8
Mai
2014

http://falko-hennig.blogspot.de/

Sonntag, 11. Mai, Literarischer Stadtspaziergang
"Kafka & Bukowski auf dem Prenzlauer Berg"
Auf den Spuren von Schriftstellern und ihren Werken.
Start 14 Uhr am Senefelderplatz, Senefelderdenkmal,
2h, € 10,-, Anmeldungen unter Tel.: 0176-20215339.
http://falko-hennig.blogspot.de/




Donnerstag, 1. V. 14, sonnig:
Schreibtisch: Am heiligen Tag der Arbeit, an dem eigentlich dieselbe ruhen sollte, drucke ich weiter Adressen aus.
Von halb 11 bis gegen 4 schreiben wir sämtliche europäischen Sprachen an, versuchen jedenfalls etwas über die für uns in Frage kommenden Verlage herauszufinden.
Erinnere mich noch an keinen 1. Mai, an dem ich so viel gearbeitet hätte. Und im Kaffeehaus geht es jetzt weiter mit dem Fallrückzieher und in der Nacht open end Adressenkleben.
Sofa: Im Nola also an diesem milden Tag intensive Textarbeit und zu Hause weiter damit.
Gegen 10 nach einer Spargelorgie, bei der Sören aus Sättigkeitsgefühl eher zusieht, drucke ich weiter Adressen aus. Viertel nach 11 bin ich immerhin damit fertig. Ans Kleben.


Freitag, 2. V. 14, Regen:
(Schreibtisch, 5. V. 14:) Trotz grimmiger Eisheiligen bei Dauerniesel findet die Demo gegen den Zwang zur Lohnarbeit gutgelaunt statt. Aus unbewussten Gründen hätte ich Uli dabei nicht erwartet, die Freude ist um so größer.
Postamt: Es geht auf 6 bis ich im Postamt bin und die Hochsee Post 8 an die Multiplikatoren und Goethe-Institute schicke.
(ADAC Postbus Berlin - Hamburg, 6. V. 14:) Gegrillter Hecht.


Samstag, 3. V. 14, sonnig:
(ADAC Postbus Berlin - Hamburg, 6. V. 14:) T: Ein nachgedruckter Zettel von Walter Kempowski, sitze auf einer Bank am Rangsdorfer See.

Die Nacht im Warnauer Backhaus verläuft überraschend milde. Einen Kaffee bekomme ich von Johann ans Auskucksfenster des Hochbetts gebracht.
Große Frühstücksgesellschaft.
Die Begeisterung des 5jährigen Gustav für Popel lässt mich überlegen, ob es schon ein Popelbuch gibt. Raimund erwähnt Gerhard Schöne, der habe eine Platte mit der deutschen Version von "Ein Popel" aufgenommen. Nasenbohrer. Warum sind sie salzig. Alles was man wissen muss und warum man es nicht darf.
Leider ergibt schon die erste Recherche die Existenz von "Das Popelbuch", "Der Popel" und "Das große Buch des Popelns".
An der Hollywoodschaukel in einem Liegestuhl Notizen zum "Hipster", wie vor einem Jahr schreibe ich auch heute in der Sonne von Warnau an einer Schimpwortkolumne:
Die Bezeichnung Hipster hat die Entwicklung vom Wort für einen Angehörigen einer bestimmten US-amerikanischen Subkultur zum Schimpfwort fast abgeschlossen. Die Vorläufer der Hipster sind Dandys, Stutzer, Fatzkes und Popper.
Gemein mit normalen Schimpfwörtern hat Hipster, dass zwar viele andere so bezeichnet werden, aber niemand auf die Idee gehört, er selber könnte dazu gehören. Damit ist klar, dass Hipster keine freundliche Umschreibung ist. Derzeit werden besonders vollbärtige Männer zwischen 20 und 30 mit Sonnenbrillen so bezeichnet.
Das Wort stammt aus den USA, wo es von Harry Gibson, genannt "The Hipster", in den 40er Jahren eingeführt wurde. Gibson bildete das Wort aus "hep" und "hip", womit Freunde des Jazz besonders gelungene Stücke belobigten. Hipster waren bis Anfang der 60er Jahre Bohemiens aus Manhattan, ihr zentraler Begriff "cool" ist heute noch allgegenwärtig. Der Ur-Hipster trug schwarz, Sonnenbrille und Baskenmütze, einen Unterlippenbart und rauchte Marihuana.
Sagt man heute Hipster, so ordnet man nicht den Stil und Geschmack einer Gruppe zu, sondern mokiert sich über modische Verirrungen, so wie Uli Hannemann in seinem ersten Roman "Hipster wird's nicht". Besonders lächerlich erscheint das Hipstertum bei über 40jährigen, wie bei Hannemanns Ich-Erzähler, der nach einer Beschimpfung als Hipster wüdelos davonstakst, weil er sich beim Rasieren der Hoden eine Fleischwunde zugezogen hat.
Die Chemnitzer Band Kraftklub rappte es auf den Punkt: "Ich bin ein Hipster und mache einen Song gegen Hipster."


Sonntag, 4. V. 14, bedeckt:
Rangsdorf, Wohnzimmer:
Georgs Geburtstag 21. Juni
Sofa: Versacke vor einem Spielfilm, ein deutscher Pathologe "Dr Alemán" (D 2008) verfällt in Kolumbien dem Kokain, wird von heimtückischen Taxifahrern ausgeraubt und halbnackt in der schlimmsten Gegend ausgesetzt. Auch beim anschließenden Näschen und Essen mit seinem Erzfeind aus dem Leichenschauhaus wird seine Laune nicht besser. Bei seiner Gastfamilie herrscht ebenfalls dicke Luft, er fliegt raus und siedelt in die Favela und lacht sich eine sexy Ische an. Messerstechereien schlagen zusätzlich auf die Stimmung, die Wunde wird mit Marijuana-Betäubung von ihm genäht. Durch seine tumbe Art verursacht er Morde am laufenden Band und macht sich zunehmend unbeliebt. Ob er mit dem Leben davon kommt, verrate ich aus Gründen der Spannung nicht.


Montag, 5. V. 14, wechselnd:
Schreibtisch: Rufe bei der Gothaer an, wie einfach das klingt und wie sehr habe ich mich gewunden und davor gedrückt. Warum bleibt mir unklar, eine Kopie meines Personalausweises brauchen sie noch, gut, sollen sie haben.
Weitere Kürzung des Fallrückziehers, gegen 11 ans Mauer-Manuskript, rufe Manfred deshalb an und schicke Briefe an die Goethe-Institute in Slowenien, Litauen und Rumänien, die ich per Email nicht erreichen konnte.
Entwurf eines Vertrages, es sollte sowas wie eine Generalvollmacht sein, in allen Ländern übersetzte Ausgaben zu lancieren:
Ihr kennt vielleicht die Problematik mit ausländischen Ausgaben und Übersetzungen ...
...
Ich bin einverstanden, dass die Herausgeber der Anthologie "Welche Mauer eigentlich" Falko Hennig und Alessandra Schio das Buch in andere Sprachen übersetzen und veröffentlichen lassen.
Die Herausgeber verpflichten sich, dafür zu sorgen, dass den Autoren Belegexemplare des Buches zugeschickt werden , WIRD SCHWIERIG, DA MAN JA NIE WELCHE KRIEGT
regelmäßig über den Stand der Verhandlungen zu informieren, ...
... in den betreffenden Ländern in Zusammenarbeit mit den Goethe-Instituten honorierte Lesungen, Podiumsgespräche oder Workshops zum Erscheinen in der Landessprache zu organisieren, die Autoren dazu einzuladen und die verschiedenen Interessen zu koordinieren...
Die nächsten Stationen sind Kopierladen, Steuerbüro, Kaffeehaus. Aber erstmal meine erste Sportzigarette nach der ersten aus Tabak.
Schreibtisch: Sichere Tonaufnahmen und beginne, die Auflösung der letzten für die nächste Sendung zu schneiden.
Sofa: Gegen Mitternacht vor der Glotze beginne ich nach dem Fußball wirklich.


Dienstag, 6. V. 14, sonnig:
Schreibtisch: T: Bin in einer Gruppe alter Blueser, einer von ihnen hat rote Haare.

Mein wichtigstes Vorhaben für heute: Nicht rauchen! Bin gespannt, um welche Uhrzeit mich die erste Gier befällt.
Vorerst aber lässt sich der Tag erfreulich an, Erdbeeren, schneide die Hochsee-Auflösung zu Ende, Korrespondenz wegen der Anthologie, als ich Kartoffeln für einen Salat als Wegzehrung nach Hamburg aufsetzen will, sind zu wenig da. Willkommene Gelegenheit, in die Kaufhalle zu pilgern, auch eine Birne wird den Salat bereichern. Selbst eine Spargelstange bleibt nicht verschont, schnippel sie roh hinein.
ADAC Postbus Berlin - Hamburg: Tippe gestärkt durch einen Kartoffelsalat mit Fenchel, Spargel und Ingwer meine Notizen zum Schimpfwort "Hipster" ein.
(Sofa, 8. V. 14:) Anspannung, letztlich Stress auf dem Hamburger Bahnhof, als ich auf meinem ausgedruckten Zettel keinen Sinn mehr ausmachen kann und als sich im Auto im Hamburger Niemandsland meine Route zur Tankstelle als falsch erweist und nochmal in Parchim, als wir dort verloren herumgondeln.
Pizza in Parchim in der Zinnhütte.
Fahren durch Rom. Tante Christa hatte mir die Geschichte "Schweigen wir von Rom" erzählt.
Hinter Plau am See werden wir wegen der fehlenden Nummernschildbeleuchtung von der Polizei mit € 10,- verwarnt.
Finde problemlos den Weg hinter Suckow an Christas Asche vorbei zum Plauer See und dort einen Platz fürs perfekte Nachtquartier.
Erzähle die Gruselgeschichte vom Puzzle mit dem Axtmörder.


Mittwoch, 7. V. 14, wechselhaft:
(Sofa, 8. V. 14:) T: Sören will nicht zu Muttis Geburtstag mitkommen, ich bin furchtbar sauer, zähle auf, wie lange sie schon nicht mehr da war.

Jungfernnacht im neuen Wagen am Plauer See unter Suckow auf dem Gastank, schlafen vorzüglich.
Frühstück in der Stuerschen Hintermühle, Spaziergang durch Bad Stuer und zum See, die Nähmaschine in Neon.
Nach Marwitz, wo ich zwei schöne W50 ablichten kann. Der Hof mit den vielen Möbeln und Bauteilen.
Eigentlich schon der Entschluss, Papa einfach zu vergessen, da ruft er an, wieder Stress bei mir, bin nicht in der Lage, ihm abzusagen. Nach knapp 45 Jahren habe ich noch immer keine funktionierende Strategie, um mich gegen meinen alten Herrn durchzusetzen.
Mit Papa zu Muttis Geburtstag, einhellig wird Johanns Super-Schlitten gelobt und bewundert.
(Sofa, 8. V. 14:) Glücklich in Johanns Bett im Durchgangszimmer, Tagesthemen: Ukrainie, Thailand, Nigeria, Südafrika, Siemens, Anne Frank.


