharten" gehöre: "Mir wird ganz schwul bei der Sache!" Ernst Moritz Arndt dichtete 1860:
"September trüb und schwul 
sendet Leichen zu Tiefen, 
weil zu dem Entenpfuhl 
Wasser holen sie liefen."
Zur Bedeutungsübertragung im Sinne unseres heutigen Gebrauches für "homosexuell" war es zu dieser Zeit aber schon gekommen, wie der Germanist Paul Derks ausführt, der den Ausdruck in einer kriminologischen Abhandlung von 1847 gefunden hat und deshalb subkulturellen Gebrauch des Wortes vermutet.
Im 19. Jahrhundert wurde die Bezeichnung sowohl im Berliner Jargon als auch in der Gaunersprache Rotwelsch üblich. In "Das deutsche Gaunertum" von 1862 von Avé-Lallemant wird Schwuler erklärt: "der von stiller, ängstlicher, abmattender Wärme Ergriffene, ο παιδεραστης“ (ho paiderastes). Das Verb "schwulen" wird mit „παιδεραστειν“ (paiderastein) erklärt. Damals wie heute waren nur Kundige des Griechischen mächtig und kannten Päderastie als Fremdwort für die gleichgeschlechtliche Liebe. Beschwulen hat bei Avé-Lallemant dagegen die Bedeutung „hintergehen, betrügen“.
Auch der Sexualwissenschaftler Albert Moll wusste 1891 schon von schwul als Selbstbezeichnung für "Conträrsexuelle" Männer und Frauen, die ihre festen Beziehungen "schwule Ehe" oder "schwules Verhältnis" nannten.
Es liegt sehr nahe, eine ähnliche Übertragung zu vermuten, wie sie in den Bezeichnungen "warm", "Warmer" oder "warmer Bruder" stattgefunden hat für jemanden, der nicht kühl, sondern heiß für Geschlechtsgenossen empfindet, oder wenigstens warm, schwül und schwul.
Eine andere mögliche Herkunft legt das Wiener "gschwulsddich" in der Bedeutung von "geschwollen" nahe, allerdings ist damit die Redeweise und nicht die Erektion gemeint.
Bis in die 1950er Jahre wurde schwul auch für lesbische Frauen verwendet, aus der "Homosexuellen Aktion Westberlin" bildete sich 1972 eine "schwule Frauengruppe". Von 2001 stammt die Single "Schwule Mädchen" der Hip-Hop-Band "Fettes Brot". Selbst 2006 war noch ein Artikel der AG Lesbenrechte über die Diskriminierung lesbischer Schülerinnen mit „Bist du schwul oder was?“ übertitelt.
Seit dem Ende der 60er Jahre gibt es die Schwulenbewegung, die sich auch so nennt, seit 1985 in Berlin das "Schwule Museum". Die wohl wirkunsgsmächtigste Verwendung des Wortes gab es 1970 in dem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" von Rosa von Praunheim. Die Zeitungen wollten sich anfangs von der beleidigenden Verwendungsweise abgrenzen und setzten "schwul" in Anführungszeichen. Während die linksliberalen Medien die Bezeichnung häufig verwendeten, wurde sie von den konservativen vermieden.
Die grüne Abgeordnete Jutta Oesterle-Schwerin verwendete 1988 in Anträgen an die Regierung zur rechtlichen Behandlung homosexueller Paare das Wort Schwule, daraufhin entrüstete sich im Bundestag Franz Wittman von der CDU über das Wort und die „Verwilderung der Sprachkultur“. Er warf der Politikerin vor, die „der Gosse zugehörige Vokabeln“ nicht nur zu verwenden, sondern sie auch noch genüßlich auszuwalzen. In Bundesdrucksachen und in der Parlamentsberichtserstattung seien die schlimmen Wörter aufgetaucht, was des „hohen Hauses unwürdig“ sei. Bundestagspräsident Jenninger forderte die Abgeordnete auf, „Schwule und Lesben“ durch „die Wendung Homosexuellen und Lesbierinnen“ zu ersetzen, denn viele Kollegen würden den Begriff „Schwule“ nicht als Bestandteil der Hochsprache ansehen. Oesterle-Schwerin blieb hart:
„Eines werden sie auf jeden Fall nicht erreichen: Ich werde im Hohen Haus weiterhin von Lesben und Schwulen und nicht von homosexuellen Mitbürgern und Mitbürgerinnen reden.“ Trotzdem sprach sich der Ältestenrat „mit breiter Mehrheit“ gegen die Verwendung des Wortes aus. Die CDU/CSU ließ sogar das Telefon des Schwulenreferats der Grünen Fraktion abschalten und die Bundestagsverwaltung weigerte sich, Anträge mit dem Begriff überhaupt auszudrucken.
Um den wichtigen Antrag trotzdem einzubringen, verwendeten die Grünen die antiquierten Begriffe Urning und Urninde. Erst 1990 endete die rechte Zensur und die Grünen konnten verkünden:
„Das Parlament erweitert seinen Sprachschatz“. Der Rest ist Geschichte, Klaus Wowereit gab 2001 als erster deutscher Spitzenpolitiker selbstbewusst bekannt:
„Ich bin schwul – und das ist auch gut so!“
Heute ist schwul die allgemein übliche Selbstbezeichnung homosexueller Männer, wie viele Umfragen und Studien belegen. Nur ältere Homosexuelle aus der Unterschicht lehnen das Wort ab. Sicher auch, weil sie schwul mit tuckig oder tuntig assoziieren, wie es auch Filme wie "(T)Raumschiff Surprise" nahelegen:
„Ich bin nicht schwul, ich bin homosexuell!“
Vielleicht hat die Ablehnung damit zu tun, dass schwul in der heterosexuellen Unterschicht nach wie vor und in den letzten zehn Jahren zunehmend im Sinne von schlecht, unangenehm, peinlich, langweilig, seltsam und enervierend gebraucht wird:
"Diese schwule Kolumne!" Wenn etwas schwul aussieht, ist ein sehr unvorteilhafter optischer Eindruck gemeint und die Frage „Bis du schwul, oder was?“ kann einfach bedeuten: „Geht’s noch?“
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