Donnerstag, 8. V. 14, sonnig:
Sofa: T: Ziehe durch Berlin, unterhalte mich mit jemandem, die Umgebung ist beeindruckt: "Du hast mit DJ Michael (gesprochen Maikl) gesprochen?" Wusste gar nicht, dass er ein berühmter DJ ist. Beobachte eine zutrauliche schwarze Ente in einer Wohnung. Will dann eine Frau von etwas überzeugen oder zu etwas überreden und setze ihr dazu das Tier auf den Schreibtisch. Die freundliche Ente lässt sich streicheln, watschelt auf die Dame zu und gewinnt ihr Herz.Auf den Seitenklappen eines Buches ist eine Lesung von Stuckrad-Barre und einem Kollegen angekündigt. Das Konzept, nur noch alle paar Monate eine Lesung zu veranstalten, geht auf. Der Saal ist sehr voll, gerade noch so bekomme ich einen Platz.

Sympathischstes Element dieses Traums ist die Ente, aber wofür steht sie? Für Churchills schwarzen Hund? Für den großen schwarzen Vogel? Für die Ente in uns allen? Keine Ahnung, es klingelt nichts.
Nach Wochen fast schon wieder normalen Rauchens ist heute der dritte komplett rauchfreie Tag, wenn ich es denn durchhalte. Noch gegen 11 liege ich allerdings ungefährdet im Bett.
Anruf von Papa, ob ich seine Fernbedienung habe und die Dampfmaschine? Zu 1. nein, zu 2. ja.
Schreibtisch: Kurz vor high noon am Schreibtisch, die gerade abgeschlossene Zeitungsschau hat keinen einzigen Hinweis auf meinen Spaziergang am Sonntag erbracht.
Trödel auf Facebook herum, telefoniere mit Kirsten, die mich wegen des Chaplin-Plakates warnt, United Artists könne mich da verklagen oder so.
Schreibe deshalb an Ronald.
Arbeite bis halb 3 am Hipster, wahrscheinlich, weil es nicht mit größter Priorität auf meiner To-do-Liste steht, wie alles andere.
Erst nach 3 mühsam ans nötige Telefonat wegen des Studiotermins für die nächste Sendung.
Sofa: Sophia Kunze beginnt ihre Diskursgeschichte in Bildern über "Frauen mit Bart" in der Humboldt-Uni vor über 30 Frauen und fünf Herren mit dem "Bildnis einer bärtigen Frau" von 1631, es ist Magdalena Ventura, der mit 37 Jahren der Gelehrtenbart wuchs. Abgebildet ist sie im Alter von 52 mit einem saugenden Baby an der stillenden Brust, die ihr aus der Mitte des Oberkörpers wächst. Damals wurden kleinwüchsige, haarige und fettleibige Hermaphroditen gern gemalt.
Sofa: Abwasch beruhigt mich, auch das Duschen. Alles ist gut.
"Vertrag mit meinem Killer" (Fin/GB/D/S/F 1990) mit Sören.

14
Apr
2014

http://falko-hennig.blogspot.de/

Ostersonntag, 20. April, Start: 14 Uhr, Alexanderplatz, Weltzeituhr,
Stadtspaziergang von Falko Hennig
"Mumien, Mörder, Mittelalter"
2h, € 10,-, Anmeldungen unter Tel.: 0176-20215339.
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1
Apr
2014

Kafkas Theater

Sonntag, 6. April, Start: 14 Uhr, vor dem Deutschen Theater (Schumannstr. 13, Berlin Mitte):
Stadtspaziergang von Falko Hennig
"Kafkas Theater"
2h, € 10,-, Anmeldungen unter Tel.: 0176-20215339.
Albert-Bassermann
Zu meinem Spaziergang am Sonntag gibt es einen kleinen Fernsehbeitrag vom RBB, den man
sich hier ansehen kann:
https://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/20140327_2215/kulturtipps-mit-falko-hennig.html

Franz Kafka hatte zu Berlin viel mehr Beziehungen, als nur zu seiner zweimaligen Verlobten Felice Bauer oder seiner Geliebten Dora Diamant, wegen der er sogar in die deutsche Hauptstadt umzog. Schon bei seinem ersten Aufenthalt in Berlin besuchte er, wie auch bei seinen späteren Reisen, das Theater, betätigte sich als Kritiker und zeigte ein ausgeprägtes Urteilsvermögen.
Nachdem er Albert Bassermann, Foto (c) Falko Hennig, 1910 in Max Reinhardts Inszenierung des Hamlet im Deutschen Theater gesehen hatte, schreib er an Max Brod:
"Max, ich hab eine Hamletaufführung gesehn oder besser den Bassermann gehört. Ganze Viertelstunden hatte ich bei Gott das Gesicht eines andern Menschen, von Zeit zu Zeit mußte ich von der Bühne weg in eine leere Loge schauen, um in Ordnung zu kommen."
Ein besonders inniges Verhältnis hatte er zu den Scheunenviertel-Theatern, also jiddischen Mundartkünstlern, mit dem Schauspieler Itzak Löwy verband ihn eine langjährige Freundschaft.
Falko Hennig führt an verschieden Theater, in denen Kafka gesessen hat sowie an Orte von Aufführungen und Hinterhofbühnen, die er als Rezensent begleitete.
Hier finden sich weitere Informationen zu meinen Spaziergängen:
http://falko-hennig.blogspot.de/

20
Jan
2014

13
Jan
2014

TYPOLOGIE DER DEUTSCHEN SCHIMPFWÖRTER

Schwuli, Schwulibert und schwul Paketche
(c) Falko Hennig

Im Duden erscheint das Wort "schwul" in Westdeutschland zuerst 1967, in der DDR 1976, jeweils mit der Erklärung: „derb für: homosexuell“
Der Schweizer Bundespräsident Moritz Leuenberger würdigte 2001 die Schwulen- und Lesbenbewegung: ihrer Beharrlichkeit sei es zu verdanken, "dass ich heute die Worte ‚schwul‘ oder ‚lesbisch‘ viel leichter über die Lippen bringe. In meiner Jugend waren dies obszöne Schimpfworte, und ich wunderte mich später darüber, dass Sie sich nicht einen anderen, weniger belasteten Namen geben.
Heute muss ich Sie dazu beglückwünschen. Sie sind auf diese Weise zwar den schmerzlicheren Weg gegangen; aber Sie haben etwas in Bewegung gebracht.
Sie haben Schimpf und Schande auf sich genommen, aber Sie sind daran, die Worte ‚schwul‘ und ‚lesbisch‘ salonfähig zu machen; ich meine inhaltlich akzeptiert. Sie hätten auf eine politisch korrekte Bezeichnung ausweichen können – etwas Lateinisches oder Griechisches vielleicht?"
Einen homosexuellen Mann als Schwulen oder als schwul zu bezeichnen, ist seit Jahrzehnten keine Beleidigung oder Beschimpfung mehr, außer in Zusammensetzung mit Sau, Hengst oder im hessischen "schwul Paketche" (gesprochen: Pakétsche).
Die jugendsprachlichen "Schwuli" und "Schwuschi" erinnern zwar an Koseworte, wurden aber wie die schon um 1920 üblichen "Schwulibert" und "Schwulinski" herabsetzend gebraucht.
Das gilt auch für "Schwuletten", Christian Kracht erzählt in "Faserland" von einer Begegnung in Griechenland: "plötzlich wird mir klar, daß ich mitten in einer Runde von ganz, ganz harten Schwuletten gelandet bin." Was er damit meint, beschreibt er ebenfalls: "Alle sind tiefbraun, einige haben ondulierte Haare und die meisten sind über vierzig. Sie haben die unmöglichsten Badehosen an, so Bänder, die hinten durch die Furche gezogen werden und vorne ein kleines Beutelchen haben."
Nach "Dem Richtigen Berliner in Wörtern und Redensarten" von Hans Meyer bedeutete "schwul" Anfang des 20. Jahrhunderts hauptsächlich nichts anderes als "schwül" und in der Redensart "Ick bin sehre in Schwulibus" sind Schwierigkeiten gemeint. Anders sah es aber zu dieser Zeit schon in der Gaunersprache Rotwelsch aus, Hans Gross erklärt schwul in der "Encyclopädie der Kriminalistik" mit "Päderast" und Hermann Paul in seinem Wörterbuch mit "homosexuell". Auch in der Wiener Prostituiertensprache der Zeit gab es ein sehr ähnliches Wort für dasselbe: "schwui".
Im 17. Jahrhundert wurde das norddeutsche swul, verwandt mit schwelen bei drückender Sonnenhitze, ins Hochdeutsche übernommen und im 18. Jahrhundert war es vermutlich der ähnliche Klang von kühl, der die Umformung zu schwül bewirkte.
Schwulität für Schwierigkeiten geht als Ableitung auf einen studentischen Scherz im 18. Jahrhundert zurück, Gottfried August Bürger schrieb:
"D'rauf trabte der Kaiser mit Lachen von hinnen.
Das Pfäfflein zerriß und zerspliß sich mit Sinnen,
Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität,
Der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht."
Schwul als ältere Variante von schwül verschwand seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus der Schriftsprache, wurde aber gelegentlich für komische Wirkung verwendet. So beschrieb der Germanist Johann Christoph Adelung "schwühl" als "ein nur von der Luft und Witterung übliches Wort", wohingegen "schwuhl" zu den "gemeinen Sprecharten" gehöre: "Mir wird ganz schwul bei der Sache!" Ernst Moritz Arndt dichtete 1860:
"September trüb und schwul 
sendet Leichen zu Tiefen, 
weil zu dem Entenpfuhl 
Wasser holen sie liefen."
Zur Bedeutungsübertragung im Sinne unseres heutigen Gebrauches für "homosexuell" war es zu dieser Zeit aber schon gekommen, wie der Germanist Paul Derks ausführt, der den Ausdruck in einer kriminologischen Abhandlung von 1847 gefunden hat und deshalb subkulturellen Gebrauch des Wortes vermutet.
Im 19. Jahrhundert wurde die Bezeichnung sowohl im Berliner Jargon als auch in der Gaunersprache Rotwelsch üblich. In "Das deutsche Gaunertum" von 1862 von Avé-Lallemant wird Schwuler erklärt: "der von stiller, ängstlicher, abmattender Wärme Ergriffene, ο παιδεραστης“ (ho paiderastes). Das Verb "schwulen" wird mit „παιδεραστειν“ (paiderastein) erklärt. Damals wie heute waren nur Kundige des Griechischen mächtig und kannten Päderastie als Fremdwort für die gleichgeschlechtliche Liebe. Beschwulen hat bei Avé-Lallemant dagegen die Bedeutung „hintergehen, betrügen“.
Auch der Sexualwissenschaftler Albert Moll wusste 1891 schon von schwul als Selbstbezeichnung für "Conträrsexuelle" Männer und Frauen, die ihre festen Beziehungen "schwule Ehe" oder "schwules Verhältnis" nannten.
Es liegt sehr nahe, eine ähnliche Übertragung zu vermuten, wie sie in den Bezeichnungen "warm", "Warmer" oder "warmer Bruder" stattgefunden hat für jemanden, der nicht kühl, sondern heiß für Geschlechtsgenossen empfindet, oder wenigstens warm, schwül und schwul.
Eine andere mögliche Herkunft legt das Wiener "gschwulsddich" in der Bedeutung von "geschwollen" nahe, allerdings ist damit die Redeweise und nicht die Erektion gemeint.
Bis in die 1950er Jahre wurde schwul auch für lesbische Frauen verwendet, aus der "Homosexuellen Aktion Westberlin" bildete sich 1972 eine "schwule Frauengruppe". Von 2001 stammt die Single "Schwule Mädchen" der Hip-Hop-Band "Fettes Brot". Selbst 2006 war noch ein Artikel der AG Lesbenrechte über die Diskriminierung lesbischer Schülerinnen mit „Bist du schwul oder was?“ übertitelt.
Seit dem Ende der 60er Jahre gibt es die Schwulenbewegung, die sich auch so nennt, seit 1985 in Berlin das "Schwule Museum". Die wohl wirkunsgsmächtigste Verwendung des Wortes gab es 1970 in dem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" von Rosa von Praunheim. Die Zeitungen wollten sich anfangs von der beleidigenden Verwendungsweise abgrenzen und setzten "schwul" in Anführungszeichen. Während die linksliberalen Medien die Bezeichnung häufig verwendeten, wurde sie von den konservativen vermieden.
Die grüne Abgeordnete Jutta Oesterle-Schwerin verwendete 1988 in Anträgen an die Regierung zur rechtlichen Behandlung homosexueller Paare das Wort Schwule, daraufhin entrüstete sich im Bundestag Franz Wittman von der CDU über das Wort und die „Verwilderung der Sprachkultur“. Er warf der Politikerin vor, die „der Gosse zugehörige Vokabeln“ nicht nur zu verwenden, sondern sie auch noch genüßlich auszuwalzen. In Bundesdrucksachen und in der Parlamentsberichtserstattung seien die schlimmen Wörter aufgetaucht, was des „hohen Hauses unwürdig“ sei. Bundestagspräsident Jenninger forderte die Abgeordnete auf, „Schwule und Lesben“ durch „die Wendung Homosexuellen und Lesbierinnen“ zu ersetzen, denn viele Kollegen würden den Begriff „Schwule“ nicht als Bestandteil der Hochsprache ansehen. Oesterle-Schwerin blieb hart:
„Eines werden sie auf jeden Fall nicht erreichen: Ich werde im Hohen Haus weiterhin von Lesben und Schwulen und nicht von homosexuellen Mitbürgern und Mitbürgerinnen reden.“ Trotzdem sprach sich der Ältestenrat „mit breiter Mehrheit“ gegen die Verwendung des Wortes aus. Die CDU/CSU ließ sogar das Telefon des Schwulenreferats der Grünen Fraktion abschalten und die Bundestagsverwaltung weigerte sich, Anträge mit dem Begriff überhaupt auszudrucken.
Um den wichtigen Antrag trotzdem einzubringen, verwendeten die Grünen die antiquierten Begriffe Urning und Urninde. Erst 1990 endete die rechte Zensur und die Grünen konnten verkünden:
„Das Parlament erweitert seinen Sprachschatz“. Der Rest ist Geschichte, Klaus Wowereit gab 2001 als erster deutscher Spitzenpolitiker selbstbewusst bekannt:
„Ich bin schwul – und das ist auch gut so!“
Heute ist schwul die allgemein übliche Selbstbezeichnung homosexueller Männer, wie viele Umfragen und Studien belegen. Nur ältere Homosexuelle aus der Unterschicht lehnen das Wort ab. Sicher auch, weil sie schwul mit tuckig oder tuntig assoziieren, wie es auch Filme wie "(T)Raumschiff Surprise" nahelegen:
„Ich bin nicht schwul, ich bin homosexuell!“
Vielleicht hat die Ablehnung damit zu tun, dass schwul in der heterosexuellen Unterschicht nach wie vor und in den letzten zehn Jahren zunehmend im Sinne von schlecht, unangenehm, peinlich, langweilig, seltsam und enervierend gebraucht wird:
"Diese schwule Kolumne!" Wenn etwas schwul aussieht, ist ein sehr unvorteilhafter optischer Eindruck gemeint und die Frage „Bis du schwul, oder was?“ kann einfach bedeuten: „Geht’s noch?“

24
Dez
2013

www.Falko-Hennig.de

Donnerstag, 26. Dezember, 21.30 Uhr, auf 88,4 MHz (Berlin) und 90,7 MHz (Südwesten) sowie http://www.piradio.de/:
Klingendes Radio Hochsee Rätsel No. 45
mit Stella Klasanovic

Sa, 28. & So, 29. Dezember, Z-Bar (Berlin Mitte, Bergstr. 2), 20.30 Uhr:
Radio Hochsee Gala 2013
Falko Hennig & Doc Schoko
Euro 10,-/8,-

Sonntag, 29. Dezember:
Literarischer Stadtspaziergang
"Kafka auf dem Prenzlauer Berg"
Auf den Spuren von Schriftstellern und ihren Werken.
€ 10,-
Start 14 Uhr am Senefelderplatz, Senefelderdenkmal,
Anmeldungen unter Tel.: 0176-20215339.


DEZEMBER
Sonntag, 1. XII. 13, bedeckt:
Sofa: Einerseits durchaus Freund seit 1990, andererseits fühle ich mich in seiner Anwesenheit regelmäßig angestrengt, dieses Fragen nicht beantworten, 1000erlei Sachen von sich erzählen ohne das geringste Interesse an anderen zu zeigen, eine Million unkonkrete Anregungen geben, als hätte man nichts zu tun, schon darüber nachzudenken ist in den seltensten Fällen sinnvoll.
Burger: Totentanz im Publikum mit grad 20 Zuschauern. Ein paar mehr werden es durchaus noch und die Stimmung ist exzellent.
Stollenessen: Camilla, Martí einladen!
Für einen meiner nächsten Stadtspaziergänge:
http://m.tagesspiegel.de/berlin/musik-fuer-die-massen/485738.html

Montag, 2. XII. 13, sonnig:
Schreibtisch: T: Bekomme eine bunte Karte mit der Todesanzeige für Peter Hennig, es wird zu einem übergeschnappten Fest oder so ähnlich zu seiner Erinnerung eingeladen. Ich kann es gar nicht glauben, ich hätte doch vorher davon erfahren! Mir wird klar, dass es sich nur um einen Traum handelt und beruhigt träume ich weiter. Katzen ohne Zähne, zahnlose Minkas.

Halb 11 endlich wieder ausgeschlafen auf.
Zum Frühstück schimmlige Biowurst, die mir schon frisch nicht geschmeckt hat.
Mr. Heinrich Pumpernickel ist tot, Chris Howland gestorben. Hier und da habe er ein Glas zu viel getrunken, erfahre ich im Radio.
Einigermaßen rechtzeitig fällt mir noch ein, die Auflösung fürs Hochsee-Rätsel zusammenzuschneiden, beginne damit viertel nach 12. Prompt stürzt nach einer Viertelstunde Audacity ab und ich habe die Datei neu zu laden, aber alles noch easy und entspannt, eine weitere Tasse Kaffee wird dieses Gefühl verstärken.

Dienstag, 3. XII. 13, sonnig:
Schreibtisch: Fotografiere das Fahrrad eines Optimisten Zehdenicker Ecke Choriner Str.:
"Hinterrad zurückbringen
!!!!"

Bringe den Anruf bei Radio Eins hinter mich, sichere Bilder auf der externen Festplatte, auch die letzte Reformbühne. Dann Pressearbeit für den Spaziergang am 22. Dezember.
Will endlich den Text öffnen, den ich mit Ale erarbeitet habe, und der viele Korrekturen erfordert, aber habe ihn gar nicht als Datei und erbitte ihn mir entsprechend per Mail.
Heute eine Woche rauchfrei, sehr gut!
Damit war ich bemerkenswert fleißig, gegen 2 Spreewälder Brot und danach Mittagsschlaf.
Die Vorbereitungen für meine vielen geplanten Stadtspaziergänge führen mich gegen 4 in den Kopierladen. Sodann lese ich Zeitung in der Kapelle und fahre zur Brunnenstr. 154, wo aber keine Spuren des Amiga-Studios zu finden sind. Das Hinterhaus ist abgerissen und ein Neubau steht darauf, à la recherche du temps perdu, besser du musique perdu.
Suppengemüse, Pepperoni und Gurke aus der Ackerhalle. Siglinde, die ich wegen des Fuffis frage, den ich von Benno zu bekommen habe, fühlt sich unzuständig, so muss ich mich an die schwarze Qualle selber halten. Sehr unangenehm, wahrscheinlich werde ich meine Kohle nie bekommen. Jeder Zorn verpufft an diesem sozialen Nichts namens Benno. Wenn er mal stirbt wird niemand traurig sein. Oder doch? Bin gespannt.
Schreibtisch: Wieder ist eine Weihnachtskarte von dem alten Monster-Rocker Steve Golly eingegangen.
Enervierendes Adressieren der Hochsee Posten für die Goethe-Institute, bei jedem muss ich die Papierschublade öffnen und schließen.
(Pult, 4. XII. 13:) Ins Babylon, treffen im Foyer Gellert und Sara, was für angenehme Menschen ich doch im Bekanntenkreis habe. "Stories to tell" (Can 2012) ziemlich grandios, obwohl sich irgendwann enthüllt, dass ein Großteil der angeblichen Super8-Filme gefälscht sind. Die Geschichte selber eher recht harmlos, ein Kuckuckskind, der leibliche Vater sieht aus wie eine Mischung aus Mark Twain und Albert Einstein. Aber da die Familie aus Schauspielern und Schriftstellern besteht, ist es eine Lust, sie beim Erzählen beobachten zu können. Eine halbe Stunde zu lang ist der Film, das selbstreferentielle Geeiere, warum sie den Film macht und was alle dazu denken, hätte weggelassen werden können, abgesehen von der Ablehnung des Albert Twain.

Mittwoch, 4. XII. 13, grau:
Pult: T: An der Volksbühne in der Linienstraße in meinem Kübeltrabbi, dann sind plötzlich sehr viele Kübeltrabbis da, wohl ein Treffen. In einem alten Haus Schönhauser Tor eine Aufführung der Volksbühne, mein Vater sitzt mit im Publikum, er riecht nicht gut, hoffentlich hat er seine Windeln an. Die kleine Bühne des Saales wird mit einfachsten Mitteln schnell umgebaut. Singe "La mer".

Halb 10 auf, heiteres Frühstück, zum Postamt, wenigstens das Päckchen ans Goethe-Institut abgeben. Zu Copy Clara schräg gegenüber in der Torstraße, das Ausdrucken würde pro Adresse 6 Cent kosten, also 6 Euro bei 100 Hochsee Posten, zu teuer, jedenfalls jetzt, wo ich die Ausgaben für die Neujahrskarte stemmen muss.
Nach 11 bei mir und an die Rundmail, halb 12 habe ich sie verschickt.
Eigenartig ist das Nichtverhalten von Bugatti in Bezug auf meinen Besprechungswunsch, dass die Presseabteilung nicht einmal antwortet ist eigenartig. Noch komischer allerdings Andy, der mir den Namen der Dame nicht verraten will. Exzentrisch schon gegenüber Fremden ist es gegenüber mir grotesk. Auch, dass er dort Telefondienst macht, finde ich überraschend, schrieb er doch, er sei im Lektorat.
Mir gehts sehr gut, beruflich scheint die Konzentration auf meine Stadtspaziergänge & Touren sehr sinnvoll, hatte neulich 30 Teilnehmer & werde damit vielleicht wirklich mein Leben fristen können. Mir macht es großes Vergnügen, die Stadt in der ich lebe in ihrer historischen Tiefe auszumessen und meine Erkenntnisse mit neugierigen Menschen zu teilen. Ein neues Büchlein ist raus:
http://www.sukultur.de/die-wartburg-gang-und-die-schwalben.html
Schreiben, Fotografieren, meine Radiosendungen machen Spaß wie eh & je, mit der Planung meiner Spaziergänge kehre ich zu meinen stadthistorischen Artikeln zurück, nur dass es sich wohl jetzt besser rechnet. Mal sehen.
Die Abkehr vom Schreiben als direkten Lebensunterhalt war lange überfällig, bin froh, endlich die Konsequenz aus der Entwicklung in Presse und Verlagen in den letzten 20 Jahren gezogen zu haben.
Habe viele Lesungen, Auftritte, Veranstaltungen, muss mich auf den Weg nach Frankfurt/Oder machen,
Ab 10 nach 12 an dem Exposé von Ale.
Gerade als ich fertig bin, dreiviertel 1, kommen die Neujahrskarten. Sie sind etwas düster, aber verglichen mit manch anderem Jahr noch harmlos.
Bus Waldenser Str.: Der Unterschied zwischen Fog und Mist ist die Sichtweite, ist sie geringer als ein km ist es Fog, sonst Mist wie heute auf dem Weg nach Ost.
Batterien vom Bus tot, anschieben durch Herde Bühnenkünstler bewegt Fahrzeug keinen mm, Starthilfekabel verschmoren, Kaffee & Pfannkuchen.
Keine 1½ Stunden später hat Gulliver-Werkstattwagen Starthilfe gegeben, wir fahren! "Batterie ist zu voll geladen, wir müssen wieder raus."
Bernd muss einen echten Moabiter zum Rückwärtsfahren einwinken, zum Dank darf er dem Bus bis zur Turmstraße hinterher rennen. Arnulf Rating kommentiert launig.
Busfahrer verstärkt Eindruck seiner Inkompetenz durch irre Streckenführung und ununterbrochenes Meckern.
Frankfurt/Oder, Kleistforum: Bekomme einen Eintrag von Herrn Reinhard Jirgl in der Bibliothek in mein Poesiealbum, für einen Euro kaufe ich ein Buch über Riesenschlangen, auf dem Weihnachtsmarkt eine Runde Weihnachts Dancer.
Die Stepinskis (wg. H&W)
Info@nataschadiegrosse.de
Reinhard Jirgl AdK

Donnerstag, 5. XII. 13, stürmisch:
Schreibtisch: Meine Töchter freuen sich schon vorsorglich über Schulausfall wegen des Orkans, aber richtige Belege kann ich dafür im Netz noch nicht finden. Es liegt wohl im Ermessen der Eltern, wenn die beiden mir auf die Nerven gehen, darf ich sie also morgen in den Tod schicken.
Sofa: Gehe meine Büro-Adressen für die Neujahrskarte durch.
(Schreibtisch, 8. XII. 13:) Fürstliches Sushi-Bereiten und -Essen, habe einen aufgetriebenen Bauch, als sei ich im 8. Monat.
Aber in der Tat belastet die japanische Spezialität recht wenig und bald fühle ich mich nicht mehr ganz so genudelt.
"Das sieht so schön aus."


Freitag, 6. XII. 13, Schneesturm:
Schreibtisch: Ella fällt am Morgen ein, dass es doch ganz schön stürmt und meinen Segen und die amtliche Aufhebung der Schulpflicht hat sie auch. Frühstücke mit Lisa allein, bevor ich mich wieder im Bett verkrieche. Lese etwas in Hildegard Knefs "Geschenktem Gaul" und schlafe bis nach 11.
(Schreibtisch, 8. XII. 13:) T: Auto an einem See, ein schreckliches Verbrechen, ein Messermord oder so ähnlich ist begangen worden, die Leiche liegt in einem Auto, die Geschichte wird rückwärts erzählt. Karl Neukaufs neue Platte wird bei einer Party präsentiert, Michael Montfort ergänzt das biografische Interview, es wird immer voller und viel gekifft. Karl sieht Montforts Ergänzungen und ist davon positiv angetan.
Schreibtisch: Radle durch Kälte und Schneesturm zum Postamt, wo ich den Antrag für einen Zuschuss beim Arbeitsamt einwerfe, zu Ralf, die ersten Vorzüge sind fertig und wunderschön.
Bei mir drucke ich bis 14 Uhr die Büro-Etiketten für die Neujahrskarten aus, es sind 2735. Noch ein Käffchen und dann beginnt das heitere Kleben bis nach 3.
Heraussuchen von Plätzchenrezepten für übermorgen, hoffentlich finde ich noch eine Hirschkäfer-Ausstechform.
(Wartezimmer Blank, 9. XII. 13:) Dr. med erzählt von durchgekoksten Nasenscheidenwänden, die er auf Arbeit zu flicken hat, einer hat sich sogar Löcher bis nach außen geschnupft. Inzwischen näht man sie mit Stirnhaut zu und nicht mehr mit Material aus den Armen wies der seelige Dieffenbach erfunden hatte.


Samstag, 7. XII. 13, hellgrau:
Schreibtisch: T: Treffe Max Goldt in einem Café, er erzählt mir, wie sie mit Freunden meine Berlin-vor-100-Jahren-Kolumne aus Spaß in andere Sprachen übersetzt haben. Werde von jemandem verfolgt, der mich umbringen will. Finden in einem Haus Unterschlupf, es ist Max', wo auch seine Frau mit den Drillingen wohnt. In einer Kutsche fahren wir Richtung New Yorker Innenstadt.

Fühle mich zu müde für Fußball und lasse es ausfallen, wann hat es das jemals zuvor gegeben?
Klebe Adressen, während ich Dokumentationen über Leonardo da Vinci und Nelson Mandela sehe.
(Schreibtisch, 8. XII. 13:) Zum Kantinenlesen, zwinge mich zu buddhistischster Gelassenheit.
Micha spielt sich mit seinem Hang ein, auch in dieser Hinsicht versuche ich, Herz und Geist zu öffnen und es funktioniert. Erstmalig gefällt mir seine Schrammelei auf dem Doppel-Wok.
Verschiedene merkwürdige Geräusche irritieren während der Show: Knarren, Quitschen, meckerndes Lachen an völlig unpassenden Stellen, sonderbares Zischen, Stöhnen, Laute des Ekels und Abscheus.
Danach entfliehen alle wie von wilden Furien gejagt.
(Küche, 8. XII. 13:) Mit rasendem Tempo geht es ungebremst in die Altersarmut.
Grad fertig mit dem Kleben der Büroadressen, also die Hälfte habe ich geschafft! Sehr zufrieden mit dem Tag.


Sonntag, 8. XII. 13, grau:
Schreibtisch/Küche: T: In Ludwigsfelde an der Schleuse, eine Frau, von der ich glaube, sie fahre eines der Boote, fordert mich auf, die Schleuse zu öffne. Ich drehe an einem Rad, das Wasser fließt, wohl zu viel, so dass das Boot gefährdet ist. Die Frau ist empört. Sehe später, dass sie die Schleusenwärterin ist. Gehe über die Hauptstraße, wo urbanes Leben auf den Bürgersteigen stattfindet, volle Straßenrestaurants und -cafés. Im nahen Atelier eines Künstlers, er telefoniert. Sage eher aus Spaß, dass es sein kann, dass Bob Dylan hier Schleusenwärter sei, er werde doch als Meister der Verwandlung bezeichnet, nur dass er immer sofort zu erkennen gewesen sei, nur jetzt hier als Schleusenwärter nicht. Sehe Wasserwanderer den Kanal entlangfahren, einer auf einem Fahrrad, das mit der entsprechenden Ergänzung zum Tretboot geworden ist. Gehe durch Ludwigsfelde Richtung Papa, ein verwildertes Grundstück ist mit martialischen Warnhinweisen ausgestattet, die ein Betreten verbieten. Darauf verfallene Häuser, will es erst durchqueren, gehe dann doch herum. Es gehört, erfahre ich von einer Passantin, der Tochter des Bürgermeisters. Ob ihr das weiter gehören darf? Ich weiß nicht, ob das Urteil schon rechtskräftig sei?

Küche: Stehe gegen 10 auf, um das Klingende Sonntagsrätsel zu genießen.
Deutsches 2silbiges Wort mit 6 Buchstaben, auch als Verb verwendet & liegt damit nicht jedem.
1. B aus Jingle Bells
2. A von frz. Schauspieler & Chansonnier, "Jiji" 1959 9 Oscars, Maurice Chevalier
3. ? "Move it" mit den "Shadows", gerade 100. Album, einsilbiger Künstlervorname, 1. Buchstabe, inzwischen 73.
4. K Sendetitel, im 2. der 3. Wörter findet sich Buchstabe, "Das aktuelle Sportstudio".
5. E von Dichter & Überwinder der Romantik, 1797 in Düsseldorf, Heinrich Heine.
6. N aus "Der Nußknacker"
Schreibtisch: Gegen 11 an die Datenpflege, gleichzeitig ans Abtippen meiner Notizen seit Freitag und Ausdrucken der 1150 Privatadressen.
Pult: Nach 12 ans Herrichten, also Aufräumen der Küche.
Telefonat mit Mutti, zwei Wochen lang muss sie jetzt nach der Operation noch die linke Hand schonen, im nächsten Jahr ist dann die rechte dran. Mit ihrer Reise im Januar, Thailand wegen der Demonstrationen wohl doch nicht, vielleicht Ägypten oder Vietnam, dass solle ja nicht so überlaufen sein.
Nach 13 Uhr sehe ich in der Küche einigermaßen Land,
(Pult, 9. XII. 13:) Erstmalig schabe ich das Mark einer Vanilleschote aus der Schale.
Recht gelungen ist ein satirischer Text von Jakob, in dem er die absurden Nachrufe verschiedener Diktatoren auf Nelson Mandela zitiert oder auch von merkwürdigen Prominenten.


Montag, 9. XIi. 13, dunkelgrau:
Pult: Nach 10 auf, aktiviere meine neue O2-Simcard und bekomme prompt zwei neue Nummern zugesimst, die ich jetzt habe. Und das, obwohl zugesichert war, ich würde die alten behalten und ich so die alte auf 4000 Postkarten gedruckt habe. Wenn sich die Sache nicht beheben lässt, würde dieses ihr Versagen mir einen Schaden von circa 3000 Euro bescheren.
Rufe eine Hotline für moderate 20 Cent an, auf der mich eine Tonbandstimme auf 10 Minuten Wartezeit vertröstet. Ohne die Lautsprecher-Funktion wäre es eine unmenschliche Folter.
11.20 Uhr immer noch in der Schleife, schließlich, 12.24 spreche ich mit einem Menschen, ich solle mich registrieren, einloggen und die Rufnummer goutieren oder boutieren, gemeint ist die Rufnummermitnahme. Merkwürdigerweise sagt mir die Dame auf meine Frage, dass sie Herr Konrad heiße, vielleicht ein Intersexueller?
Logge mich ein, finde aber dort nur ein Formular zur Mitnahme der Nummern von anderen Anbietern, O2 Prepaid kommt O2 noch am nächsten, also nehme ich das.
"Die Bearbeitung Ihres Auftrages kann bis zu drei Werktage in Anspruch nehmen. Wir teilen Ihnen den Umstellungstermin per SMS mit. Zudem informieren wir Sie, sobald die Umstellung erfolgt ist." Da bin ich mal gespannt.
Wartezimmer Blank: Schwester Silvia und ihr Familientreffen vor dem Tresen kann mich nicht richtig darüber hinwegtrösten, dass ich mit meinem Termin eine Stunde zu warten habe, während der Tod meine Zigaretten raucht.
Die Arbeitsorganisation liegt hier im Argen.
Weiter mit der, nach dem Blog, zweiten Lektüre von Wolfgangs "Arbeit und Struktur", das meiste hat nur indirekt mit seinem Hirntumor zu tun. Die Sportfreunde und Spiele erwähnt zu finden, bei denen wir zusammen auf dem Platz waren, die vielen Freunde, für mich Bekannte, die ich zuletzt beim Gedenksaufen gesehen habe. ...
Welche Freunde ihm bei Besorgung der 357er Smith & Wesson geholfen haben, wird ich vielleicht früher oder später erfahren, wette, es war nicht in Neubrandenburg.
Pult: Hilmar, Franco kauft 2 Berlin-Bücher,
Eine Mütze für 30 Euro in der Rosenthaler Straße kaufe ich mir, von der ich ästhetisch nicht ganz so abgestoßen bin wie von meiner Webpelz-Bäfo.
Noch vor wenigen Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, mit der Charité auf Facebook befreundet zu sein, jetzt ist es soweit.
Pressearbeit für die nächsten Stadtspaziergänge.
Dann erneuter Anruf bei der Hotline in der Hoffnung, meine Rückkehr zur alten Nummer zu beschleunigen. Nach 40 Minuten in der Warteschleife erfahre ich über einiges Tohuwabohu, mein neuer Vertrag ist storniert, morgen kann ich meine neue Sim-Card wegwerfen und die wieder die alte nehmen, habe wieder mein alte Nummer zu neuen Bedingungen. Hoffentlich klappts.
Kim entonkelt Nordkorea.


Dienstag, 10. XII. 13, schwarznass:
Pult: Gegen halb 11 bei mir, Pressearbeit für den Mordabend in einer Woche, Adressenkleben, langes Telefonat mit Schwenzfeier wegen unseres Abends nächste Woche. Schreibe Arnulf Rating wegen eines Abends zu Wolfgang Neuss an.
Nachmittagsschlummer und Lektüre.
Pult: Gegen 3 fertig mit dem Adressenkleben. Bücher zum Kudamm heraussuchen, Müll runterbringen, weiter in "Arbeit und Struktur" lesen, sein Wahn zeitweise nicht anders als bei sonstigen Wahnsinnigen.
(Pult, 11. XII. 13/Sofa 12. XII. 13:) "Blancanieve" (ES/F 2012) im Filmkunst 66, Mitleid mit dem Stierkämpfer gering verglichen mit dem Stier, der trotz seines Triumphes gegen den Tierquäler gemeuchelt wird. Der Stummfilm ist ein Meisterwerk, sehr berührend, Tränen als der Stier begnadigt wird und in der rätselhaften Schluss-Szene, definitiv kein Happy End, aber andererseits ein Lebenszeichen, wenn auch im Rahmen eines Locked-in-Syndroms.
Grundsätzlich ist es eine erstaunliche Absurdität, dass nach "The Artist" jetzt schon wieder ein schwarzweißer Stummfilm für Furore sorgt. Diese Filme, die Hitlers Erfolg möglich gemacht haben. Oder ist Hitler an die Macht gekommen, weil die Leute so viele Farbfilme gesehen haben?
Salat im Ali Baba, vorbei an dem Stamm-Café von Joseph Roth und Marcuse, an der Schaubühne, wo Erich Kästner immer saß.
Die Ente.


Mittwoch, 11. 12. 13, grau:
Pult: Morgen mit Vogelgezwitscher und Krähenschreien von CD, Enttäuschung: In der extra gekauften zitty keine Spur eines Hinweises auf den Mordabend, habe das Geld für das Heft zum Fenster hinausgeworfen.
Plane das Programm für Januar und die erste Hochsee Post fürs neue Jahr.
Beim Fußball ist Lukas dabei, schieße das erste Tor aus unmöglichem Winkel in die Christians kurze Ecke, leite drei Tore ein, sogar das golden goal schießen wir noch.
Lektüre, manchmal sind Herrndorfs Urteile ziemlich absurd, vielleicht sogar häufig, wenn er völlig daneben liegt und dann auch noch den von mir doch sehr verehrten Kempowski meint, kann ichs nur registrieren, am 2. 11. 2010:
"In den Neunzigern mal sehr begeistert Kempowskis "Sirius" gelesen, jetzt in "Somnia" reingeguckt, entsetzt. Der Lustigkeitshumor, der Stolz auf die eigene Kleinkariertheit und zwischendurch immer wieder ein schlimm gealterter Anti-PC-Reflex. Neger, Frauen, man will es nicht wissen."
Sein Urteil ist besonders deshalb ziemlich absurd, da sein Journal verblüffende Ähnlichkeit mit den Tagebüchern Kempowskis hat. Und das schreibt hier einer, der sie sehr gut kennt. Vielleicht hat ihn gerade das gestört, da in einem Spiegel eigentlich sich selber zu erkennen, wenn er ihn nicht sicherheitshalber zerschlägt.
Nachmittagsschlaf.
(Sofa, 12. XII. 13:) Radeln zum Concert von "Parov Stelar" zur Arena. Die göttlich, aber auch riefenstählern tanzende Cleo Panther erinnert mich irgendwie auch an die böse Stiefmutter aus "Blancanieves" sowie, wegen ihres durchchoreografierten Umgangs mit den Massen und dem Tekno an eine Mischung aus Hitler und Wilhelm II. Tanzen ordentlich und kommen gut zurück.
Legen noch Skiffle auf und die LP von John Henry Barbee, Aufnahme vom Oktober 1964 aus Kopenhagen, dessen Lebensabend mich immer sehr beeindruckt hat. Eisverkäufer in Chicago, wiederentdeckt von Dixon. Bei der Reise Schmerzen, zurück in Chicago Diagnose Krebs, er kaufte sich von der Gage sein erstes Auto und fuhr damit einen Mann tot. Er kam ins Gefängnis, den Ort, vor dem er ein Leben lang auf der Flucht gewesen war. Er konnte mit niemandem Kontakt aufnehmen und starb am 3. November elf Tage vor seinem 59. Geburtstag an Herzschlag.
Dagegen gehts mir doch gold.
Kann stundenlang nicht einschlafen, der Muskelkater in den Beinen eher Vorwand als Grund.


Donnerstag, 12. XII. 13, dunkel:
Sofa: Wache nach 7 auf, so wie ich nicht einschlafen kann derzeit kann ich auch nicht ausschlafen. Lese "Arbeit und Struktur", gegen 8 auf, um die Zeit wenigstens für die dringende Überarbeitung und Ergänzung des Interviews zu nutzen.
Schmerzen in den Beinen schon bemerkenswert, wenns beim Laufen wäre und beim Stehen nachlassen, würde ich die Schaufensterkrankheit vermuten.
Beginne mit dem Gespräch, erster Impuls ist, es zum Kotzen zu finden. Das soll ich gesagt haben? Was man für einen Unsinn redet.
Rigoletti hat das Pressebild geschickt, also Pressearbeit für "Berlin Gone Wild".
Beginne 20 nach 2 mit dem Sortieren der Neujahrskarten.
Suche nach den online-Formularen für meine Infopost und wie es nicht anders zu erwarten war ist das alles ein Alptraum, der natürlich nicht funktioniert.
Küche: Suche Bilder für einen Mythenvortrag für Sib heraus, im Gegenzug klebt, und stempelt sie und wiegt die Briefe aus.
01 Mariendarstellung aus Tschenstochau, "schwarze Madonna"
02 Zeitgenössische Hexendarstellung
http://scienceblogs.de/zoonpolitikon/2009/05/09/hexenjagd-in-der-schweiz/
03 Moritz von Schwind "Die Geburt Goethes" (1844), Allegorische Komposition mit der astrologischen Konstellation, Musen und den olympischen Göttern
http://www.goethezeitportal.de/wissen/dichtung/schnellkurs-goethe/am-grossen-hirschgraben-frankfurter-kindheits-und-jugendjahre.html
05 Nyx
http://nshrine.com/shrine/Nyx
06 Olympische Götter als Superhelden
http://powerlisting.wikia.com/wiki/Greek_Deity_Physiology
07 Rubens, Darstellung des Medusenkopfes

Freitag, 13. XII. 13, sonnig:
Pult: "Infopost ohne Umhüllung kann nicht nach- oder zurückgesandt werden." Ah, vielleicht ist das eine sinnvolle Überlegung zur wenigstens teilweisen Beerdigung von Karteileichen im nächsten Jahr, die Karten noch in Umschläge zu stecken.
Sortiere, wiege ab, zähle, nach 10 zum Internetcafé in der Hoffnung, wenigstens dort die Formulare der vermaledeiten Post zum Ausfüllen runterladen zu können.
Pult: Gönne mir im Anschluss ein Käffchen mit Berliner Zeitung in der Sonne des Nola's.
Gegen halb 3 bei mir Nickerchen, Lektüre bis nach 4. Pappe entsorgen und mir ein Buch kaufen, "Berliner Weihnachtsmarkt, Bilder und Geschichten aus 5 Jahrhunderten" von Christa Lorenz (Berlin-Information, DDR, 1987).
Mein Hirn beginnt sofort journalistisch zu rotieren. Ich könnte eine Kulturgeschichte des Berliner Weihnachtsmarktes anbieten oder eine Collage aus Originaldokumenten aus der Historie dieser Märkte von den Anfängen bis heute.
Sehe im Internet ein Video über Krebskranke, die hergerichtet werden, wobei sie die Augen geschlossen halten müssen, damit dann ein Fotograf im Augenblick der Überraschung ein Bild von ihnen schießen kann, auf dem sie sorgenfrei sind. Wie weit sind bei mir die Wechseljahre schon vorangeschritten, dass mich der Film zu Tränen rührt? Richtig hart war ich nie, aber mir scheint, ich werde mit jedem Monat noch etwas butterweicher. Ich finde das gut. Härte ist was für Muschis.
Sofa: Immerhin ist die Versendung an die Goethe-Institute unschlagbar günstig, das gilt auch für die meisten Institutionen.
Erfahre in "Schmutzige Schokolade II" auf 3satz Skandalöses über Kinderarbeit bei der Ernte von Kakaobohnen in der Elfenbeinküste.
Sichte dabei die verschiedenen Aktivitäten der Kollegen auf Facebook, ob ich jemals eine Erklärung dafür bekomme, dass die Freunde von der Reformbühne sich so harthörig auf meine Bitten zeigen, doch gelegentlich die Veranstaltungshinweise zu teilen? Inzwischen traue ich, nachdem ich es x mal angesprochen und sie x mal angeschrieben habe, gar nicht mehr, sie einfach zu fragen aus Angst vor der schrecklichen Antwort. Diese Hemmung ist zu überwinden!
Jana dreht wieder mit beleidigendem Kommentar durch, Herzrasen vor Wut, wie tut es gut, sich von ihr zu entfreunden. Die Frau ist mir im persönlichen Umgang ähnlich unangenehm, jedenfalls doch zu anstrengend, wie auf Facebook. Hoffentlich kommt sie übermorgen nicht zum Stollenessen.
Will sie auch von der Neujahrskarten-Liste streichen, aber das werde ich noch überdenken.
Nola's: Lese, dass die Wulffs vor vier Jahren im Skoda Yeti von Schloss Bellevue nach Großburgwedel gefahren sind, nach seinem Freispruch wird er politisch wieder durchstarten, mit seiner Ex ist Essig.
Sofa: Eigentlich sind alle, die von den Kosten der Neujahrskarte erfahren, sicher, dass ich wahnsinnig bin. Nur mir bleiben Zweifel. Vielleicht sollte ich mit kühlem Verstand kommenden Oktober überdenken, ob ich nicht zumindeste meine Kartei ausmiste und um die Hälfte verringere? Vernünftig wäre das, auch 500 Euro sind noch viel Geld. Nur wenn sich harte Indizien dafür ansammeln, dass ich keinesfalls diese geniale Werbung verringern sollte, darf ich wie bisher weitermachen.
Fotograf Manuel
Sofa: In der Hufeland- 9, ähnlich geschnitten wie die, in der früher Mirko mal lebte, eine erfreuliche Tanzparty, bestes Engtanzen bisher, aber nach 1 schwächel ich ob der schlafarmen Nacht.
Nola's: An Berliner: .... lange her, dass die letzte Schimpfwörter-Kolumne erschienen ist, kommt noch eine in diesem Jahr? Oder ist Schluss....


Samstag, 14. XII. 13, grau:
Pult: Schieße beim Fußball zwei Tore, Schmerzen in den Beinen moderater. In gehobener Laune Wohnung aufräumen fürs morgige Stollenessen.
Große Freude, die ersten Karten sind angekommen! Prompt beschert mir die Aktion eine Bestellung aus Hamburg über € 5,-. Läuftit? Läuft!
Auf in das Schwarzgrauen draußen, um Stollen, Brötchen, Pesto, Olivenöl, Eier, Butter und Joghurt zu kaufen.
"Der Jadehase ist in der Bucht der Regenbogen gelandet." Die Chinesen haben ein Automobil auf dem Mond gelandet.


Sonntag, 15. XII. 13, grau:
(Pult, 16. XII. 13:) T: Fliege in einem Zeppelin über Jerusalem, habe einen Anlegemast erfunden, der auch bei wechselndem Wind gefahrloses Aussteigen von der Spitze des Luftschiffs aus ermöglicht.


Montag, 16. XII. 13, sonnig:
Pult: Langes Ausschlafen, Frühstück im Bett, während die Sonne scheint.
Pressearbeit Kafka, vergebliche Suche nach dem Kakerlakenbild für die nächste Hochsee Post,
Vergesse über der Arbeit glatt meinen Zahnarzttermin aber kann ihn für morgen erneuern.
Friemel noch bis gegen 5 an der Hochsee Post, vielleicht bekomme ich sie sogar heute fertig und kann sie morgen schon in Druck geben? Erstmal Zeitungslese-Pause.
Sofa: Ob ich krank sei, fragt Paul, als ich mich im Keller vergewissere, ob ich tatsächlich im Januar zwei Hochsee Rätsel habe.
Angeschlagen durchaus, ob das alles auf den ersten Marihuana-Genuss seit drei Wochen zurückzuführen ist?
Peter O'Toole am Wochenende gestorben, erfahre ich, was der geraucht hat! Chronischer Trinker war er.


Dienstag, 17. XII. 13, heiter:
Pult: Um 9 nach fast 12 Stunden Schlaf erfrischt auf mit meiner unfassbar schönen Freundin.
Beginne nach Frühstück gegen 10 mit der Playlist für den heutigen Mord-Abend:
Johnny Cash "Mercy Seat"
Lightning Hopkins "Shotgun"
Willie Nelson & Johnny Cash "Folsom Prison Blues"
Mississippi John Hurt "Frankie"
Johnny Cash "Delia's Gone"
Jimmie Rodgers "T for Texas"
Johnny Cash "25 minutes to go"
Erstmalig seit meiner Zeit bei der "Unaufgefordert" schreibe ich wieder eine Kolumne direkt ins Layout.
Zahnarzt erfreulich, nur wenig Zahnstein muss entfernt werden, Zahnseide, ja, die sollte ich regelmäßig, mindestens dreimal in der Woche benutzen.
"Jailhouse Rock" (USA 1957) aus der Filmgalerie und für den Abend sichten.
Totschlag bei 3:46 bis Verurteilung 4:40
Erst singt Zellengenosse, alter Country-Sänger, 12min Elvis singt, Kumpel Hunk bringt ihm Gitarrenspiel bei.
15:30 Elvis' 1. Auftritt im Knast. "I want to be free"
19:30 Aufstand im Knast
20 Elvis wird ausgepeitscht.
28 Er springt einfach auf die Bühne, singt & zerschlägt danach die Gitarre.
30 Erster Song im Studio
35 Er findet seinen eigenen Ton.
40 Atonaler Jazz vertreibt ihn aus dem Elternhaus seiner Agentin.
44 Plattenfirma klaut Elvis' Song, er schlägt den Boss.
49:30 typischer Elvis Titel "Treat me Nice"
1:00 Knastkumpan taucht wieder auf.
1:01 bis 1:05: Jailhouse Rock, Elvis' Kumpel wird rausgeschnitten.
1:15:10 bis 1:17 "Baby, I don't care"
1:24 Hunk schlägt ihn zusammen, Krankenwagen, Arzt: Vielleicht Stimme weg.
1:30 Vincent singt wieder, End, unbedingt abbrechen, wenn es erscheint.
Fragen: Wo geb., Elternhaus?
Elvis, wann zuerst gehört? Film gesehen?
Wieviel Totschlägern begegnet? Der 1.?
Wieviel Mördern? Der 1.? Der schlimmste?
ANG Kriminelle Karriere, gibt es eine typische kriminelle Karriere, die zum Kapitalverbrechen führt?
Bekomme einen Anruf von einem Mitbewohner von Michael Haufe, der mich in der Zeit dieser Charité-Prozesse unterstützt hat, er hat einen Wespenstich in den Hals bekommen, Gehirn war sauerstoffunterversorgt, nach zwei Monaten im Koma ist er nun eingeschlafen.
Er schrieb mir mal: "Mein Job als Autor und GesellschaftKritiker ist es nun mal, frech und aufmüpfig zu sein. Nur weil das Ganze Ding " Demokratie" heißt, ist noch längst nicht alles so, wie es sein sollte. Und ich lasse mir nicht einreden, daß es nicht auch vernünftiger zugehen könnte..."
Pult: Schreibe David Ensikat und kopiere in angenehmer Aufregung noch Aufnahmen vom Q3HD auf die Festplatte, um genug Speicherplatz für den heutigen Abend zu haben.


Mittwoch, 18. XII. 13, hellblau:
Pult: Gebe den Druck von Hochsee Post No. 4 in Auftrag. Das Hochladen verzögert sich, rund 4 mal ist die Druckfreigabe nicht möglich, erst neu ohne Schnittmarken klappt es.
Kucke nach einem reizvollen Thema in meinen Schimpfwortaufzeichnungen und widme mich den Sapperlot sackernden Sackermentern.
Café Sovey: Zu Ralf, Vorzüge abholen, schöne Stifte kaufen, einen roten und einen silbernen Edding, erstes Exemplar kolorieren, dann Recherchen zu Sapperlot.
Sofa: Grandioser Jahresrückblick im Mehringhof, Gauck wird mir in der Parodie von Heesch richtig sympathisch.
Bedenkliche Mengen Tee habe ich bei mir gehortet, fast 100 Euro dafür ausgegeben. Keine vernünftige Handlungsweise angesichts meiner ökonomischen Situation, eher Sucht.


Donnerstag, 19. XII. 13, bedeckt:
Schreibtisch: Karte von Heinrich Scholl, antworte ihm in einem Brief mit vielen Fragen.
Energielos an die Verschickung der Vorzüge an Steffi, Datenpflege mit den Rücksendungen der Neujahrskarte.
Schlechte Laune.
Pult: Gut, dass mich Stimmungen nicht davon abhalten, meine Umgebung mit unbestechlicher Objektivität wahrzunehmen:
Durch die schwärzliche Fehrbelliner zum dunklen Kaisers, ein verzweifeltes Tip-Magazin mit falscher Telefonnummer, in die traurige Kapelle, die mutlose FAZ lesen, dann über den schlappen Zionskirchplatz und die düstere Kastanienallee, in den melancholischen Lidl-Markt, deprimierte Butter kaufen und durch die nasskalte Choriner zurück.
Sofa: Eine Simpsons-Folge, in der sie im äthiopischen Stadteil landen und dort essen. Aah, das herrliche äthiopische Essen!
Beginne mit der Planung für den Workshop Zeitung.
Auf Kulturzeit wird Herrndorfs "Arbeit und Struktur" vorgestellt, das Interview von 2003.
Jim Jarmuschs "Stranger than Paradise" habe ich aus der Videothek geholt, kucke ihn mit Lisa, nachdem wir uns die Bäuche mit gefüllten Gnocci vollgeschlagen haben. Ihr ist der Film schnell zu langweilig, ich gehe für mein Angebot des Zeitungsworkshops meine Kontakte von den Goethe-Instituten durch.
Gegen 11 Hannes. (Haliflor, 20. XII. 13:) Als ich von meinen geheilten Depressionen erzähle, erwähnt er die schweren Jahre, die er hatte. Bin einigermaßen sicher, dass die Jahre ohne Depressionen nicht so schwer gewesen wären. Wolodja noch dabei, der merkwürdigerweise meine Neujahrskarte noch nicht bekommen hat.
Viele zu spät ins Bett, kurz nach 1, mit dem jodelnden Jimmie Rodgers. (Pult, 20. XII. 13:) T für Teltow, T für Tennessee,
T für Teltow, T für Tennessee,
T für Tanja, die vergess ich nie (blöd)
T für Tina und ihre Nymphomanie
T für Tanja, die mir den Stecker zieht


Freitag, 20. XII. 13, dunkel:
Küche: Übermüdet bei der unseelige Frühstücks-Doppelschicht, während Ella schon abgepfiffen ist, hat Lisa den schweren Weg aus dem Bett noch nicht geschafft. Setze mein Anschreiben der Goethe-Institute fort.
Pult: Ungefähr 100.000 Abwesenheitsnotizen. Ins Bett halb 9.
Erst halb 1 schaffe ich es, verschlafen daraus hervorzukriechen, Datenpflege Goethe-Institute, eine sicherlich lohnende Beschäftigung.
Pressearbeit für unsere Gala.
Schreibtisch: Dabei kommt die zuerst unfassbare Mail: Meine Mühe mit dem Arbeitstag Datenpflege und Anmailen der Goethe-Institute scheint sich aufs prächtigste auszuzahlen: Interesse aus Brasilien!
Wie ich auf meinem winzigen Uraltrechner so lange tippe, bis die Welt zu vibrieren beginnt.
Haliflor: Stecke die Karten für Lottum 9 und 10 ein, circa 10 Euro Porto spare ich dadurch.
Durch die dunkle Kälte spaziere ich an der Videothek in der Kastanie vorbei, "Stranger than Paradise" hat mich trotz, vielleicht auch wegen der dabei verrichteten Büroarbeit nicht überzeugt.
Im Haliflor an "Sapperlot", pflüge mich durch Sapperment und Sackerlot und Sakrament. 10 vor 6 Feierabend.

Samstag, 21. XII. 13, locker bewölkt:
Hochbett: Schieße zwei Tore, eine schöne Bogenlampe aus der Distanz ins kurze Eck, Horst ist nicht darauf gefasst, und das golden goal zum Schluss.
Hochbett: Noch etwas am Sapperlot-Text, wie schön, im Bett arbeiten zu können.


Sonntag, 22. XII. 13, grau:
Pult: Klingendes Sonntagsrätsel mit Kaffee und Plätzchen im Bett, die Band America erkennen wir nicht und auch nicht die Oper nach einem deutschen Märchen.
Horst im Radio, ein italienischer Antiquar hat ein Galileo-Manuskript gefälscht und alle Forscher, einschließlich Bredekamp, sind darauf hereingefallen.
Vorbereitungen meines Stadtspaziergangs, in einer Stunde gehts los vom Senefelder-Denkmal am Senefelderplatz.
(Schreibtisch, 23. XII. 13:) Verkaufe zwei Vorzugsausgaben, ob das nur daran liegt, dass ich vergessen habe, Hochsee Post und Neujahrskarten zu verteilen?
Lea taucht noch auf,...


Montag, 23. XII. 13, sonnig:
Pult: Gegen 11 auf, hätte aber gut noch ein Stündchen länger schlafen können.
Der Verfall der Tastatur meines PowerBook G4 hat ein rasantes Tempo angenommen, nach dem G ist jetzt auch die linke Umschalttaste herausgebrochen.
Vielleicht 2014: Erreiche dein nächstes großes Ziel 100 „Gefällt mir“-Angaben für Hochsee Touren.
Schreibtisch: An die Korrekturen in der Sapperlot-Kolumne. Schade, dass ich auf den Weihnachtsmann, erst so spät gekommen bin.
Höre mir "Sie Clown. Sie Depp. Sie Weihnachtsmann - die Kunst der Beleidigung" von hr2 an.
hr2 - Der Tag Podcast 01.03.13 22:13 Uhr
Damals gings noch um die Beschimpfung "Clown" auf Berlusconi, erinnert sich da noch jemand?
Fantastische Beschimpfung Thomas Bernhards durch einen Franzosen Hervé Guibert, aber auch der Burg-Schauspieler durch Bernhard.
http://www.thomasbernhard.at/index.php?id=311
Eine äußerst leidenschaftliche Reaktion provozierte Bernhards Werk bei Hervé Guibert, einem französischen Autor, Fotografen und Videokünstler (1955-1991). Sie stand im Zeichen seiner unheilbaren Aids-Erkrankung und ist vor allem in seinem Bestseller Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat (1990, dt. 1991) nachzulesen. Einerseits übernahm Guibert aus Bernhards Werk Strategien zur Bewältigung der eigenen Krankheit, andererseits führte die weit gehende Identifikation zu einer konfliktgeladenen Auseinandersetzung mit dem Vorbild – im Angesicht des Todes: Die „Bernhardsche Metastase“ habe sich „gleich der Ausbreitung von HIV“, das in seinem Blut die Lymphozyten verwüste und seine Immunkräfte zusammenbrechen lasse, „mit Höchstgeschwindigkeit“ in seinem Körper und in seinen „vitalen Schreibreflexen ausgebreitet“, schreibt Guibert; sie nehme sein Schreiben gefangen, „um ihre verwüstende Herrschaft darauf auszudehnen“.
Sofa: Beim Ansehen der Interessenbekundung aus Sao Paulo bleibt sie doch ziemlich vage, also habe ich mich etwas zu früh gefreut. Weiterhin bis gegen Mitternacht Datenpflege Goethe-Institute, insgesamt doch einigermaßen befriedigend.


Dienstag, 24. XII. 13, grau:
Küche: T: Habe eine tödliche Krankheit, mit Tilo in einem großen Hospiz, dieses Schwimmbecken ist mit Heroin gefüllt, so dass es ein süßer Tod sein wird. Ich versichere Tilo, dass es nicht weh tun wird. Wir springen hinein, ich inhaliere das Heroin und es ist nicht einmal unanangenehm. Danach ist es unklar, ob wir tot sind oder noch leben, aber wir haben angenehme Stunden, Tage. Ich weiß, wenn es mir zu viel wird, höre ich auf zu trinken, dann werde ich sterben. Keinerlei unangenehme Gefühle oder Ängste.

Eigenartig, wie der Tod im Traum ohne Schrecken daherkommen kann.
Pult: Erstmalig seit vielen Monaten arbeite ich wieder an einer Chronik fürs Internet. Meine Überzeugung ist: Es kann nicht schaden.
Telefonate nach einem Weihnachtsmann-Bart, Markus hat seinen verborgt, zum Glück war Miron nicht artig, weshalb der Weihnachtsmann dieses Jahr nicht kommt und ich seinen Bart ausborgen kann.

20
Nov
2013

Traum mit Kafka

Mittwoch, 20. XI. 13, grau & nass:
Sofa: Heute morgen einen beeindruckenden Traum gehabt.
T: Kafka, auf seinem Buch steht "Typhus", treffe meine neuen Lektoren in einem großen Schlafsaal, der wegen eines Autorennens dicht belegt ist. Mir wird das freigewordene Bett bezogen. Ob die Zusammenarbeit diesem früheren Lektoren Kafkas gelingen wird, ist sehr fraglich. In einem Urlaubs- und Strandparadies. Einer Frau wird eine Schlange um den Hals gehängt, so dass sie erschreckt.
Kafka kommt in eine Küchengesellschaft in der Torstraße über dem Burger, für einen Jungen hängt er ein aus Papier und Metall selbstgebasteltes Tanzpaar auf., als die Füße des Tänzers die Tischplatten berühren, tanzt er einen wilden Step.

Mit der Interpretation will ich mich zurückhalten, jedenfalls sind Kafkas letzte Aufenthalte in Berlin darin eingegangen.

26
Aug
2013

www.Falko-Hennig.de

Mittwoch, 11. September, 20.30 Uhr, auf 88,4 MHz (Berlin) und 90,7 MHz (Südwesten) sowie http://www.piradio.de/:
Klingendes Radio Hochsee Rätsel No. 41
mit Ansgar Oberholz

Fußball bei Schneesturm und Blitzeis

Guenther-Wiehler
Günther Wiehler (1944-2013)
© Falko Hennig


Mischzone

Wir nehmen Abschied von Günther Wiehler. Wir, das sind die Fußballer von "Mischzone", einer bunten Fußballmannschaft, in der Günther seit 1972 spielte.
Seit 2005 habe ich mit ihm zweimal die Woche in dieser zusammengewürfelten Truppe Fußball gespielt. Mit welchem nicht-Blutsverwandten habe ich sonst acht Jahre lang jede Woche vier Stunden verbracht? Mir fällt niemand ein, nicht einmal die Reformbühne, bei der ich seit 1995 jeden Sonntag bin, kann da mithalten.
Ursprünglich war Mischzone eine Gruppe von Theologie-Studenten, die im Monbijou-Park spielte, dann auf den Plätzen in der Kleinen Hamburger Straße, in der Invalidenstraße und an der Plantsche, das ist beim Planschbecken am Nordbahnhof. Ende der 1970er kamen durch Günther viele Akrobaten dazu, ab den 1990er neben vielen Jugendlichen unter anderem der Kulturwissenschaftler Horst Bredekamp und ich. Aber Günther war seit Jahrzehnten der einzige, der von Anfang an mitspielte, bis jetzt.
Dass manche jüngere Spieler bei Hagel, Schneesturm oder Blitzeis einfach nicht erschienen, konnte er nicht verstehen. Ja, wenn sie verletzt oder krank gewesen wären, aber einfach so?
Vor fünf Jahren hatte er sich beim Fußball Schien- und Wadenbein gebrochen, danach fehlte er das einzige mal. Bei allen leichteren Verletzungen kam er trotzdem, egal ob er sich etwas gebrochen oder geprellt, ob er erkältet oder vergrippt war, ob ihm der Rücken weh tat oder die Rippen schmerzten, Günther war pünktlich zweimal in der Woche auf seinen Fußballplätzen Kleine Hamburger- und Invalidenstraße.
Als er ausblieb wegen seiner schwerer Operationen und den vielen Chemotherapien zeigte das, wie krank er war. Doch dann kam er kam wieder, übers ganze Gesicht vor Glück strahlend! Dünner, etwas langsamer, aber er rannte und schoss noch so manches Tor.
Nie werden Sebastian und Habib vergessen, wie Günther vorgerückt von seiner Position als Verteidiger bis an den gegnerischen Strafraum aus der zweiten Reihe den Ball mit seinem berühmten Pieke-Schuss unhaltbar unter die linke Ecke knallte. Wenn er das schaffte, nachdem fast seine ganze Leber entfernt worden war, dann musste er doch den Krebs besiegt haben!
Er war die unbestrittene Respektsperson bei den Jugendlichen, Studenten und Erwachsenen aus fast allen Erdteilen, die bei Mischzone spielten, beim Brasilianer Alex, bei den Franzosen Habib und Pierre, beim Kolumbianer Samuel, dem Japaner Jon, dem Algerier Fares, den Russen Dmitri, bei den vielen Griechen, Spaniern, Türken und Italienern.
Besonders mit Jungfußballern ergaben sich Sympathien, die einige Generationen überbrückten, Freundschaften, wie zum Beispiel mit Marko und Philipp, die über Jahre hielten, bis die Jungs nun selber schon Jungs haben oder Mädchen.
Aber auch für Stefan, den Ausflugskapitän auf der Spree, für verschiedene Anwälte und Dokumentarfilmer im Team war Günther die natürliche Autorität durch sein ruhiges Wesen und seine klugen Worte.


Kindheit und Jugend

Die meisten Menschen aber kannten Günther nicht vom Fußball, sondern als zuverlässigen und tüchtigen Tischler, der ihnen alles nach Wunsch fachgerecht baute, ob nun einen Laminatboden oder ein Hochbett, eine Küche oder eine Regalwand. Die Ausstattung für seine Stammkneipe Gambrinus war ihm so gut gelungen, dass sie sogar mit dem Lokal von der Linien- in die Krausnickstraße umzog und das Nobelhotel Adlon beauftragte ihn immer wieder, wenn Stühle aus seinem exklusiven China Club restauriert werden mussten. Wenn jemand von uns ein Tischlerproblem hatte, ob nun Alex, Samuel, Thoralf oder Horst, immer tischlerte er prompt, hilfsbereit und für viel zu wenig Geld.
Er war kein Angeber, von seinem abenteuerlichen Artisten-Leben, das er über 25 Jahre führte, erzählte er nicht jedem.
Er wuchs als Flüchtlingskind auf Rügen auf. Aus Ostpreußen waren er, seine Mutter und die fünf Geschwister 1945 nach Neu-Mukran bei Sassnitz entkommen. Nur einem Zufall verdanken sie es, dass sie nicht mit der "Wilhelm Gustloff" untergingen. Der kriegsgefangene Vater kehrte erst viele Jahre später zurück.
Günther lernte den Beruf des Tischlers und arbeitet als Handwerker. Doch seine wahre Begeisterung gehörte der Natur, besonders den Vögeln. Er arbeitete als Präparator im Meereskundemuseum Stralsund. Als Ornithologen und Naturschutzbeauftragten wurde ihm sogar ein eigenes Forschungs-Terrain zugewiesen, er hatte seine geliebten Feuersteinfelder zu beobachten und zu dokumentieren.


Tornados

Dass er zum Zirkus, oder vielmehr zuerst zur Artistik kam, hat mit Republikflucht zu tun. Es war Günthers Zwillingsbruder Heinz, der als erster von der Artistenschule in Berlin gehört hatte, sich dort bewarb und Akrobat wurde. Als 1967 Mitglieder der berühmten Schleuderbrett-Gruppe "Tornados" versuchten, ins westliche Ausland zu flüchten, holte Heinz seinen Zwillingsbruder Günther nach Berlin und der Tischler wurde als Untermann "eintrainiert".
Der Untermann hat bei einer Schleuderbrett-Nummer am meisten auszuhalten. Bis zu drei Personen musste Günther auffangen und tragen. Die unzähligen Verletzungen und Bandscheibenvorfälle, die er sich dabei zuzog, waren für ihn kein Grund, sich jemals krankschreiben oder eine Vorstellung ausfallen zu lassen. Sie hatten Tourneen in die Tschechoslowakei, aber auch Russland und den Kaukasus besuchten sie, traten in fast alle für DDR-Bürger möglichen Bruderstaaten auf.
Bei den Zirkusleuten daheim war die "Matinée" besonders unbeliebt. Nach einer harten Woche mussten die Tornados sogar am Samstag Abend auftreten, in einem besonderen Zirkuswagen wurde dann nach der Vorstellung der Feierabend begangen. Um so schwerer fiel es den Artisten, dass sie am Sonntag Morgen auch noch zu dieser Matinée früh aufstehen mussten.
So manche dieser Matinéen fielen so auch sehr wacklig aus. Es kam vor, dass sämtliche Artisten schlicht noch betrunken waren. Jedenfalls hat es Günther so erzählt. Aber nie waren sie so betrunken, dass ein Zuschauer etwas gemerkt hätte. Die Tornados waren routiniert genug, auch die schwierigen Sprünge der Nummer ohne Probleme aufzuführen.
Die Tornados waren exklusiv im Zirkus Berolina zu sehen, denn in der DDR war die Zirkus-Artistik genau geregelt. Keiner wagte, sich dagegen aufzulehnen. Die Tornados trauten sich Anfang der 70er Jahre das bis dahin Undenkbare: Sie kündigten und machten sich selbständig. Dieses Recht hatte sich bis dahin noch keine größere Artisten-Gruppe in der DDR herausgenommen.
Doch das Wagnis ging auf, die Tornados bekamen ihr erstes Engagement im alten Friedrichstadtpalast, es wurde ein Riesenerfolg. Sie konnten sich sogar längere Engagements in der Schweiz, Frankreich, Finnland, Schweden und Dänemark organisieren, die notorisch an Devisen knappe DDR-Führung ließ die Gruppe mit ihrem Wolga samt Anhänger zu den Auftritten reisen, wichtigster Grund dafür waren die 25% vom Westgeld, die sie bei ihrer Rückkehr bei den Behörden abzuliefern hatten.
Ein Engagement bei der beliebten Fernsehsendung "Machs mit, machs nach, machs besser!" zwang die Gruppe einmal, anstatt eine Nacht in Paris zu verbringen, direkt nach Karl-Marx-Stadt zu reisen. Man muss kein DDR-Bürger sein, um die Gefühle der Tornados nachzuempfinden.



Berolinas und HSG13,

Eine andere Gruppe waren die "Berolinas", bei denen Günther Wiehler in einer Saison einsprang. Am Publikum an der Manege fuhr das Motorrad im Kreis und versetzte einen hohen Mast auf der anderen Seite in Bewegung, oben hing Günther mit den Kniekehlen an einer Stange und mit den Händen hielt er seinen Partner. Zur Schwerkraft kam die Fliehkraft. Kurz darauf waren sie mit den Füßen miteinander verhakt, Günther hielt sich mit den Händen fest. Doch sein Compagnon hatte seine Füße nicht an der richtigen Stelle und wäre fast ins Publikum geflogen. Günther war sauer:
"Wenn Du abgestürzt wärst, dann wäre es Deine Schuld gewesen, aber mir hätte man sie gegeben!" Günther hatte entzündete Kniekehlen, spürte seine Beine nicht mehr, weil die Nerven abgeklemmt waren. Der Lohn der Mühe waren 13 Ostmark pro Vorstellung zusätzlich.
Eigentlich stand die Abkürzung HSG für Haussportgemeinschaft, in jedem Haus in der DDR, fand die Regierung, sollten die Menschen gemeinsam Sport treiben. Doch Günther und seine Artisten-Kollegen entwickelten eine Nummer mit viel Slapstick, in der sie sich in komischen, altertümlichen Kostümen über einen Sprungkasten schleuderten. Ironisch nannten sie sich HSG13, die Gruppe wurde bekannt im Zirkus, in Varietés und im Fernsehen, 1991 traten sie zum letzten mal auf.
Seitdem arbeitete Günther hauptberuflich als Tischler, aber eigentlich hatte er auch die ganzen Jahrzehnte als Artist nebenberuflich getischlert. Dass Günther nicht arbeitete, Fußball spielte oder surfte, das gab es nicht.
Viele Jahre pflegte er seine hochbetagte Mutter im eigenen Haus. Günther war gutmütig und wissbegierig in alle wissenschaftliche Richtungen, es schien nichts zu geben, was ihn nicht interessierte: Mathematik, Architektur, Archäologie. Jeden Tag trank er sein Bier im Gambrinus am Oranienburger Tor, um danach zwei bis vier Stunden bei Dussmann Bücher zu lesen. Erst dann fuhr er wieder zu sich nach Hohenschönhausen.


Stammtisch gegen die SED

Stetig pflegte er seine Freundschaften, so war er seit Anfang der 1960er Jahre Teil einer Stammtisch-Runde in der "Alten 116", der Studentenkneipe am Oranienburger Tor genau dort, wo jetzt der amerikanische Schulbus steht. Der Stammtisch zog erst in die Jette in der Novalisstraße, dann ins Gambrinus.
Politisch stand dieser Stammtisch gegen das DDR-System, so wurde in jedem Jahr am 17. Juni eine Grillfete gefeiert. Kam die misstrauische Volkspolizei und fragte nach dem Grund für die Zusammenkunft, antwortete Günther:
"Wir feiern den Weltfriedenstag!" Obwohl der an einem ganz anderen Tag war, hatte die Staatsmacht keine Handhabe gegen die Grillgesellschaft.
In diesem Jahr kam Günther zum letzten mal zu diesem Fest, um sich zu verabschieden.


Surfen und der letzte Flug

Ungefähr genauso begeistert wie vom Fußball war Günther vom Segelsurfen. Diesen in der DDR völlig neuen Sport hat er mit aufgebaut, als Tischler entwickelte er eigene Surfbretter, konstruierte Segel aus Fallschirmseide, und mit dem Wind in den Händen segelte er mit seinen Brettern vor Thiessow auf seiner Heimatinsel im Greifswalder Bodden. Bei manchen hieß Thiessow "Hawaii des Ostens", weil es der einzige Ort war, wo man in der DDR auf dem Meer surfen durfte.
Sein über 20 Jahre jüngerer Neffe Markus gelang es trotz seiner Jugend und mit allem neuesten technischen Zubehör nicht, den alten Günther auf seinem uralten Brett einzuholen.
Andere Leidenschaften von Günther waren das Tauchen und das Fliegen. Schon bei einem Gastspiel in Schweden war er in der Zeit des Eisernen Vorhangs, nach DDR-Gesetz streng verboten, mit einem Kleinflugzeug mitgeflogen.
Seines Neffe Markus ermöglichte die Erfüllung eines Traums, als Günther von der Unheilbarkeit seiner Krankheit wusste, aber körperlich noch kräftig genug für einen ganz besonderen Flug war. Es ging los in Berlin, von Kyritz, wieder mit einer Cessna wie damals in Schweden, zu einem Rundflug über die Insel Rügen, über den Landhaken von Thiessow, in Sassnitz über seine Schule und über die Werkstatt, in der er Tischler gelernt hatte, über Binz und die Feuersteinfelder bei Mukran. Günther erkannte jeden Vogel, jedes Feld, zu jedem Grashalm, so schien es, hätte er etwas erzählen können. Günther war, als würde er noch einmal sein ganzes Leben von oben betrachten und er konnte es trotz Krankheit genießen.
Gemeinsam mit dem Neffen fuhren sie in seinen Heimatort zum Essen und flogen dann zurück. In den wenigen Wochen, die ihm danach noch blieben, erzählte er immer wieder begeistert davon, wie er die Stätten seines Lebens aus der Luft gesehen hatte.


Abschied

Neben Neffe Markus stand Günther in den letzten Kranhkeitsjahren besonders seine Schwester Christel bei, in den letzten Stunden war Günthers Nichte Evelin (?) bei ihm.
Unsterblich ist er für die Mannschaft Mischzone nicht nur durch seine Zuverlässigkeit, seine Pieke-Schüsse, Pässe und Flanken, sondern durch einen simplen Trick, mit dem er sich bei Schnee die Füße warm hielt. Das Problem kennt jeder Fußballspieler draußen im Winter: das eiskalte Matschwasser lässt die Füße frieren, bis sie taub werden. Das geniale Mittel von Günther dagegen: Unter die Strümpfe je eine Plasttüte über den Fuß gezogen und das Eiswasser kann den Zehen kaum noch etwas anhaben.
Erst war es nur er, der sich auf diese Art gegen die Kälte wehrte, bald aber hatten fast alle in der kalten Jahreszeit die Tüten über den Füßen. Auch im kommenden Winter werden wir auf diese Art geschützt sein, Günther wird nicht mehr als Person dabei sein, aber in unserer Erinnerung und auf unseren Trikots und mit seinem Rezept gegen Eisfüße.
Wir wissen nicht, ob wir, wie Günther, bis knapp 70 Fußball spielen werden. Aber wenn wir dann noch spielen, werden wir Dank Günther warme Füße haben, er wird unser Vorbild bleiben.
Wir alle mussten uns schon mehrfach von ihm verabschieden: auf dem Fußballplatz, wo er zuletzt bei einem Turnier vor einigen Wochen auftauchte, bei ihm zu Hause, wo er auch todkrank noch rastlos werkelte, bei seinen Stammtischen im Gambrinus, dem am Kollwitzplatz oder "Der guten alten 116", schließlich im Hospiz in Lichtenberg, wo er am 28. Juli starb.
Günther, wir vermissen Dich als Freund, Sportler und Mensch, ruhe in Frieden!

Berlin, 23. VIII. 13
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